Archiv der Kategorie: NO TAV

Wogegen sich die Talbevölkerung seit vielen Jahren zur Wehr setzt sind die Bauvorhaben der Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Turin und Lyon. Das aus dem Jahr 1989 herrührende Projekt sieht vor, in dem durch Transitverkehr bereits stark belasteten Susatal einen der längsten Basistunnel der Alpen entstehen lassen. Zunächst für den Personenverkehr konzipiert, soll die Strecke nun im Rahmen des transeuropäischen ‚Verkehrskorridor 5 Kiev – Lissabon‘ auch als Gütertransportverbindung fungieren – wobei allerdings noch nicht einmal Hochrechnungen der Betreibergesellschaften davon ausgehen, dass von diesem Angebot besonders rege Gebrauch gemacht werden wird.

NO TAV: Wieder über 1.000 neue Grundbesitzer im Susatal

Ein «Laboratorium der Basisdemokratie» nannte Marco Revelli von der Università degli Studi del Piemonte Orientale kürzlich das piemontesische Susatal. Er weiß, wovon er spricht, nicht nur als Politikwissenschaftler: Er gehörte zu den Protagonisten der Turiner StudentInnenbewegung und war auch an den großen Fiat-Streiks von 1980 beteiligt.

Die Ursprünge dieses «Laboratoriums» entstanden Ende der achtziger Jahre. Damals reifte bei den Behörden der Plan, durch das von einer Autobahn, Staatsstraßen und der TGV-Eisenbahnlinie bereits stark belastete enge Susatal zusätzlich eine Hochgeschwindigkeitslinie (Treno ad Alta Velocità,TAV) zwischen Turin und Lyon zu führen. Dafür ist einer der längsten Basistunnel im Alpenraum notwendig, mit dessen Bau auf die Bevölkerung eine nicht abschätzbare Schadstoffbelastung zukäme: Der Tunnel soll auch durch asbest- und uranhaltiges Gestein getrieben werden.

Hüttendörfer und Mahnwachen

Seit über zwanzig Jahren kämpft die Bevölkerung des Susatals zusammen mit lokalen PolitikerInnen und verschiedenen Umweltorganisationen gegen dieses unsinnige Großprojekt. Um die drohende Zerstörung ihres Tales zu verhindern, haben sich die TAV-GegnerInnen – flankiert von vielen WissenschaftlerInnen – ein breites Wissen aufgebaut. Sie verweisen auf die Möglichkeit, die bereits vorhandene Bahnlinie auszubauen; sie ließen Kosten-Nutzen-Analysen anfertigen und zeigten die langfristigen Folgen für Bevölkerung, Umwelt, lokale Betriebe und Tourismus auf; sie wandten sich an ihren Staatspräsidenten; und sie sammelten Unterschriften, die dem Petitionsausschuss der Europäischen Kommission in Straßburg übergeben wurden, da die EU das TAV-Projekt mitfinanziert.

Alle Entscheidungen der TAV-GegnerInnen werden in großen BürgerInnenversammlungen gefällt und im Konsens getragen. Übrigens nicht nach dem Sankt-Florians-Prinzip: Längst haben sie sich international vernetzt, arbeiten zusammen mit Initiativen aus Deutschland, Frankreich, dem Baskenland und England und waren (wir berichteten) Ausrichter des 1. Europäischen Forums gegen unnütze Großprojekte.

Die BewohnerInnen des Tals haben seit Beginn ihres Kampfes nicht nur jeden erdenklichen Weg durch die Institutionen beschritten. Sie waren auch sehr fantasievoll in ihren Aktionen: So haben sie überall im Tal Hüttendörfer und Mahnwachen errichtet. Und bereits dreimal haben sie an mutmaßlichen Einstichstellen für Erkundungsstollen – die BetreiberInnen nehmen laufend Änderungen an der geplanten Trassenführung vor – Grundstücksparzellen erworben, um sich damit bei den zu erwartenden Enteignungsverfahren unter dem Motto „compra un posto in prima fila“ in die erste Reihe zu stellen.

Korrekt enteignen

Ende Oktober fand nun die vierte NO-TAV-Landerwerbsaktion statt. Diesmal in Susa, nur einen Steinwurf entfernt von dem Areal, auf dem der neue internationale Bahnhof von Susa entstehen soll. Während landesweit immer mehr lokale – gerade für die PendlerInnen wichtige – Bahnstrecken stillgelegt werden, soll hier für 48,5 Millionen Euro nach den Plänen des japanischen Architekten Kengo Kuma ein Prachtbau für die TAV-Strecke errichtet werden, obwohl deren Trassenführung noch immer unklar ist. Erst im nächsten Jahr soll das Projekt von der italienisch-französischen Betreibergesellschaft LTF (Lyon Turin Ferroviaire) öffentlich vorgestellt werden.

Dass das umstrittene, allein für Italien über zehn Milliarden Euro teure Bauvorhaben nicht zur Disposition stehe, machte der ansonsten so sparfreudige Regierungschef Mario Monti gleich zu Beginn seiner Amtszeit klar. Und bekräftigte dies im September erneut bei einem Gipfel mit seinem französischen Amtskollegen François Hollande.

Und so fanden sich am 28. Oktober 2012 bei strömendem Regen über tausend Menschen ein, um vor einem Notar einen Eintrag ins Grundbuch vorzunehmen. Der Charme dieses Instruments aus dem «Laboratorium der Basisdemokratie» liegt in der Bildung einer einzigen EigentümerInnengemeinschaft mit möglichst vielen Mitgliedern. Denn enteignet werden kann schnell, doch jedes Mitglied muss schriftlich und vor allem korrekt darüber informiert werden. «Und wenn dabei auch nur ein Name verkehrt geschrieben wurde, wenn auch nur eine einzige Ziffer der Steuernummer falsch ist – dann ist die gesamte Enteignung ungültig», erläutert Alberto Perino, Sprecher der NO-TAV-Bewegung.

1056 Personen haben an jenem Tag persönlich oder per Procura die notarielle Urkunde unterzeichnet, zieht Perino am Abend dann das Fazit. Und fügt hinzu: «Ein weiteres Sandkorn, das ins Getriebe des TAV geworfen worden ist.»

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Partisanenpfade im Piemont – jetzt erschienen

Il libro è aperto - das Buch ist jetzt verfügbar – könnte man mit viel Phantasie und bei großzügiger Auslegung der italienischen Sprache sagen, hatte aber eine auch noch ganz andere Bedeutung:

Hochebene Conca del Prà Seit 1950 steht auf der idyllischen Hochebene Conca del Prà das Rifugio Willy Jervis in Erinnerung an einen der bekanntesten Protagonisten des Widerstandes im Val Pellice. Willy Jervis wurde am 5. August 1944 auf der zentralen Piazza von Villar Pellice erschossen, nachdem er den Deutschen in die Hände
gefallen war. Die ausgedehnte Hochfläche, über Villanova zu Fuß in ca. 3 h zu erreichen, ist heute zu Recht ein beliebtes Ausflugsziel, eignete sich aber auch hervorragend für die ab Juni 1944 vorgenommenen alliierten Versorgungsabwürfe. Wenn Radio London mit den Codewörtern Il libro è aperto einen Abwurf avisierte, eilten die Menschen aus Bobbio Pellice zur Conca hinauf, um Waffen, Munition und Lebensmittel einzusammeln.

Ein Interview zur Veröffentlichung
Wir haben uns kurz vor Erscheinen des Buches mit Hans-Peter Koch von SeeMoZ  (SeeMoZ – Lesenswertes aus Kultur und Politik für den Bodenseeraum und das befreundete Ausland) unterhalten – über Geschichten und Geschichte im Piemont, über grandiose Wanderwege und über den Widerstandsgeist der Piemonteser, der bis heute anhält.

