Die Erstbesteigungen des Monviso

Bei den Italienern muss der Stachel tief gesessen haben.
Nicht nur, dass es ein Engländer war, der ihren Symbolberg Monviso am 30. August 1861 zum ersten Mal bestiegen hatte, nein, William Mathews beschrieb dieses Bergerlebnis auch überaus launig 1862 im zweiten Band von ‚Peaks, Passes and Glaciers‘, dem Vorläufer des legendären Alpine Journal. Als Untertitel wählte er ein Faustzitat, „Das Mögliche soll der Entschluss beherzt sogleich beim Schopfe fassen“, und ließ in der Folge wenig Zweifel daran, was er von Jenen hielt, die den Monviso für unbezwingbar gehalten hatten. „I could, indeed, fill pages with quotations, in which every form of superlative which the word inaccessible is capable of receiving has been lavished upon this terrific peak, by writers who seem to have regarded its precipitous contour rather as an excuse for inaction than as a spur to enterprise.“
Glaubt man seinen Schilderungen der Gipfeltour, die er gemeinsam mit Frederik Jacomb, dem routinierten Bergführer Michel Croz und dessen Bruder Jean-Baptiste unternommen hat, scheint dabei die Frage des angemessenen Proviants die größte Herausforderung gewesen zu sein. Mit Kalbfleisch etwa musste man am Ausgangsort in Casteldelfino vorliebnehmen, um Eier aufzutreiben, musste Michel Croz selbst die Ställe des Dorfes durchstöbern, und die Mitnahme von Wein wurde ihnen zunächst verweigert – weil es vor Ort an Flaschen zum Abfüllen mangelte.
Die Schilderung dieser Probleme nimmt in Mathews kurzweiligem Artikel mehr Platz ein als die Beschreibung des Aufstiegs vom Basislager, wo die Gruppe übernachtet hatte, bis hinauf zum Gipfel. Aber der war ja auch „not very difficult“. Man hatte lediglich wegen des sehr bröseligen Gesteins mit Steinschlag zu kämpfen, machte sich daraus aber beim Abstieg, nachdem pflichtschuldigst oben am Gipfel ein Steinmännchen aufgehäuft, darin ein Barometer deponiert und auch die Aussicht entsprechend gewürdigt worden war (wegen Dunst konnte man das Mittelmeer nicht erkennen, was Mathews schwer enttäuschte), eher einen Spaß und ließ die Brocken ordentlich purzeln.

Das Monviso-Wetter verhinderte frühere Gipfelerfolge
So viel zum Thema ‚unbezwingbar‘ bei Mathews. Er, der ein Jahr zuvor bei dem Versuch, den Monviso vom französischen Abriès aus anzugehen, wegen schlechten Wetters nicht zum Erfolg kam, machte aber keinen Hehl daraus, dass er diesmal gut präpariert war: John Ball, der erste Präsident des 1857 gegründeten Alpine Club, hatte das Monviso-Gebiet bereits ausgiebig erkundet und riet ihm, den Aufstieg über das Varaitatal zu nehmen, steuerte eigene Unterlagen und auch Hinweise von James David Forbes bei, der das Massiv 1839 in einem Gewaltmarsch umrundet hatte. Und er hatte Glück mit dem Wetter – was wohl das Entscheidenste gewesen sein dürfte.
Denn am berüchtigten Monviso-Wetter, den schnell heraufziehenden Nebelschwaden, mit denen sich der Monviso gern schon ab dem frühen Vormittag verhüllt, waren bereits viele Besteigungsversuche gescheitert. Und lange bevor in England das ‚Goldene Zeitalter des Alpinismus‘ begann, erreichte im August 1834 eine Gruppe um Domenico Ansaldi aus Saluzzo über das Vallone di Forciolline immerhin eine Höhe von knapp  3 700 Metern – als dann dichter Nebel den weiteren Aufstieg unmöglich machte. Auch ein namentlich nicht bekannter Zolloffizier aus Abriès kam im Jahr 1850 recht nah an den Gipfel heran. Aber davon wusste Mathews anscheinend nichts, beschrieb daher lediglich die wegen Wetterproblemen abgebrochenen Besteigungsversuche von John Ball (1860) und Edward Whymper (1861).

