Das obere Royatal – seit 60 Jahren französisch

Am vergangenen Wochenende wurde in Tende und La Brigue der 60. Jahrestag des ‚Rattachments‘ begangen, die Abtretung des oberen Royatals an Frankreich am 17. September 1947.
In einem vereinten Europa sollten derartige Jahrestage heute keine Rolle mehr spielen, aber hätten wir bei unseren ersten Wanderungen in dieser Gegend bereits gewusst, was es bedeutete, dass das Gebiet noch so lange zu Italien gehört hat und wie heiß umkämpft es noch war, als in Paris bereits seit 8 Monaten Frieden herrschte, hätten uns manche Phänomene entlang unserer Wege weniger Rätsel aufgegeben.

1860 trat das Königreich Piemont-Sardinien Savoyen und damit auch die Grafschaft Nizza an Frankreich ab, um sich für dessen Unterstützung bei der Einigung Italiens zu revanchieren. Zu diesem Gebiet hätte auch das obere Royatal gehört, wurde aber, um die Poebene strategisch absichern zu können, bei dieser Abtretung ausgeklammert. Gegen den ausdrücklichen Wunsch der Bevölkerung, die sich bei dem vorausgegangenen Plebiszit – ein Instrument, das damals den royalen Machtpoker legitimieren sollte – mit überwältigender Mehrheit für den Beitritt zu Frankreich aussprach, um nicht in eine vollkommen isolierte Lage zu geraten.  Das Abstimmungsergebnis wurde allerdings ignoriert, die Grenze mitten durch das Tal gezogen, Familien auseinandergerissen und traditionelle Weidegebiete zerschnitten. Das obere Royatal (wie auch schmale Gebietsstreifen um die Pässe Fenestre, Cerise, Fremamorta und Lombarde) blieben bei Italien.
Nachkommen der Familien, die damals als Reaktion auf die neue Grenzziehung ihre Heimat verließen und nach Frankreich umsiedelten – was ja im konkreten Fall manchmal nur Fontan, Saorge oder Breil hieß – bildeten später ein starkes Sammelbecken für die Idee der Angliederung des Tales an Frankreich. Dass sich nach der Absetzung Napoleon III. die Situation zwischen Italien und Frankreich zunehmend verschärfte, dass die Grenze zu den ‚Feinden‘ im Süden mit den Forts am Col de Tende gesichert und damit ein Klima erzeugt wurde, das den Gefühlen der Bevölkerung so gar nicht entsprach, machte die Sache nicht besser. Dafür wurde mit der Eröffnung des Tendetunnels (1882) und der Eisenbahnlinie (1913) die geografische Isolation vom Mutterland verringert.
Da Frankreich und Italien im 1. Weltkrieg auf gleicher Seite kämpften, blieb die Region von Kampfhandlungen verschont, und auch danach gab es durchaus Phasen, in denen mit Sonderregelungen der kleine Grenzverkehr erleichtert wurde. Was sich änderte, als Mussolini vor dem zweiten Weltkrieg das obere Royatal mit weiteren Festungsanlagen an strategisch wichtigen Punkten überzog und zu deren Versorgung ein gigantisches Militärstraßensystem baute. Die Pläne sahen unter anderem vor, die Pisten im Val Valmasque und Val d’Enfer – mitten durch das Vallée des Merveilles – miteinander zu verbinden.
Als Mussolini Frankreich im Juni 1940 überfiel, wurden Heerscharen von Saisonarbeitern, die Sommer für Sommer an der Côte d’Azur in Hotels und Gaststätten arbeiteten, von der Schließung der Grenzen überrascht und durften nicht mehr heimkehren. Genauso erging es den Schäfern, die sich mit ihren Herden wie gewohnt auf den französischen Weiden befanden, als der Krieg ausbrach.
Hitlers Angriffskrieg gegen die UdSSR, zu dessen Unterstützung Mussolini Hunderttausende schickte, die den Sinn dieses Krieges weder verstanden noch mittrugen, die Besetzung des Royatales durch die Deutsche Wehrmacht, die erbarmungslose Jagd auf Partisanen (zu denen viele jener Soldaten überliefen, die noch schnell vor dem Einmarsch der Deutschen desertieren konnten), Deportationen und Repressalien gegen die Zivilbevölkerung, immer unterstützt von italienischen Einheiten, lieferten der Bewegung neuen Zulauf. 1943 wurde das ‚comité d’action en vue du rattachment du Tende et La Brigue à la France‘ gegründet.
Die Auseinandersetzungen um die Zukunft des Tales machte auch vor den Reihen der Partisanen nicht halt. ‚In die Berge‘ gegangen waren die Männer, um Zwangsrekrutierung oder Deportationen zu entgehen. Der antifaschistische Widerstand vereinigte sie – aber zu Spannungen kam es dort, wo divergierende Ziele für die Nachkriegszeit aufeinanderstießen: die auf nationalen italienischen Befreiungskampf ausgerichtete Partisanenbewegung brachte den ‚separatistischen‘ Bestrebungen der Menschen aus dem oberen Royatal wenig Begeisterung entgegen. Eine Eskalation der Auseinandersetzungen konnte nur wegen der Abhängigkeit von der Unterstützung der ‚Gaullisten‘ und Alliierten verhindert werden.