Warum soll unsereins noch heute auf Partisanen-pfaden durchs Piemont stapfen?

Als wandernde Piemont-Liebhaber fällt uns die Antwort leicht: Schließlich liegt diese Region nicht nur – wie der Name ‚al piè dei Monti’sagt – am Fuße der Berge, sondern mittendrin. Und verfügt darüber hinaus über ein wunderbares Wanderwege-Netz, von dessen Attraktivität sich so mancher mittlerweile zertifizierte Premiumweg nördlich der Alpen eine Scheibe abschneiden kann.

Von der Nivolet-Passstraße Blick auf die Seen Angnel und Serrù Unsere Touren zwischen Gran Paradiso im Norden und Monviso im Süden folgen ausgewiesenen Wanderwegen durch National- oder Naturparkgebiete, führen über königliche Jagdsteige, alte Saumwege und stille Gebirgspfade. Und oberste Priorität hatte bei der Auswahl der Wege neben der historischen Bedeutung stets die Attraktivität des Weges und die der Landschaft.

Die schöne Dora Riparia an der Piazza CLN (Comitato di Liberazione Nazionale) – Fertigstellung im Jahr XVII der faschistischen Zeitrechnung Zudem: Unser Buch richtet sich nicht nur an passionierte Wanderer. Mit den Stadtspaziergängen durch Turin und Torre Pellice – beide auf den Spuren der Resistenza, dem 20-monatigen Widerstand gegen den Faschismus – kommt auch auf seine Kosten, wer sich aus Bergen rein gar nichts macht. Partisanenpfade im Piemont ist ein Reisebuch, ein Wanderbuch und ein Geschichtenbuch.

Dennoch: Was und wen kümmert heutzutage noch die alten Geschichten des Widerstands in Italien? Ist das nicht längst vergessen?

Wir haben ein Buch geschrieben, das wir selbst vor über 20 Jahren bei unseren ersten Wanderungen in den piemontesischen Alpen gern dabei gehabt hätten. Dazu muss man wissen, dass im Piemont – wie auch jenseits des italienisch-französischen Grenzkamms – Stolpersteine zur Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit nicht in den Boden eingelassen und auch deutlich größer sind als bei uns. Sie sind unübersehbar und bedienen sich einer ganz unverblümten Sprache. Und nachdem wir Anfang der 1990er-Jahre auf einer wildromantischen Hochebene auf über 2.000 Metern Höhe über ein Mahnmal für Opfer dieses Widerstands ‚gestolpert’ sind, hat uns das Thema nicht mehr losgelassen.

Berglauf Memorial Partigiani Stellina Valsusa
Im Susatal wird jedes Jahr am Wochenende um den 26. August herum der Battaglia delle Grange Sevine gedacht: Am Sonntag startet in Susa am römischen Augustusbogen der traditionelle Berglauf Memorial Partigiani Stellina Valsusa, der meist recht treffend „Corsa di Bolaffi“ genannt wird. Schließlich liegt der Zieleinlauf auf der Alpe Costa Rossa direkt am Denkmal für Giulio Bolaffi, des legendären Comandante Aldo Laghi und seiner Divisione Stellina.

Wie aktuell dieses Thema einmal werden würde, haben wir allerdings bei Abgabe des Manuskriptes selbst noch nicht erahnt: Zwar hat der Internationale Gerichtshof in Den Haag im Februar diesen Jahres bestätigt, dass das Prinzip der Staatsimmunität Deutschland vor Entschädigungsforderungen wegen in Italien begangener nationalsozialistischer Kriegsverbrechen schützt. Doch das Urteil hat auch klargestellt, dass Deutschland zumindest eine moralische Verantwortung dafür übernehmen müsse und die Notwendigkeit einer ‚gemeinsamen Erinnerungskultur’ angemahnt. Da regt sich was, durchaus nicht nur in Italien, wo gerade Anfang Mai in Florenz ein Kongress zu diesem Thema stattfand. Auch in Deutschland setzen sich langsam immer mehr Institutionen mit der italienischen Resistenza auseinander.

Piemont ist wunderschön. Und hat eine beeindruckende Geschichte. Ihr habt schon angedeutet, dass in Eurem Buch auch die Geschichte des Widerstandes gegen die Faschisten beleuchtet wird…

Von ganz vielen Seiten. Angefangen bei der 40-seitigen Einführung in dieses nur wenig bekannte Thema. Schließlich wuchs die italienische Widerstandsbewegung vom September 1943 bis Ende April 1945 mit wohl 250.000 Mitgliedern zur zahlenstärksten Widerstandsbewegung Westeuropas an. Diese 20 Monate, in denen sich Menschen unterschiedlichster politischer Couleur – Liberale, Sozialisten und Kommunisten waren ebenso beteiligt wie Monarchisten – zusammen schlossen, um gegen deutsche Besatzung und italienischen Faschismus und für einen radikalen Wandel in ihrem Land zu kämpfen, haben das Piemont schließlich nachhaltig geprägt.

Redaktionsbüro von Il Pioniere - Partisanenzeitung im Untergrund
Il Pioniere – Partisanenzeitung im Untergrund. Aus Sicherheits-gründen residierte das Redaktionsbüro in einer der entlegensten Ecken des Angrognatals, in der kargen Barma de l’Ours auf über 1.200 Metern Höhe. Die erste hektographierte Ausgabe erschien am 30. Juni 1944 in einer Auflage von 800 Kopien.

Wir haben aber kein Geschichtsbuch geschrieben, sondern anhand ganz unterschiedlicher Artikel versucht, diese Geschichte erlebbar zu machen. Wir erzählen von Mussolinis Aufstieg – weil die Widerstandsbewegung nur verständlich wird vor dem Hintergrund, dass beim Kriegseintritt Italiens an der Seite Hitler-Deutschlands 1940 ein damals 18-jähriger italienischer Wehrpflichtiger nicht einen einzigen Tag in einem demokratischen Staat gelebt hatte. Wir erzählen auch von dem 1933 in Turin gegründeten Verlag ‚Giulio Einaudi Editore’, mit dem Leone Ginzburg, Cesare Pavese, Giulio Einaudi, Carlo Levi, Vittorio Foa und viele andere versuchten, die faschistische Zensur zu unterlaufen und Bücher zu verlegen, die zu kritischem Denken anregen sollten – und dafür auch langjährige Haftstrafen und Verbannung in Kauf nahmen.

Wir erzählen auch von dem Phänomen, das die italienische Historikerin Anna Bravo als eine der „größten Verkleidungsaktionen der italienischen Geschichte“ bezeichnet hat: Dass sich circa die Hälfte der Soldaten des italienischen Heeres, die sich am Tag der Waffenstillstandserklärung im deutschen Machtbereich befunden hat, durch Flucht der Gefangennahme und dem Transport in die deutschen Zwangsarbeitslager entziehen konnte.

Blick auf die Barre des Ecrins am Passo dell'Orso
Blick auf die Barre des Ecrins am Passo dell’Orso

Und weil Partisanenpfade im Piemont ein Wanderlesebuch ist, haben wir in Ergänzung zu den Tourbeschreibungen auch ganz viele kurze Hintergrundgeschichten geschrieben. In diesen ‚Themensplittern’ kann – wer mag – nachlesen, warum jedes kleine Dorf in Italien seine ‚Via Roma’ hat, was genau unter der italienischen ‚Judenkartei’ zu verstehen ist, wie Piero Gobettis Witwe Ada ihre Winterüberschreitung des Passo dell’Orso in ihrem Tagebuch beschrieb. Hier findet sich auch das Gedicht ‚Kamerad Kesselring’, geschrieben in Erinnerung an den Kriegsverbrecher, der kaltschnäuzig genug für die Bemerkung war, die Italiener täten gut daran, ihm für sein Verhalten in der Zeit, in der er den Oberbefehl auf dem italienischen Kriegsschauplatz innehatte, ein Denkmal zu errichten.