Die Wiederherstellung der italienischen Alpinistenehre
Im Frühjahr 1863 erschienen kurz hintereinander die Übersetzungen von Mathews Bericht „Salita al Monte Viso – Narrazione di Guglielmo Matkews“ (mit verkehrt geschriebenen Namen) und dem über die zweite erfolgreiche Besteigung, die 1862 einer Gruppe um Francis Fox Tuckett, wiederum mit Michel Croz als Führer, gelungen war. Wohl als Träger war Bartolomeo Peyrotte aus dem Val Pellice dabei, der damit als erster Italiener auf dem Monviso stand – in Tucketts Bericht aber nicht gerade heldenhaft abschnitt.
Nach diesen Veröffentlichungen brach in Turin, der ersten Hauptstadt (1861-1864) des gerade geeinten Italiens, alpinistischer Ehrgeiz aus, von der Presse intensiv begleitet und angeheizt. Zwar zählt der Monviso nicht zu den allerhöchsten Gipfeln der Alpen, nahm aber im Piemont immer eine Sonderstellung ein. Schon die Römer hatten ihn gekannt, Vergil beschrieb ihn in ‚Aeneis‘, Dante in seiner ‚Göttlichen Komödie‘ und Chaucer in den ‚Canterbury Tales‘. Bisher hatte es den Italienern genügt, ihren ‚Re di Pietra‘ aus der Ferne zu bewundern. Nun aber, nachdem sich ein Engländer nach dem anderen einen Sport daraus machte, seinen Gipfel zu erobern und ihn zu einem Teil ihres ‚Playground of Europe‘ machten – wobei sie auch mit herablassendem Spott über die einheimischen Zögerer nicht eben sparsam umgingen – musste endlich auch einer der ihren hinauf, um die nationale Ehre wieder herzustellen.

Die Übersetzung von Tucketts Bericht „Una notte sulla cima del Monviso“, die auch in der ‚Gazetta di Torino‘ abgedruckt wurde, nahm Paolo Ballada di Saint Robert vor. Er war es, der den Anstoß zu der italienischen Expedition zum Monviso gab und übernahm auch deren Organisation. Die Leitung aber trug er wegen dessen größerer alpinistischen Erfahrung Quintino Sella an.
Am 12. August 1863 war es geschafft. Die Beiden standen zusammen mit Saint Roberts Bruder Giacinto und Giovanni Barraco auf dem Gipfel des Monviso.
Fast wären ihnen Alessandra Boarelli und die erst 14-jährige Cecilia Filia aus Casteldelfino noch zuvorgekommen, die ihr Vorhaben aber wegen schlechten Wetters hatten abbrechen müssen. Ein Jahr später gelang ihr zweiter Versuch, womit sie die ersten Frauen waren, die diesen legendären Gipfel bestiegen haben.

Der Vater des Club Alpino Italiano
Der Politiker (Wirtschafts- und Finanzminister in mehreren italienischen Regierungen) und Geologe Quintino Sella hat den Monviso nicht erstbestiegen, war auch nicht der erste Italiener auf dem Gipfel. Noch nicht einmal die Idee zu dieser Unternehmung ging von ihm aus. Dennoch ist Sella zu einer Legende geworden, die dem Monviso würdig ist. Was sicher auch daran liegt, dass er nur wenige Tage nach diesem Erfolg in einem vielbeachteten offenen Brief an seinen Freund Bartolomeo Gastaldi aufzeigte, woran es in Italien krankte: Vorurteile und überhöhte Legendenbildung seien schuld daran, dass die Engländer geradezu spielerisch einen nach dem anderen heimatlichen Gipfel bestiegen – und die Italiener leer ausgingen. Was den Anstoß für die Gründung eines italienischen Alpinistenvereins nach Vorbild des britischen ‚Alpine Club‘ gab.

Gleich mehrere Schutzhütten wurden nach dem ‚Vater‘ des im Oktober des gleichen Jahres gegründeten  Club Alpino Italiano (CAI) benannt. Am Monviso war dies zunächst das 1881 erbaute ‚Rifugio Quintino Sella superiore‘ im Vallone delle Forciolline auf 2 950 Meter Höhe, das später (1936) durch eine Lawine zerstört wurde. Dabei handelte es sich aber um nicht viel mehr als eine Notunterkunft auf dem Weg vom auf 2 270 Metern Höhe gelegenen Rifugio Alpetto zum Gipfel. Der Monviso-Hype, den Sella ausgelöst hatte, verlangte nach einem Basislager, das dem Gipfel näher lag. 1905 errichtete der CAI das dreistöckige Haupthaus des heutigen Rifugio. Aus Abgrenzungsgründung wurde es ‚Rifugio Quintino Sella al Lago Grande‘ genannt. Später wurden Westflügel und Ostflügel angebaut. Die herausragende Stellung, die dies Rifugio direkt unterhalb des Monviso für den CAI einnimmt, ist gut daran abzulesen, dass es der Dachorganisation gehört und von der Sektion Monviso/Saluzzo lediglich verwaltet wird.
Darüberhinaus gibt es in den Walliser Alpen das 1885 errichtete ‚Rifugio Quintino Sella al Felik‘, das heute noch als Winterraum für den Neubau gleichen Namens dient. Und im Val Veny (Montblanc-Massiv) das ‚Bivacco Quintino Sella di Rochers‘ auf 3 363 Metern.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Bilder:

  • William Mathews, Ausschnitt aus „The Club Room of Zermatt in 1864“, in: Edward Whymper, Scrambles amongst the Alps, London 1871
  • in: Peaks, Passes and Glaciers, London 1862
  • Quintino Sella im Portrait, von F. Cattaneo
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Eingeordnet unter abseits des Weges, Cottische Alpen, Monviso-Region

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