Von Steinböcken, Königen und Wilderern

Dort, wo wir in den Alpen unterwegs sind, bekommen wir Steinböcke regelmäßig zu Gesicht. Sie gehören irgendwie dazu wie das Pfeifen der Murmeltiere, stellen sich oft, dank wenig ausgeprägtem Fluchtverhalten, regelrecht in Positur, damit wir auch genügend Zeit für eine Aufnahme haben. Kurz: über das Vorkommen von Steinböcken machen wir uns eigentlich nur Gedanken, wenn wir mehrere Tage hintereinander keinem einzigen Exemplar dieses bereits einmal fast vollständig ausgerotteten ‚Königs der Alpen‘ begegnet sind.
Oder wenn wir im Rahmen unserer Recherchen auf Ungereimtheiten stoßen, die wir uns nicht erklären können.

Für ganz eilige Leser an dieser Stelle – sozusagen als ‚Management Summary‘ – der Hinweis, dass es sich bei diesem Artikel um einen Buchtipp handelt:
Wer sich für die Geschichte der Wiederansiedlung der Steinböcke in den Alpen interessiert, kommt um das von Dr. Marco Giacometti herausgegebene Buch ‚Von Königen und Wilderern‘ (*) nicht herum. Aber wenn sich profund recherchierte Fakten derart spannend lesen lassen, ist das ja keine Strafe sondern ein großes Vergnügen!

Von Königen und Wilderern. Die Rettung und Wiederansiedlung des Alpensteinbocks. Marco Giacometti Hrsg.

Das Rätsel des Steinbocks oder: ‚Wer hat‘s erfunden?‘
Wer nach ‚Steinbock‘ und ‚Wiederansiedlung‘ googelt, erzielt momentan 2.960 Treffer. Man sollte annehmen, dass der so gefundene Lesestoff eigentlich ausreichen sollte, um sich einen ersten guten Eindruck über gelungene Wiederansiedlungsmaßnahmen von Steinböcken und deren aktuelle Verbreitung im Alpenraum zu verschaffen. Aber im deutschsprachigen Internet ist Steinbockwiederansiedlung eine rein Schweizer Angelegenheit.
In den wie geklont erscheinenden Artikeln ist zwar nachzulesen, dass bis Mitte des 19. Jahrhunderts nur im italienischen Gran-Paradiso-Gebiet eine kleine Restpopulation die flächendeckenden Bejagungen überlebt hatte, diese Tiere heute wieder in allen Alpenländern heimisch sind und sich die Gesamtpopulation mittlerweile auf circa 40.000 Steinböcke beziffern läßt – aber nach Wiederansiedlungsmaßnahmen anderer Alpenländer sucht man vergebens. Demnach müssten wohl all jene Steinböcke, die wir in den französisch-italienischen Westalpen sehen, im Mercantour- und im Vanoisemasiv, im Parco Naturale Alpi Marittime und rund um den Monviso, Schweizer Urahnen aufweisen!

steinbock
Steinbock im Mercantour – Ahnenfrage geklärt

Bestätigt sah sich bis vor einem halben Jahr in dieser abwegigen Fehlinterpretation, wer bei Wikipedia nachlas. Dort fand sich im März 2008 noch folgende Aussage: „Die ersten Tiere wurden 1911, nach einem im Wildpark Peter und Paul bei St. Gallen durchgeführten Aufzuchtprogramm, in den Schweizer Alpen freigesetzt, von wo aus sie sich inzwischen auf einen Bestand von 30.000 bis 40.000 Tieren im gesamten Alpenraum vermehrt haben.“
Wenn auch dieser Satz mittlerweile korrigiert worden ist, finden sich nachwievor recht viele Fehlinformationen in dem Unterkapitel ‚Mensch und Steinbock‘, die – anders können wir uns die vielen so annähernd gleichlautenden Artikel zu diesem Thema nicht erklären – fleißig vervielfältigt werden. Dass dabei ein deutlich schweizbezogener Akzent gesetzt wird, der uns sofort an den Werbeslogan von Ricola denken ließ, geht wohl auf Artikel zurück, die aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums der Wiederansiedlung des Alpensteinbocks in der Schweiz im Jahr 2006 verfasst wurden. Was im ausschließlichen Zusammenhang mit diesem Jubiläum und dem Stolz über die gelungene Wiederansiedlung des Wappentieres vieler Gemeinden in der Schweiz noch stimmen mochte, verzerrt in einem lexikalischen Artikel über den ‚Alpensteinbock‘ die Realität aber ganz gewaltig – wenn nämlich Bestrebungen anderer Alpenländer auf diesem Gebiet überhaupt nicht aufgeführt werden!
Und während die Information, dass bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, also längst nicht erst 1906, ein reger Schmuggel von Steinböcken aus dem Jagdrevier von Vittorio Emanuele II. in die Schweiz einsetzte, vollständig fehlt, erweckte der Satz „Der Förster Josef Zumstein und der Naturkundler Albert Girtanner konnten 1816 die Behörden dazu bewegen, die letzten Steinböcke im Gran Paradiso zu schützen“ bei uns den Eindruck, als sei auch die Unterschutzstellung im Gran Paradiso ausschließlich dem Einsatz von Schweizern zu verdanken (**).