Unter Berlusconi wurde der italienische Faschismus wieder hoffähig…

2011 bei der jährlichen Gedenkfeier am Colle del Lys zu Ehren  2024 gefallenen Partisanen aus den Tälern Lanzo, Susa, Sangone und Chisone
2011 bei der jährlichen Gedenkfeier am Colle del Lys zu Ehren  2024 gefallenen Partisanen aus den Tälern Lanzo, Susa, Sangone und Chisone

Wir wollen keinen Mythos bedienen. Dass es einen ganz offenkun-digen Widerspruch zwischen Wachhalten der Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand einerseits und dem mittlerweile durch langjährigen Berlusconismus veränderten Geschichtsver-ständnis vieler Italiener andererseits gibt, ist uns bewusst. Auch, dass der Abgang von Silvio Berlusconi nichts daran ändert, dass er Mussolini und den italienischen Faschismus in Italien wieder hoffähig gemacht hat. Auch wenn das dort, wo wir unterwegs waren und immer wieder sind, nur ganz selten in Erscheinung tritt.

Widerstand im Piemont hat Tradition bis auf den heutigen Tag. Findet sich das auch in Eurem Buch wieder?

Ponte dell'Arnodera - nach der am 29.12.1943 erfolgreichen Sprengung wieder instandgesetzt
Ponte dell’Arnodera – nach der am 29.12.1943 erfolgreichen Sprengung wieder instandgesetzt

Wir haben jeden Talbereich mit einem Motto überschrieben, und das Motto für das Susatal lautet: ‚Der Kampf um die Eisenbahn’. In der Zeit der Resistenza stand dies Motto für die Schlacht um die für die Deutschen so bedeutsame Eisenbahnlinie Turin – Fréjus – Modane, über die der Nachschub in das besetzte Südostfrankreich verlief. Heute steht dieses Motto für den Widerstand gegen den ‚Treno ad alta velocità’, beziehungsweise die Bauvorhaben, die hier geplant sind, um die Hochgeschwindigkeitslinie zwischen Turin und Lyon zu realisieren.

Wir verfolgen den Widerstand im Susatal seit Mitte der 1990er-Jahre (und haben auch in SeeMoZ mehrmals darüber berichtet). Damals lasen wir vom ‚Transalpedes’-Projekt, mit dem Umweltaktivisten um Dominik Siegrist und Jürg Frischknecht auf einer Wanderung am Alpenhauptkamm entlang auf die drohende Umweltzerstörung im Alpenraum aufmerksam machen wollten. Sie trafen in verschiedensten Regionen Menschen, die versuchten, sich gegen Fehlentwicklungen zur Wehr zu setzen. Einer von ihnen war Claudio Giorno, damals wie heute aktiv im Widerstand gegen die Betonlobby.

15.000 Teilnehmer auf einer spontan angesetzten Demonstration in Susa nach Räumung der Maddalena am 27. Juni 2011
15.000 Teilnehmer auf einer spontan angesetzten Demonstration in Susa nach Räumung der Maddalena am 27. Juni 2011

Das innerhalb der Widerstandsbewegung gegen das faschistische Mussolini-Regime und die deutsche Besatzung entstandene Motto „Ora e sempre Resistenza“ haben die Projektgegner längst zu ihrem gemacht. Man könne den Protest gegen das TAV-Projekt nicht von der Geschichte der Resistenza trennen, sagt denn auch Claudio Giorno. Piero Calamandrei, Professor für Zivilprozessrecht, hat 1955 in seiner berühmt gewordenen Vorlesung darauf hingewiesen, dass der Kampf um die italienische Verfassung in den Berggebieten ausgetragen wurde. Kein Wunder also, dass gerade dort dringender Nachbesserungsbedarf an eben dieser Verfassung aufgezeigt wird: Damit der Wille der ganz überwiegenden Mehrheit einer Region nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden kann, damit auch beispielsweise das international geächtete CS-Gas nicht im Landesinneren verwendet werden darf und um unter anderem auszuschließen, dass Militär gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt wird. Darum haben wir in unser Buch auch den Artikel „Ora e sempre Resistenza: NO TAV!“ aufgenommen.

Ihr seid Reiseschriftsteller. Über welche anderen Regionen kann man Reisetipps von Euch erfahren?

Einspruch.Dass wir Sachbücher schreiben, macht uns nicht zu Schriftstellern. Auf unserer Internetpräsenz westalpen.eu sowie hier im Blog veröffentlichen wir regelmäßig Hintergrundinfor-mationen und berichten über kuriose und nicht alltägliche Geschichten aus unserem Zielgebiet, den italienisch-französischen Westalpenbogen zwischen Genfer See und Mittelmeer.

Und dort schreiben wir manchmal auch über Schriftsteller, etwa den französischen Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio. Der hat in seinem Buch ‚Fliehender Stern‘ die Geschichte einer Gruppe von Juden unterschiedlichster Nationalität erzählt, die zwischen März und September 1943 im französischen Saint-Martin-de-Vésubie Zuflucht vor den Deutschen gefunden hatte. Als die von Süden vorrückten, machte sich die Gruppe auf den beschwerlichen Weg über die Berge nach Italien. Ihre Hoffnung – mittlerweile war Mussolini abgesetzt und am 8. September der italienische Waffenstillstand erklärt – so in die Freiheit zu gelangen, trog: Die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Die Flüchtlinge wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 'Memoriale della Deprtazione' in Borgo San Dalmazzo erlassenen Rassengesetze verhaftet, in Borgo San Dalmazzo (Provinz Cuneo) in Güterwaggons gepfercht und nach Auschwitz transportiert, wo 311 Menschen dieser Fluchtgruppe ermordet wurden. Ein Ereignis, auf das heute am Bahnhof von Borgo San Dalmazzo das ‚Memoriale della Deportazione‘ hinweist.

Derartige Hinweise auf Geschehnisse abseits des reinen Wanderweges sind auch in unsere bisher erschienenen sieben Wanderführer eingeflossen.

Die Fragen stellte Hans-Peter Koch

Partisanenpfade im Piemont. Orte und Wege des Widerstands zwischen Gran Paradiso und Monviso. Ein Wanderlesebuch von Sabine Bade und Wolfram Mikuteit. Das Buch: Sabine Bade | Wolfram Mikuteit: Partisanenpfade im Piemont. Orte und Wege des Widerstands zwischen Gran Paradiso und Monviso. Ein Wanderlesebuch. Verlag Querwege, Konstanz 2012, 272 Seiten, mit detaillierter Karte zu jeder Tour, mit GPS-Tracks und Waypoints zum Download, mit vielen Farb- und historischen s/w- Aufnahmen, ISBN 978-3-941585-05-8, EUR 19,90. Das gesamte Inhaltsverzeichnis und viele andere Informationen zum Buch auf Facebook.

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Partisanenpfade im Piemont

Partisanenpfade im Piemont. Orte und Wege des Widerstands zwischen Gran Paradiso und Monviso. Ein Wanderlesebuch.

Partisanenpfade im Piemont ist ein Reisebuch, ein Wanderbuch und auch ein Geschichtenbuch.
Am Colle della Crocetta auf der Kante zwischen Orco- und Grandetal, nicht weit von der französichen Grenze – Tour 4

Die 20 Monate der italienischen Resistenza, in denen sich Menschen unterschiedlichster politischer Couleur ab September 1943 zusammenschlossen, um gegen deutsche Besatzung und italienischen Faschismus und für einen radikalen Wandel in ihrem Land zu kämpfen, haben Italien nachhaltig geprägt. Ganz besonders die stark entvölkerte Gebirgsregion des Piemonts nah an der Grenze zu Frankreich. Wir nehmen die Leserinnen und Leser mit auf eine historische Zeitreise und machen die Geschichte der piemontesischen Widerstandsbewegung erlebbar – zu Fuß, automobilisiert oder zu Hause auf dem Sofa.

