Der Nationalpark Gran Paradiso, der Sentiero Videsott und eine kleine Geschichte der Finanzmittelkürzungen

Offiziell ist das Jahr 2010 das von der UNO-Vollversammlung proklamierte Jahr der Biodiversität, der Artenvielfalt. Dass für deren Erhalt Naturschutzgebiete von essentieller Bedeutung sind, schreibt sich auch die italienische Regierung auf ihre Fahnen. Dennoch setzt gerade hier die italienische Umweltministerin Stefania Prestigiacomo den Rotstift an: Italienischen Nationalparks und anderen nationalen Schutzgebieten soll die Hälfte der finanziellen Zuwendungen gestrichen, die jährliche Fördersumme von 50 Millionen auf 25 Millionen Euro abgesenkt werden.

königlicher Jagdsteig - Nationalpark Gran Paradiso
gepflastert und königlich – Jagdsteig im Gran Paradiso

Naturschützer haben im vergangenen Monat vehement gegen diese Budgetkürzung protestiert. Die Überschriften, unter denen die Meldungen ins Haus flatterten, reichten von „Il Parco Nazionale Gran Paradiso a rischio chiusura“ über „Non uccidete i Parchi Nazionali!“ bis zu „Addio ai  Parchi Nazionali“. Als wir in diesem Zusammenhang ein Interview mit dem Direktor des Parco Nazionale Gran Paradiso Michele Ottino lasen, dachten wir an einen seiner Vorgänger und: „Es ist mal wieder Zeit für eine spektakuläre Aktion“.

Spektakulär wie das Auftreten von Renzo Videsott, Direktor des Gran-Paradiso-Nationalparks von 1945-1969, der  Wildhüter nicht mehr zahlen konnte und am 30. Juni 1947 anlässlich der internationalen Naturschutzkonferenz in Brunnen in der Schweiz eine flammende Rede hielt, um sich internationale Unterstützung zum Erhalt der Steinbockpopulation zu sichern. Daraufhin schickte die Schweiz rund 2,5 Mio. Lire. Eine mildtätige Spende, die eben reichte, um die Wildhüter zwei Monate lang zu zahlen – die italienische Regierung aber nachhaltig düpierte. Kurz danach wurde die Finanzausstattung des Nationalparks auf eine solide Basis gestellt.

Colle del Nivolet
am Colle del Nivolet mit den gleichnamigen Seen

Im piemontesischen Teil des Nationalparks ist ein Weg nach Renzo Videsott benannt worden. Es handelt sich dabei um das letzte Teilstück der Route, die anfangs über für Vittorio Emanuele II. angelegte und teilweise raffiniert gepflasterte königliche Jagdsteige vom Colle del Nivolet über die Laghi Losere hinunter ins Orcotal führt. Dass wir diesen Weg in unseren neuen Piemont-Wanderführer aufgenommen haben, hängt aber nicht unbedingt mit den Leistungen Renzo Videsotts für den italienischen Umweltschutz zusammmen – sondern gründet im Panoramagehalt dieser Tour mit blendender Aussicht auf den Capragletscher, die Tre Levanne und die beiden Stauseen Lago Agnel und Lago Serru mit ihren so irritierend unterschiedlichen Wasserflächen.

Sentiero Videsott Wenn es aber Michele Ottino und seinen Kollegen gelingen sollte, die italienische Regierung ebenso breitenwirksam an den internationalen Pranger zu stellen wie Renzo Videsott damals, und wenn auch nach ihm im Gran Paradiso ein Weg benannt wird, werden wir den – Aussicht hin, Aussicht her – auf jeden Fall vorstellen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

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