Ein Hauch von ‚Zauberberg‘ in Prà Catinat

„Knapp 4000 Stufen, das ist, als würden Sie anderthalbmal den Eiffelturm besteigen – aber oben ist ja das Sanatorium!“ muntert Lucca, der die manchmal etwas kurzatmig erscheinenden Mitglieder der Besuchergruppe kenntnisreich auf der ‚Passaggiata Reale‘ durch die Festungsanlage von Fenestrelle führt, tröstend auf.

Der Spruch passt gut, Lucca wird ihn sicher oft anbringen – aber die noch immer repräsentativen Gebäude der ‚Sanatori Agnelli‘ in Prà Catinat, auf die er damit anspielt, sind längst kein Lungensanatorium mehr. Prà Catinat - ehem. Frauensanatorium das Haus ‚Tina Nasi Agnelli‘ – ehem. Frauensanatorium

Bieten heute aber unter anderem wieder die Möglichkeit, sich nach einer langen Wanderetappe eine ganz individuell gestaltete ‚Luftkur‘ zu verordnen.

Agnelli, das ist FIAT, die ‚Fabbrica Italiana Automobili Torino‘. Und FIAT stand lange Zeit für ganz Italien. Nachzuprüfen, wie es darum heute bestellt ist, fällt bei dem ausgeklügelten System von Schachtelfirmen und Kaskadenbeteiligungen nicht leicht. Auf jeden Fall aber ist das Chisonetal ‚Agnelli-Land‘ (was nicht zuletzt die Vergabe der Olymischen Spiele 2006 und die Wahl der Austragungsorte belegt haben). Und hier, oberhalb des Forte di Fenestrelle, ließ der Firmengründer Giovanni Agnelli Ende der 20er Jahre des letzten Jahrtausends auch das erste Lungensanatorium des Piemonts errichten. In einer Zeit, in der in Italien noch jährlich circa 60.000 Menschen an Tuberkulose erkrankten.

Mit der Hochebene von Prà Catinat wurde im Jahr 1926 auf 1650 Meter Höhe der geeignete Bauplatz gefunden, unter Leitung von Agnelli ein Konsortium zur Finanzierung des Sanatoriums gegründet und der Architekt Decker noch schnell zum Sammeln von Erfahrungen in die Schweiz geschickt. Da während der Bauzeit 1928 seine einzige Tochter Tina gestorben war, entschloss
Tina Agnelli Tina Nasi Agnelli – im Eingangsbereich des ehem. Frauensanatoriums

sich Agnelli, neben der ersten, ausschließlich für Männer vorgesehenen Klinik, auch noch ein Frauensanatorium errichten zu lassen (Architekt war hier Vittorio Bonadè Bottino, der schon am Turiner Lingottogebäude mitgearbeitet hatte und danach zwischen 1932 und 1934 in Sestriere den bekannten Hotelturm La Torre und das Albergo Duchi d’Aosta für Agnelli baute).

Schon im Juni 1929 wurden die Häuser ‚Edoardo Agnelli‘ und ‚Tina Nasi Agnelli‘ eröffnet.
Was die Fertigstellung trotz schwieriger topografischer Verhältnisse in Rekordbauzeit ermöglichte, war der Bau einer Materialseilbahn. Um die Arbeiten während des Winters nicht unterbrechen zu müssen, wurde 1927 innerhalb von 28 Tagen (!!) eine Materialseilbahn gebaut. Diese Seilbahn, die den kleinen Ort Depot an der Nationalstraße im Tal mit Prà Catinat verband,
wurde später für den Personenverkehr erweitert und auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: acht Minuten benötigte man in der kleinen, sieben Personen fassenden Kabine zur Überwindung eines Höhenunterschiedes von circa 700 Meter. Sowohl Berg- als auch Talstation stehen noch heute, sind allerdings halb verfallen.
Talstation im Ort Depot
Talstation der Seilbahn im Ort Depot

Circa fünfzig Jahre lag dienten die Gebäude als Sanatorium und sind heute als Consorzio Pracatinat ein Zentrum für Umweltbildung im Parco Naturale Orsiera-Rocciavrè. Während im ehemaligen Männersanatorium meist Schulklassen untergebracht sind, dient das Haus ‚Tina Nasi Agnelli‘ vorrangig großen Gruppen für Tagungen, Fortbildungen, Tanzkurse etc. Wenn aber diese Gruppen nicht gerade alle der 60 Zimmer (jeweils mit sehr schönem Bad und eigenem Balkon) komplett belegen, sind hier auch einzelne Reisende willkommen.

Vom Glanz der Gründerjahre ist zwar im Inneren viel der Modernisierung zum Opfer gefallen. Auch gibt es ein Selbstbedienungsbuffet statt dienstbarer Geister, die früher das Essen auftrugen und sich ansonsten dezent im Hintergrund hielten. Dafür ist aber auch der Wein nun nicht mehr streng rationiert: pro Mahlzeit gab es nämlich zur Sanatoriumszeit nur genau einen fünftel Liter pro Patient!

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Eingeordnet unter abseits des Weges, Übernachten, Chisonetal, Cottische Alpen, Via Alpina

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