Partisanenpfade im Piemont ist ein Reisebuch, das einführt in die Welt der Alpentäler, die sich fächerartig westlich der Barockstadt Turin bis zum Alpenhauptkamm ziehen. An Plätze führt, in denen die Geschichte der Resistenza wachgehalten wird, und an Orte, in denen gut gegessen und genächtigt werden kann.
Grande Albergo Rocciamelone, Usseglio – Val di Viù, Tour 6, 7 und 8

Partisanenpfade im Piemont ist ein Wanderbuch, das 23 Touren – vom Stadtspaziergang durch Turin bis zur Hochtour auf den über 3.000 Meter hohen Colle Autaret – umfasst. Alle GPS-kartiert, alle anhand von Waypoints exakt nachvollziehbar und jede Tour mit herunterladbarem Track für das eigene GPS-Gerät. Mit Hinweisen zum ÖPNV, Kartenmaterial und Einkehrtipps.

Die schöne Dora Riparia an der Piazza CLN (Comitato di Liberazione Nazionale) – Fertigstellung im Jahr XVII der faschistischen Zeitrechnung. Geplant war hier, auch noch überlebensgroße Statuen von Mussolini und König Vittorio Emanuele III. aufzuzustellen – Tour 1

Partisanenpfade im Piemont ist auch ein Geschichtenbuch:
Die ehemaligen Redaktionsräume der Untergrundzeitung ‘Il Pioniere’, gut versteckt im hintersten Zipfel des Angrognatals gelegen – Tour 21. 17 Ausgaben wurden hier über die Walze gezogen. Ab Nov. 1944 wurde die Zeitung in Torre Pellice gedruckt. Unter den Augen der Faschisten gegenüber der Caserma Ribet – Tour 20.

  • Wer und was dem „guten Onkel Mussolini“ zum Aufstieg verhalf.
  • Wie im Verlag Einaudi mit den faschistischen Zensurmaßnahmen umgegangen wurde.
  • Wie leerstehende Villen zu Krankenstationen der Partisanen umfunktioniert wurden.
  • Wie im Felsendorf Barma de l’Ours die Untergrundzeitung Il Pioniere hergestellt wurde.
  • Was Generalfeldmarschall Kesselring unter ‚Bandenbekämpfung‘ verstand.
  • Welche seltene Freundschaft den Philosophen Benedetto Croce und Ada Gobetti verband sowie deren legendäre Winterüberquerung des Passo dell’Orso und vieles Weitere mehr.

Im Jahr 2004 restaurierte Aufschrift in Traversella, welche die deutschen Besatzer vor den Partisanen warnen sollte. Dabei wurde der Propagandaspruch Mussolinis auch gleich aufgefrischt.

Mit vielen Farbfotografien und historischen s/w-Aufnahmen. Sämtliche Touren wurden von den Autoren im Sommer 2011 abgegangen.

- Hardcover
- 272 Seiten
- mit zahlreichen Farbfotos
- sowie historischen s/w-Aufnahmen
- mit detaillierter Karte zu jeder Tour
- ISBN 978-3-941585-05-8
- EUR 19,90

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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NO TAV – der Widerstand wächst, nicht nur im Susatal

50.000 – 70.000 Teilnehmer bei der NO TAV Demonstration am 25. Februar 2012 im Susatal. Mit Fotos von Luca Perino.
Aber der Reihe nach:
Luca Perino - Manifestazione Bussoleno - Susa, 25.02.2012 Vor einigen Tagen berichtete die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA darüber, dass nun auch in Frankreich der Widerstand gegen das geplante milliardenschwere Prestigeprojekt der neuen Bahnstrecke Lyon-Turin wächst: französische Umweltorganisationen lehnen das Megaprojekt des Treno ad Alta Velocità mittlerweile genauso ab wie die konservative Partei UMP in Savoyen. Bedenken äussert jetzt auch das französische Umweltministerium.

Luca Perino - Manifestazione Bussoleno - Susa, 25.02.2012 Herrschte bisher der Eindruck vor, auf französischer Seite würde das Hochgeschwindigkeits-Bahnprojekt schlicht und zügig durchgewunken, scheint sich nun auch in Frankreich die Erkenntnis durchzusetzen, dass das stets postulierte Ziel – die Verlagerung der Güter von der Strasse auf die Schiene – mit dieser neuen Bahnstrecke gar nicht erreicht werden kann.
Es bleibt abzuwarten, ob diese nun geäußerten Bedenken (die von den italienischen Projektgegnern seit über 20 Jahren vehement vertreten werden), aufrecht gehalten werden, wenn der französische Wahlkampf erst einmal vorüber ist.

Luca Perino - Manifestazione Bussoleno - Susa, 25.02.2012 Denn schließlich hätte man auch erwarten können, dass die einschneidenden Sparpläne des neuen italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti auch derartige nationale Prestigeprojekte kippen würden. Stattdessen werden dort neue Steuern eingeführt, Stellen in Regionen, Provinzen und Kommunen massiv abgebaut,  Renten gekürzt, Sozialleistungen drastisch zurückgefahren, Nationalparkgebieten der Etat halbiert – aber vom Basistunnelprojekt im Susatal, dessen Kosten (allein für Italien) wohl deutlich über den momentan veranschlagten 10 Milliarden Euro liegen werden, nicht einen Millimeter abgerückt.
Jedenfalls nicht, so lange die 620 Millionen Euro, mit denen die EU dieses italienisch-französische Projekt kofinanziert, noch nicht verbuddelt sind. Denn auffällig ist, wie oft von italienischen Regierungsvertretern diese Subventionen ins Feld geführt werden: „Wenn wir nicht bauen, verlieren wir den Anschluss an die Zukunft – und die Millionen aus der EU-Förderung!“
Um diese EU-Gelder fließen zu lassen, musste ein Baubeginn zwingend zumindest pro forma vor dem Stichtag 30. Juni 2011 erfolgen. So rückten in der Nacht zum 27. Juni 2011 circa 2.000 aus allen Landesteilen zusammengezogene Ordnungskräfte vor und räumten unter Zuhilfenahme von Wasserwerfern und durch die Genfer Konvention geächtetem CS-Gas das Hüttendorf der Projektgegner, die Libera Repubblica della Maddalena bei Chiomonte.
Luca Perino - Manifestazione Bussoleno - Susa, 25.02.2012 Am darauf folgenden Wochenende protestierten am Baugelände für den Zugangsstollen über 60.000 Menschen. Seitdem wird der Bauzaun rund um die Uhr von Einheiten der italienischen Gebirgsjäger, der Brigata Taurinense, bewacht. Eben von ihrem Einsatz in Afghanistan zurückgekehrt, schützen sie mit gepanzerten Fahrzeugen ein kleines Stückchen Land vor der eigenen Bevölkerung. Für circa 90.000 Euro täglich. Ein Baubeginn ist nicht in Sicht, was seitens der EU allerdings keinerlei Konsequenzen zur Folge hatte.
Konsequenzen hatte die Teilnahme an den NO-TAV-Demonstrationen allerdings für 26 Menschen, die im Morgengrauen des 26. Januar 2012 während einer landesweiten Razzia verhaftet worden sind. Luca Perino - Manifestazione Bussoleno - Susa, 25.02.2012 Für deren Freilassung und gegen die zunehmende Kriminalisierung der Projektgegner gingen am Samstag, 25. Februar 2012 wieder 50.000 – 70.000 Menschen (die angegebenen Zahlen schwanken stark) im Susatal auf die Straße.
Angeführt wurde der Marsch von Bussoleno nach Susa wie stets bei Aktionen dieses breitgefächerten Bündnisses vom Präsidenten der Comunità Montana Valle Susa e Val Sangone und den Bürgermeistern der meisten Gemeinden des Susatals.