Gens de Frontières - Musée des Merveilles

Zwei Tage nach der Befreiung durch französische Truppen am 26. April 1945 brachte ein Konvoi 320 Bewohner aus ihrem Zwangsexil an der Küste in ihre Heimatgemeinden zurück. Und bereits einen Tag später organisierte das Komitée für das Rattachment eine Befragung der Bevölkerung, in der sich 1869 Personen für die Angliederung an Frankreich aussprachen.
Zunächst aber mussten auf Druck der Alliierten die französischen Einheiten am 10. Juli 1945 das Gebiet wieder verlassen – und erneut besetzten Italiener Administration und Schlüsselpositionen zur Aufrechterhaltung von ‚Recht und Ordnung‘.

Auf Drängen von Bevölkerung und französischer Regierung installierten die Alliierten im Mai 1946 eine Untersuchungskommission, die das politische Klima ausloten sollte. Als Ergebnis der Kommissionsarbeit wurde die Möglichkeit der Gebietsabtretung erstmals offziell festgeschrieben – jedoch nur unter der Bedingung, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung dafür ausspräche.
Damit war die Grundlage für das Rattachment gelegt, niemand zweifelte am positiven Votum. Im Friedensvertrag zwischen Frankreich und Italien, am 10. Februar 1947 in Paris unterzeichnet, wurden die Grenzen neu festgelegt. Neben den vier Orten im Royatal (Tende und La Brigue im Norden, Libre und Piena im Süden) fielen auch die Passgebiete an Frankreich, die bei der Abtretung Savoyens 1860 ausgespart worden waren. Als offizieller Termin wurde der 17. September 1947 angesetzt – die Tricolore wurde bereits einen Tag vorher gehisst.
Das Plebiszit, das diese Grenzziehung endgültig legitimierte, fand am 12. Oktober 1947 statt.

Es ist heute schwer auszumachen, ob die Zustimmung zum Anschluss an Frankreich wirklich so überwältigend war, wie das spätere Abstimmungsergebnis in deutlichen Zahlen ausdrückt. Nationalität und Sprache zu wechseln, Lire gegen Francs einzutauschen und sich einer zwar befreundeten, aber dennoch fremden Regierung zu unterstellen – eben nicht mehr ‚Italiener‘ zu sein – fiel längst nicht allen leicht.

Am vorigen Wochenende wurde im Musée des Merveilles die Ausstellung ‚Gents des Frontières‘ (15. September bis 12. November 2007) eröffnet, „une exposition sur la memoire orale en Roya“, die vielleicht verständlich machen kann, was es bedeutet(e), Tendasque zu sein.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Ligurische Alpen, Royatal, Seealpen, Via Alpina

2 Antworten zu “Das obere Royatal – seit 60 Jahren französisch

  1. Hallo Giovanna,

    Es ist vollkommen unstrittig, dass es im „Plebiszit“ von 1860 nicht darum ging, die Bevölkerung der betroffenen Gebiete wirklich darüber abstimmen zu lassen, ob sie zukünftig lieber Italiener oder Franzosen sein wollten.

    Die Gebietsabtretung wurde in den Verträgen zwischen Napoléon III. und Cavour als Premierminister des Königreiches Piemont-Sardinien fixiert, und erst danach der Bevölkerung zur Pseudo-Abstimmung vorgelegt.

    Was ich als „Instrument, das damals den royalen Machtpoker legitimieren sollte“ bezeichnet habe, war nichts anderes als eine „ratification d’un fait accompli“.
    Was dementsprechend alle Methoden mit dem Umgang der Abstimmungsergebnisse zuließ. Ob man ihr Resultat nun einfach ignorierte (wie im Fall des oberen Royatales, was ja nicht unbedingt als ein Ja zu Frankreich sondern vielmehr als ein Nein zum Auseinanderreißen des Tales gesehen werden sollte) oder im Vorfeld/ während der Wahl bewusst Einfluss auf das Wunschergebnis nahm.

    Von daher ist auch die Bemerkung in dem von Ihnen zitierten Faltblatt keinesfalls polemisch.
    Das große Misstrauen der Bevölkerung gegenüber derartigen Befragungen wird überall angeführt und kam verstärkt im Vorfeld der – unter internationaler Beobachtung durchgeführten – Volksbefragung im Jahr 1947 zum Tragen.

    Wer sich für dieses Thema interessiert, findet vor Ort viele interessante Monografien. Auch die 6 mal jährlich herausgegebene Zeitschrift „Le Haut-Pays – Journal de la Roya-Bevera“ widmet diesem Aspekt der Geschichte des Tals immer wieder Beiträge.
    Zum Schmökern eignen sich dabei die örtlichen Mediatheken, beispielsweise in Tende (http://www.bm-tende.fr).

    Sabine Bade

  2. Giovanna

    Kommentar zu „1860 trat das Königreich Piemont-Sardinien Savoyen und damit auch die Grafschaft Nizza an Frankreich ab, um sich für dessen Unterstützung bei der Einigung Italiens zu revanchieren. „:
    Ein Faltblatt eines Vereins zur Förderung der okcitanischen Sprache und Kultur (Sian d’Aqui, No 29 2009), in Breil sur Roya aufgelegt, findet sich – etwas polemisch – ein Kommentar zum Anschluss der Grafschaft Nizza an Frankreich: Dieser Anschluss sei in einem nachweislich massiv manipuliertem Pebiszit (Abstimmung) erzwungen worden – gegen die Wünsche des Volkes also.

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