Buch schlägt Internet klar mit 5:0
Nun wollten wir über dieses Thema ja nicht promovieren, waren lediglich an ganz allgemeinen Informationen interessiert – nur stimmen sollten sie. Am Ende unserer langwierigen Recherchen stand die Gewissheit, dass uns auch im Jahr 2008 das Informationsangebot des Internets die Suche nach einem Buch zu diesem Thema nicht ersparen würde.
Eine spezielle Literaturangabe hatten wir im Internet immer wieder gesehen: Marco Giacomettis ‚Von Königen und Wilderern‘. Allerdings findet sich diese Quelle auch bei dem o.a. Wikipedia-Beitrag und unter Artikeln, denen wir Erkenntnisse à la „Auch in Frankreich gibt es heute wieder Steinböcke“ verdanken. Um die Katze also nicht im Sack zu kaufen, versuchten wir nacheinander 1. dies Buch lediglich zur Ansicht zu bestellen, 2. es im Katalog einer Bibliothek in unserer Nähe aufzutun, bevor wir es 3. über einen Fernleiheauftrag endlich aus der Sächsische Landesbibliothek Dresden erhielten.
Dass sich diese Mühen gelohnt haben, erkannten wir bereits auf den ersten Seiten: obwohl aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums der Wiederansiedlung des Alpensteinbocks in der Schweiz verfasst und mit Mitteln der Wildparkgesellschaft Peter und Paul gefördert, lasen wir dort Sätze wie diesen: „… Aber es bleibt die Tatsache, dass es in der Schweiz nicht gelungen ist, den Steinbock vor der Ausrottung zu bewahren. Und der Steinbock wäre wohl auch dann nicht ausgestorben, wäre die Schweiz im zwanzigsten Jahrhundert untätig geblieben.“
Wer denkt da noch an Ricola?? Wir hatten gefunden, wonach wir suchten!

Die Autoren, die aus der Schweiz und aus Italien stammen, werden ihrem Anspruch, ein neues Licht auf die Geschichte der Rettung und Wiederansiedlung des Alpensteinbocks zu werfen, auf wundervolle Weise gerecht. Ein Geschichtsbuch, das sich so spannend liest wie ein Krimi, und dazu schön aufgemacht ist.

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Nachwuchs am Col Sabion

Im Kapitel ‚Königliche Jagden im Gran Paradiso‘, das Pietro Passerin d’Entrèves, Professor für Zoologie an der Universität Turin und Rektor der Universität des Aostatales, verfasst hat, wird endlich auch die italienische Seite der Medaille beleuchtet. Wir erfahren von dem Gesetz, mit dem Ignazio Thaon di Revel 1821 den Steinbock im gesamten Gebiet Savoyens unter Schutz stellte, über die Entstehung und Organisation der königlichen Jagdreviere im Gran Paradiso, durchaus auch wieviel sich König Vittorio Emauele II. dieses Vergnügen (übrigens aus Privatvermögen) kosten ließ, und von ersten Zuchtversuchen in La Mandria bei Turin. Dass 1920 Steinböcke aus dem Gran Paradiso in das königliche Jagdrevier von Entracque in den Seealpen gebracht wurden, hatten wir bereits vorher gewusst – nicht jedoch, dass es sich dabei um die erste Steinbockkolonie gehandelt hat, die aus Wildfängen gegründet wurde, es sich dabei also um eine alpenweite Premiere gehandelt hat.
Überhaupt haben wir viel Spannendes dazugelernt, u.a. dass bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein florierender Schmuggel mit Steinbockkitzen über die Grenze in die Schweiz betrieben wurde.

‚Kitze so teuer wie ein Mittelklasseauto‘ lautet denn auch eine Zwischenüberschrift, wenn Dr. Giacometti über illegalen Steinbockhandel berichtet. So kostete etwa 1882 ein Kitz 400 Franken, hinzu kamen 80 Franken für den Transport in die Schweiz.

Mehr wollen wir an dieser Stelle aber nicht verraten, weder über Joseph Berard, der als Begründer dieser ‚Connection‘ gilt, noch über seine Abnehmer. Schließlich wollten wir nur aufzeigen, dass es ein ungemein lesenswertes Buch über die Geschichte der Steinbockwiederansiedlung gibt. Das man in deutschen Buchläden nur leider vergeblich sucht.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

(*) Giacometti, Marco (Hrsg.)
Von Königen und Wilderern – Die Rettung und Wiederansiedlung des Alpensteinbocks
Mit Beiträgen von Hans-Jörg Blankenhorn, Martin Bundi, Marco Giacometti, Pietro Passerin d’Entrèves und Jost Schneider
Salm Verlag Wohlen/ Bern 2006, ISBN: 978-3-7262-1415-9

(**) Falls bis hierher der Eindruck entstanden sein sollte, wir stünden Wikipedia etwa skeptisch bis feindlich gegenüber – ist das absolut verkehrt: längst bietet dieses Online-Lexikon weit mehr und bessere Informationen als unser alter Brockhaus, dessen letzter Einsatz dementsprechend auch schon einige Jahre zurückliegt. Bezogen auf den Alpensteinbock-Artikel muss lediglich noch ein wenig nachgebessert werden – was aber durchaus auch für andere Internetquellen gilt.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter bergauf bergab, Tiere der Berge

Eine Antwort zu “Von Steinböcken, Königen und Wilderern

  1. Sehr geehrte Sabine Bade & Wolfram Mikuteit
    soeben habe ich Ihre Buchpräsentation gefunden und, wie könnte es anders sein, mit grossem Vergnügen gelesen.
    Ich danke Ihnen bestens für die Würdigung unseres Buches! Vielleicht gelingt es uns, das Buch ins Italienische zu übersetzen und zu vertreiben. In Italien herrschsch nämlich dasselbe Unwissen über die Leistungen der anderen Länder…
    Ich wünsche Ihnen alles Gute zum neuen Jahr
    Marco Giacometti

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