Alle 433 Aufnahen von Luca Perino:  Demonstrationszug am 25. Feb. 2012 von Bussoleno nach Susa:

Luca Perino - Manifestazione Bussoleno - Susa, 25.02.2012 Da diese Demonstration wie immer vollkommen friedlich verlief – schlechte Nachricht für Medien, die den Protest im Susatal immer wieder gerne mit gewalttätigen „schwarzen Blöcken“ in Verbindung bringen wollen – wurde nach ihrem Ende den rückreisenden Demonstrationen am Turiner Bahnhof Porta Nuova ein spektakulärer Empfang geboten: Nach unseren Informationen wartete die Polizei dort mit großem Aufgebot und soll nicht nur kräftig die Knüppel geschwungen – sondern auch willkürlich Tränengas eingesetzt haben.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Nachtrag: In den frühen Morgenstunden am Montag, den 27. Februar 2012,  wurde das Gebiet um die Mahnwache Clarea am Bauzaun von einem Grossaufgebot der Polizei gewaltsam geräumt und dabei ein Demonstrant lebensgefährlich verletzt.

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Aktuelles aus dem Susatal – Ora e sempre NO TAV

In Italien schielt Berlusconi auf die Einführung von Eurobonds und hat zur Eindämmung des riesigen italienischen Staatsdefizits gerade ein Sparpaket verabschiedet, das den Etat in den kommenden zwei Jahren um mehr als 54 Milliarden Euro entlasten soll. Was ausgesprochen plakativ als Programm von ‘Blut und Tränen’ avisiert wird, stellt aber wohl nur EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso zufrieden – er sprach von einem ‘Signal der Entschlossenheit’, wohingegen die Ratingagentur Standard & Poor‘s Italiens Bonität gnadenlos herabstufte. Schaut man sich die Einsparungen, hier vor allem auf Gemeindeebene, an, wird schnell klar, dass sich das seit Jahren betriebene Sparen an der falschen Ecke nahtlos fortsetzt: Wir haben über Finanzmittelkürzungen in italienischen Parkgebieten berichtet, und auch die Zusammenlegung und Umstruktierung der Berggebietsgemeinschaften, der Comunità Montane, böte reichlich Stoff  für eine Glosse. 

Prestigeträchtige Großprojekte wie die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Lyon und Turin, des ‚Treno ad Alta Velocità‘ (TAV) durch das Susatal, hingegen bleiben unangetastet (*). Schließlich gilt es hier, die EU-Subventionen von 671 Millionen Euro nicht zu riskieren. Kein schlechter Zeitpunkt also für ein internationales Forum gegen unnütze Großprojekte.

Forum tematico contro le grandi opere inutili
Forum Tematico Contro Le Grandi Opere Inutile Die NO-TAV-Bewegung hatte eingeladen zu diesem Forum, und vom 26. bis 30. August 2011 trafen sich dazu Vertreter verschiedener Gruppen aus dem In- und Ausland im Gymnasium von Bussoleno und an der Mahnwache von Venaus.
Wenn es einer breitgefächerten Bürgerbewegung gelingt, den Widerstand gegen ein ihr Tal  zerstörendes gigantisches Großprojekt über mehr als 20 Jahre hinweg aufrecht zu erhalten, wenn circa 90 Prozent der Talbevölkerung diesen Widerstand tragen, angeführt von den Bürgermeistern der meisten Gemeinden des Tales, dem Präsidenten der Comunità Montana Valle Susa e Val Sangone, unterstützt von Umweltschutz-organisationen wie Legambiente und vielen Wissenschaftlern – sie aber dennoch nicht in der Lage sind, das Vorhaben zu stoppen, ist es an der Zeit, den bisher schon locker vorhandenen Erfahrungsaustausch mit anderen Bewegungen im In- und Ausland zu systematisieren.

Neben vielen Gegnern des ‚Stuttgart-21‘-Projektes – es schwäbelte mächtig vor Ort – waren Gegner anderer europäischer Hochgeschwindigkeitsstrecken aus dem Friaul, dem französischen Teil des Baskenlandes, aus Katalonien sowie des Tiefbahnhofprojektes in Florenz angereist. Aus der Bretagne kam eine Delegation, die gegen den Flughafenneubau von Notre-Dame-des-Landes kämpft, und aus den Abruzzen Gegner der geplanten gigantischen Erdgaspipeline zwischen Brindisi und Minerbo, die das Zweieinhalbfache des ganzen italienischen Gasverbrauchs durch eine der erdbebengefährdetsten Regionen Europas transportieren soll.
Neben Berichten aus den Protestbewegungen hatten die Veranstalter aus dem Susatal  Wissenschaftler eingeladen, die u.a. dafür plädierten, in Kosten-Nutzen-Rechnungen die real entstehenden Kosten im gesamten Zyklus, also vom Abbau und Transport der Materialien für einen Bau bis hin zum vollständigen Rückbau der Anlagen einzubeziehen.

Parallelen zwischen den einzelnen während der Veranstaltung vorgestellten Großprojekten waren so offenkundig wie die auf Seiten der jeweiligen Betreiber gebetsmühlenartig wiederholten Pro-Argumente, die sich auf eine zentrale Aussage verknappen lassen:
„Wenn wir nicht bauen, verlieren wir den Anschluss an die Zukunft – und die Millionen aus der EU-Förderung!“
Parallelen bestehen darüber hinaus in der einseitigen Berichterstattung, die beispielsweise die Vorkommnisse im Susatal nur thematisiert, wenn reißerisch von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“, „gewaltbereiten Extremisten“ u.ä. geschrieben wird oder die TAZ nicht eben sachdienlich vom „Exportschlager Bahnprotest“ berichtetet.
Dies und die allgegenwärtige Kriminalisierung von Großprojektgegnern bieten genügend Stoff für weitere Foren: Das nächste soll im kommenden Jahr stattfinden, eventuell in Stuttgart.

Pilgern auf der Via Francigena – einmal ganz anders
Und weil es so schön zum Thema passt, hier noch eine kleine Glosse:
Jüngst haben sich die Tourismus-Verantwortlichen der Provinz Turin darauf besonnen, dass es neben dem bei uns bekannten Verlauf der Via Francigena von Canterbury nach Rom auch noch viele weitere Strecken gab, auf denen sich Pilger von Franken auf den Weg nach Rom machten: Wer von Westen kam, nutzte dabei meist die Passübergänge am Mont Cenis oder Mongenèvre, ging also durch das Susatal. Wovon heute noch viele Klöster und Hospize zeugen.
Jetzt kann man in allen Tourismusbüros einen kostenlosen Faltplan zur durch das Susatal verlaufenden Via Francigena bekommen, auf den Seiten von Turismo Torino sind die einzelnen Etappen beschrieben, und auch ein kleiner Werbefilm wurde dazu gedreht.  

Wegmarkierung - Via Francigena Geht man aber auf diesem Weg von Gaglione in westlicher Richtung auf Chiomonte zu – immer der neu angebrachten Pilgermarkierung folgend – gelangt man nach circa einer halben Stunde an ein etwas anderes ‚Pilgerziel‘, nämlich direkt zur NO-TAV-Mahnwache an der Clarea! Dort findet der Weg, seitdem das Baustellengelände zum militärischen Sperrgebiet erklärt wurde, nun sein abruptes Ende. Tourismusförderung hin oder her.
Was niemanden grämen sollte, denn dort steht ein von der NO-TAV-Bewegung eigens errichteter Bildstock. Von dem aus man – andächtig – hinunter blicken kann auf das Sperrgelände, das bewacht wird von Truppen der Brigata Alpina Taurinense. Gerade noch haben sie unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt, jetzt sichern sie eine Baustelle ….  gegen die eigene Bevölkerung.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

(*)
Durch das Susatal zu kommen und nicht auf die ‚NO TAV‘-Bewegung aufmerksam zu werden, ist schlicht unmöglich. Weshalb wir uns im Artikel ‚Hochgeschwindigkeitsstrecke von Turin nach Lyon durch das Susatal – NO TAV!‘ mit diesem Projekt auseinandergesetzt haben. Hier noch einmal ein kurzer Auszug der wichtigsten, gegen das Projekt sprechenden  Argumente:

* Alle erhobenen Daten zeigen einen unaufhaltsamen Rückgang der Güter- und Personenbewegungen auf der Linie und lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass die bereits bestehende Bahntrasse vollkommen ausreicht. Der Personenverkehr – bereits seit vielen Jahren existiert eine TGV-Verbindung zwischen Turin und Lyon! – hat sich seit 1993 halbiert. Der Gütertransport durch den Autobahntunnel von Fréjus ist 2009 auf 10 Mio. Tonnen, d.h. auf das Niveau von 1993, zurückgegangen.
* Es gibt weder technische noch Kapazitätsengpässe. Der heutige Tunnel ist über mehrere Jahre hinweg bis Ende 2010 komplett modernisiert worden.
* Die Energiebilanz des geplanten 57 km langen Basistunnels ist absolut negativ. Sowohl die an der Universität von Siena durchgeführten Untersuchungen zum Energieverbrauch durch den Bau und den Betrieb der neuen Tunnelstrecke als auch die Errechnung des Energieverbrauchs durch das Belüftungs- und Kühlsystem ergeben jede für sich einen CO2-Ausstoß pro Transportladung, der höher ausfällt als der der Ladungen im heutigen Tunnel, selbst bei dessen vollkommener Auslastung.
* Die Sicherheitsvorkehrungen des geplanten Basistunnels, da auf demselben Gleis und in engstem Zeittakt sowohl Personenzüge mit 220-240 km/h als auch Güterzüge mit 100-120 km/h verkehren sollen, sind vollkommen unzureichend.
* Werfen wir noch einen Blick auf die Kosten dieses Megaprojektes: Mario Cavargna, der Präsident von „Pro Natura Piemonte“, hat anlässlich einer Konferenz in Straßburg am 9.3.2011 dargestellt, dass sich auf Basis der im Jahr 2007 geplanten Streckenführung Kosten von 175 Mio. € pro km Bahnstrecke ergeben.

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Eingeordnet unter NO TAV, Susatal

Hochgeschwindigkeitsstrecke von Turin nach Lyon durch das Susatal – NO TAV!

Wandern im Susatal – jetzt erst recht!
Ließen wir unserem Zynismus freie Bahn, würden wir diesen Artikel mit der Aussage beginnen, dass Wandern im piemontesischen Susatal diesen Sommer wohl nicht sonderlich ‚angesagt‘ ist: Schließlich geht nach neuesten Untersuchungen der Tourismusbranche das Bedürfnis, die wenigen Urlaubswochen pro Jahr in Bürgerkriegsgebieten zu verbringen, scharf gegen Null.

Wären wir nicht selbst bis vor wenigen Tagen noch im Susatal gewesen, könnten wir Menschen verstehen, die nach dem Studium der letzten Pressemeldungen verschreckt ihren dort geplanten Wanderurlaub kurzfristig streichen.
Denn dass am vergangenen Sonntag wieder 70.000 Menschen friedlich gegen das vollkommen sinnentleerte Eisenbahn-Hochgeschwindigkeitsprojekt demonstrierten, das ihr Tal über Jahrzehnte hinweg in eine Großbaustelle verwandeln soll, findet wenig Niederschlag in den Medien. Den richtigen reißerischen „Aufhänger“ für Presseleute bieten nun hingegen Ausschreitungen einiger Weniger.

Mitglieder der augenblicklich so oft zitierten „Schwarzen Blöcke“, der „gewaltbereiten Extremisten“ aus dem In- und Ausland, dürften sich gerade landauf landab irritiert die Augen reiben über einen unerwarteten Zulauf bisher nicht bekannter „Randalierer“: Von in Ehren ergrauten Bürgermeistern, Großmüttern, die Angst um die Zukunft ihrer Enkel haben, jungen Müttern, die uns – an einer Hand ein Kleinkind, auf dem Arm einen Säugling – erzählen, dass sie selbst bereits als Kind von ihren Eltern mitgenommen wurden auf Demonstrationen gegen den Treno ad Alta Velocità, der ohne Rücksicht auf Verluste wie etwa die Schadstoffbelastung bei den jahrelangen Aushub- und Abraumarbeiten auch durch uran- und asbesthaltiges Gestein vorangetrieben werden soll.

Die Argumente der Befürworter: „Wenn wir nicht bauen, verlieren wir den Anschluss an die Zukunft – und die Millionen aus der EU-Förderung!“
Wogegen sich die Talbevölkerung seit vielen Jahren zur Wehr setzt sind die Bauvorhaben der Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Turin und Lyon. Das aus dem Jahr 1989 herrührende Projekt sieht vor, in dem durch Transitverkehr bereits stark belasteten Susatal einen der längsten Basistunnel der Alpen entstehen lassen. Zunächst für den Personenverkehr konzipiert, soll die Strecke nun im Rahmen des transeuropäischen ‚Verkehrskorridor 5 Kiev – Lissabon‘ auch als Gütertransportverbindung fungieren – wobei allerdings noch nicht einmal Hochrechnungen der Betreibergesellschaften davon ausgehen, dass von diesem Angebot besonders rege Gebrauch gemacht werden wird.

Wie das Nutzungskonzept des Projektes – das nun wohl aus Imagegründen nicht mehr „Treno ad Alta Velocità“ sondern „Nuova Linea Torino Lione“ heißt – wurde auch die geplante Streckenführung in den letzten Jahren mehrmals verändert. Der letzte uns bekannte Plan vom März 2011 sieht so aus:

Die graugepunktete Linie stellt die existierende Bahnlinie durch das Susatal dar, die fett rot eingezeichnete Linie die geplante Neubaustrecke. Die Teilstrecke zwischen Orbassano und Avigliana soll dafür unterirdisch durch das Endmoränengebiet geführt werden. Bei Susa soll der 57 km lange Basistunnel beginnen, und bei der „Discenderia Maddalena“ handelt es sich um den bei Chiomonte geplanten Zugangstunnel.

„Den Anschluss an die Zukunft nicht verpassen“ ist ein K.O.-Argument, dass wir alle auch aus anderen Zusammenhängen kennen. Es wird immer dann eingesetzt, wenn Logik versagt! Denn:

  • Alle erhobenen Daten zeigen einen unaufhaltsamen Rückgang der Güter- und Personenbewegungen auf der Linie und lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass die bereits bestehende Bahntrasse vollkommen ausreicht. Der Personenverkehr – bereits seit vielen Jahren existiert eine TGV-Verbindung zwischen Turin und Lyon! – hat sich seit 1993 halbiert. Der Gütertransport durch den Autobahntunnel von Fréjus ist 2009 auf 10 Mio. Tonnen, d.h. auf das Niveau von 1993, zurückgegangen.
  • Es gibt weder technische  noch Kapazitätsengpässe. Der heutige Tunnel ist über mehrere Jahre hinweg bis Ende 2010 komplett modernisiert worden.
  • Die Energiebilanz des geplanten 57 km langen Basistunnels ist absolut negativ. Sowohl die an der Universität von Siena durchgeführten Untersuchungen zum Energieverbrauch durch den Bau und den Betrieb der neuen Tunnelstrecke als auch die Errechnung des Energieverbrauchs durch das Belüftungs- und Kühlsystem ergeben jede für sich einen CO2-Ausstoß pro Transportladung, der höher ausfällt als der der Ladungen im heutigen Tunnel, selbst bei dessen vollkommener Auslastung.
  • Die Sicherheitsvorkehrungen des geplanten Basistunnels, da auf demselben Gleis und in engstem Zeittakt sowohl Personenzüge mit 220-240 km/h als auch Güterzüge mit 100-120 km/h verkehren sollen, sind vollkommen unzureichend.
  • Usw.usw.usw. Wir wollen schließlich nicht langweilen. Lediglich noch kurz einen Blick auf die voraussichtlichen Kosten dieses Megaprojektes werfen. Mario Cavargna, der Präsident von „Pro Natura Piemonte“, hat anlässlich einer Konferenz in Straßburg am 9.3.2011 dargestellt, dass sich auf  Basis der im Jahr 2007 geplanten Streckenführung Kosten von 175 Mio. € pro km Bahnstrecke ergeben.

Mit welchen immer wiederkehrenden Floskeln der Öffentlichkeit dennoch Sand in die Augen gestreut wird, ist beim “Comitato NO TAV – Torino” nachzulesen: „Wer den Verstand benutzt, verwehrt sich gegen hohle Floskeln – Denkanstöße zum Bauprojekt der Hochgeschwindigkeitsbahntrasse“.
Gebetsmühlenartige Wiederholungen eben dieser Floskeln bereiten schließlich das Terrain für den Erhalt der EU-Finanzmittel, die Brüssel Rom und Paris für den Bau zur Verfügung gestellt hat.

Von dem Tal, das friedlichen Widerstand leistet und sich nicht ergibt
Im Sommer 1992 gingen Umweltaktivisten zu Fuß am Alpenhauptkamm entlang von Wien nach Nizza. Ihr Motto: „Wir setzen der drohenden Zerstörung des Alpenraumes ein paar Füße entgegen – unser Widerstand gegen eine Entwicklung, die wir nicht wollen.“ Sie trafen in verschiedensten Regionen Menschen, die sich gegen Fehlentwicklungen im Alpenraum zur Wehr zu setzen versuchten. Einer von ihnen war Claudio Giorno, damals wie heute aktiv im Widerstand gegen die Betonlobby: „Das Susatal ist ein Musterbeispiel der Zerstörung einer Region. Alle wichtigen Entscheide werden über die Köpfe der lokalen Bevölkerung hinweg gefällt. Unser Leben wird immer mehr von den Lobbies der großen Baufirmen und der Großindustrie bestimmt. Die Situation ist ernst, und wir nähern uns dem Punkt, wo es kein Zurück mehr gibt, weil es nichts mehr zu retten gibt. Wie wird es möglich sein, den letzten Rest an Lebensqualität im Tal zu erhalten?“ (Dominik Siegrist/ Jürg Frischknecht et al., Alpenglühn – auf Transalpedes-Spuren von Wien nach Nizza, Rotpunktverlag, Zürich 1993, mit einem Nachwort des Alpenforschers Professor Werner Bätzing).

Diese Aussage ist annähernd 20 Jahre alt, geändert hat sich am Sachverhalt nichts.
Nichts hat sich auch geändert am Widerstand der Gegner dieses gigantischen Großprojektes, circa 90 Prozent der Talbevölkerung, angeführt von den Bürgermeistern der meisten Gemeinden des Tales, dem Präsidenten der Comunità Montana Valle Susa e Val Sangone, unterstützt von Umweltschutzorganisationen wie Legambiente – dennoch aus den städtischen Zentren wahlweise als linke Krawallmacher oder Hinterwäldler ohne Verständnis für die Notwendigkeiten einer globalisierten Welt diffamiert – setzen der Zerstörung ihres so traditionsreichen Tales viele stichhaltige Argumente entgegen (siehe oben). Sie lassen Kosten-Nutzen-Analysen anfertigen und zeigen Folgen für Umwelt, Bevölkerung und die lokalen Betriebe auf, die durch die zu erwartende permanente Lärmbelästigung und Schadstoffbelastung bei den jahrelangen Aushub- und Abraumarbeiten entstehen würden. Sie gehen manchmal zu Demonstrationen auf die Straße, oft den Weg durch die Institutionen. Sie sind phantasievoll in ihren Aktionen und berufen sich vehement auf die Verfassung.

Unser vorläufiges Fazit
Als der 30.6.2011 näherrückte, bis zu dem – um die EU-Subventionen nicht zu verwirken – spätestens mit dem Bau des Zugangsstollens nahe Chiomonte hätte begonnen werden müssen, war klar, dass eine Räumung des Hüttendorfes bevorstand. Dort hatte die NO TAV-Bewegung ihre „Libera Repubblica della Maddalena“ eingerichtet. Auf Gemeindegrund, für dessen Nutzung der Steuerbescheid über 800 Euro übrigens auch brav bezahlt wurde.
Sie hatten Zelte aufgeschlagen, um mit friedlichen Mitteln zu versuchen, den anstehenden Beginn der Bauarbeiten zu verhindern. An der Maddalena wurden Infoveranstaltungen abgehalten, Interviews gegeben und das weitere Vorgehen basisdemokratisch festgelegt. Randnotiz: Auch ein eigener NO TAV-Gebetsstock wurde gebaut – schließlich handelt es sich beim Susatal um eine überwiegend katholische Region.
In der Nacht zum 27.Juni 2011 rückten ca. 2.000 aus allen Landesteilen zusammengezogene Ordnungskräfte vor, gingen mit Wasserwerfern und Tränengas gehen die Besetzer der Maddalena vor und „zerstreuten“ die Demonstranten.
Am Morgen danach gingen die immer selben Fotos von Steinewerfern einerseits, verletzten Einsatzkräften andererseits durch die Medien – auch in Deutschland. Wir lasen die Sonderausgabe der Ortspresse „La Valsusa“ und kamen zu deutlich anderen Einschätzungen. Am nächsten Tag nahmen wir an einer spontan angesetzten Fiaccolata teil, einem Fackelzug durch Susa. Ein aus unserer Perspektive nicht endenwollender Protestzug wand sich, Volksfeststimmung verbreitend, durch die Stadt, allen voran wieder Bürgermeister und Vertreter der Comunità Montana. Später hörten wir, dass sich dazu über 15.000 Menschen aus dem ganzen Tal zusammengefunden hatten. Müssen wir noch extra betonen, dass es sich um eine ausgesprochen friedliche Veranstaltung handelte?

Um sich über 20 Jahre lang einem Megaprojekt wie dem TAV zu widersetzen, bedarf es sehr guter Nerven und eines gerüttelt Maßes an Humor. Diesen Humor wird die Bevölkerung des Susatales gerade jetzt benötigen, da sie in die Nähe der „Schwarzen Blöcke“ gerückt wird und ihre Aktionen kriminalisiert werden.
Und in deutschsprachigen Medien wird fleißig abgeschrieben, was über die italienischen Nachrichtenagenturen tickert. Von denselben Medien übrigens, die sich sonst gerne darüber empören, dass unter Ministerpräsident und Medienzar (!) Silvio Berlusconi die italienische Verfassung immer weiter ausgehöhlt wird. Und die auch durchaus kritisch aufzeigen, wenn seine Tourismusministerin Michela Vittoria Brambilla schon mal zackig bei öffentlichen Veranstaltungen den Arm zum römischen Gruß, Mussolinis „saluto romano“, hebt – ohne dafür ihres Amtes enthoben und angezeigt zu werden. Um hier nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Dass mit dem geplanten Bauvorhaben eine traditionelle Kulturlandschaft weiter zerstört wird, dass dieses bei uns weitgehend unbekannte Tal zurecht den Beinamen „Tal der Klöster“ trägt, und – wenn man es nicht beim ersten Blick auf Autobahn, Eisenbahn und Staatsstraßen beläßt – auch eine hochinteressante Wanderregion ist, geht in der Berichterstattung vollkommen  unter. Diese Sicht auf die Dinge wäre den Befürwortern des Projektes ja auch nicht gerade förderlich.
Da freuen wir uns dann bereits über den etwas ausgewogeneren Ansatz des ORF, der diesen Aspekt nicht ganz vernachlässigt hat und auch auf unsere Beschreibung des Susatales verlinkt hat.

Ora e sempre NO TAV!

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

P.S. Weil wir uns wenig Hoffnung auf eine realitätsnähere Berichterstattung in der Zukunft machen, haben wir uns entschieden, in regelmässigen Abständen über die Ereignisse im Susatal zu berichten.

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Eingeordnet unter Cottische Alpen, Grajische Alpen, NO TAV, Susatal

Regionalwahlen im Piemont – “the winner takes it all”

Es soll eine Ausnahme bleiben, hier über italienische Innenpolitik zu berichten. Denn wer begibt sich schon freiwillig in die Niederungen unappetitlich geführter italienischer Wahlkämpfe oder mag darüber lamentieren, was die Italiener bewogen haben mag, bei den als „wichtiger Stimmungstest“ ausgegebenen Regionalwahlen am  vergangenen Wochenende Berlusconis Bündnis aus den verschiedensten konservativen, christdemokratischen und neofaschistischen Parteien einen Erfolg zu bescheren?

Da aber diese Wahl zur Folge hat, dass im Piemont zukünftig mit Roberto Cota die Lega Nord den Regionspräsidenten stellt, ist uns das zumindest eine Kurznotiz wert. Weil wir gerne im Piemont sind, und dort eine andere Atmosphäre erleben, als die von sezessionistischem und fremdenfeindlichem Rechtspopulismus geprägte Grundhaltung der Ziehväter des zukünftigen Staates „Padaniens“, geben wir als Nachlese kurz die genauen Wahlergebnisse wieder. Wer meint, dass uns der Blick auf das italienische Regionalwahlsystem ein klein wenig tröstet, trifft damit ins Schwarze:

Die bisherige Amtsinhaberin Mercedes Bresso von der Partito Democratico erhielt 1.033.946 Stimmen (46,9%), ihr Herausforderer Roberto Cota von der Lega Nord 1.043.318 Stimmen (47,3%) – und die vom Schauspieler/ Satiriker/ Blogger Beppe Grillo ins Leben gerufenen Liste “Bewegung fünf Sterne” (Movimento Cinque Stelle), die für einen bedeutend härteren Oppositionskurs steht, mit Davide Bono aus dem Stand 90.086 Stimmen (4,1%).
Dürfte man die Stimmen der Berlusconi-Gegner zusammenzählen, kämen sie im Piemont demnach auf 51 Prozent. Da aber um die Regierbarkeit zu garantieren das Regionalwahlsystem vorsieht, nur einen Teil der Sitze im Regionalrat gemäß der Stimmenstärke der Parteien zu vergeben, und der Rest der Siegerkoalition nach dem Prinzip “The winner takes it all” zufällt, sieht die neue Sitzverteilung in Turin anders aus: 36 Sitze für Cotas Siegerkoalition (Centrodestra), 22 Sitze für Bressos Centrosinistra und 2 Sitze für die Bewegung Movimento Cinque Stelle.

Die Stimmen für Beppo Grillos Movimento Cinque Stelle dürften mehrheitlich aus dem linken Lager gekommen sein, was letztlich Mercedes Bresso den Sieg gekostet hat. Diese Protestbewegung gegen die etablierte Politik, die anfangs mit einigen „Vaffanculo-Days“ (Leck-mich-am-Arsch-Tagen) gegen politische Missstände mobilisierte, hat zudem viele Anhänger in der NO-TAV-Bewegung,  die sich gegen das Bauvorhaben für den Treno ad alta velocità, die durch das Susatal geplante Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Turin und Lyon, zur Wehr setzen.

So viel zur Nachlese.
Nun darf man also gespannt sein, was Cota, der nach seinem Wahlsieg großkotzig prahlte “Dieser Sieg wird die Geschichte des Piemont verändern”, in Turin auszurichten vermag. In der Stadt, die von 1861 bis 1864 die erste Hauptstadt Italiens war, laufen längst die Vorbereitung zum 150. Jubiläum der Staatsgründung. Deren Symbole Vertretern der Lega Nord nicht mehr als den „Stinkefinger“ wert sind.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Eingeordnet unter abseits des Weges, NO TAV

1250 neue Grundbesitzer im Susatal – NO TAV!

Durch das Susatal zu kommen und nicht auf die ‚NO TAV‘-Bewegung aufmerksam zu werden, ist schlicht unmöglich. Knapp und kategorisch bringt die Bevölkerung des Tales damit zum Ausdruck, was sie verhindern will: den Treno ad alta velocità, beziehungsweise die Bauvorhaben, die hier geplant sind, um die Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Turin und Lyon zu realisieren. Das aus dem Jahr 1989 herrührende Projekt sieht vor, in dem durch Transitverkehr bereits stark belasteten Tal der Dora Riparia bis zum Jahr 2020 einen der längsten Basistunnel der Alpen entstehen lassen. Zunächst für den Personenverkehr konzipiert, soll die Strecke nun im Rahmen des transeuropäischen ‚Verkehrskorridor 5 Kiev – Lissabon‘ als Gütertransportverbindung fungieren – wobei allerdings noch nicht einmal Hochrechnungen der Betreibergesellschaften davon ausgehen, dass von diesem Angebot besonders rege Gebrauch gemacht werden wird.

NO TAV

Die Gegner dieses gigantischen Großprojektes, circa 90 Prozent der Talbevölkerung, angeführt von den Bürgermeistern der Gemeinden des Tales, der Comunità Montana Alta und Bassa Susa, unterstützt von Umweltschutzorganisationen wie Legambiente – dennoch aus den städtischen Zentren wahlweise als linke Krawallmacher oder Hinterwäldler ohne Verständnis für die Notwendigkeiten einer globalisierten Welt diffamiert – setzen der Zerstörung ihres so traditionsreichen Tales viele stichhaltige Argumente entgegen. Sie weisen auf die Möglichkeit des Ausbaus der bereits vorhandenen Bahnlinie hin, lassen Kosten-Nutzen-Analysen anfertigen und zeigen Folgen für Umwelt, Bevölkerung und die lokalen Betriebe auf, die durch die zu erwartende permanente Lärmbelästigung und Schadstoffbelastung bei den jahrelangen Aushub- und Abraumarbeiten entstehen würden. Sie gehen manchmal zu Demonstrationen auf die Straße, oft den Weg durch die Institutionen: Im letzten Jahr hat das NO-TAV-Komitee 32.000 Unterschriften gegen das Projekt gesammelt, die am 25. September dem Petitionsausschuss der Europäischen Kommission in Straßburg übergeben wurden (die EU ko-finanziert das Projekt).

NO-TAV-Chiomonte

Für den Fall aber, dass all diese Argumente verhallen sollten, trafen sich jetzt am 30. März 1.250 Menschen in Chiomonte (oberes Susatal), um sich als neue Grundstücksbesitzer ins Grundbuch eintragen zu lassen: Sie haben entlang der geplanten Bahntrasse jeweils einen Quadratmeter Land erworben, Kaufpreis: 15 Euro, und stellen sich damit bei etwaigen Enteignungsverfahren ‚in die erste Reihe‘.

Es bleibt spannend – la lotta continua!

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Eingeordnet unter abseits des Weges, Cottische Alpen, Grajische Alpen, NO TAV, Susatal