Was wächst, kreucht und fleucht im Mercantour Nationalpark?

Dass sich der Parc National du Mercantour durch eine beeindruckende Pflanzenvielfalt auszeichnet, dass dort wegen der ganz unterschiedlichen Mikroklimata eine Mischung aus alpinen und mediterranen Pflanzen wächst, darunter viele Endemiten, ist hinlänglich bekannt. Gleiches gilt für den auf einer Länge von 35 km direkt angrenzenden italienischen Parco Naturale Alpi Marittime. Unter den Endemiten, also jenen Pflanzen, die ausschließlich in einer bestimmten, räumlich klar abgegrenzten Umgebung vorkommen, befindet sich auch die Saxifraga Florulenta, eine sehr seltene Steinbrechart, die nach circa 30 Jahren nur ein einziges Mal im Leben blüht und danach sofort abstirbt.

Und wie selbstverständlich uns in diesem großen, grenzübergreifenden Schutzgebiet die Begegnung mit andernorts eher selten aus der Nähe zu beobachtenden Tieren ist, fiel uns erst auf, als Leser unseres Piemont-Wanderführers nachfragten, ob wir bei dem Foto auf Seite 204 mit Photoshop nachgeholfen haben. neuer Bewohner in alter Kaserne Bassa di Druos – Zimmer mit Aussicht auf der ehemaligen GTA-Etappe in den Seealpen, zw. Isola 2000 und Terme di Valdieri.

Aber was sich jenseits des Augenfälligen hinter der oft angeführten „beeindruckenden Vielfalt von Flora und Fauna“ wirklich verbirgt, war bisher nur zu schätzen: Im Jahr 2007 ging man noch davon aus, dass der Mercantour circa 3.200 unterschiedliche Spezies aufweist. Was auch bereits respektabel gewesen wäre. Im Jahr der Biodiversität 2010, in dem auch das 30-jährige Bestehen des Nationalparks gefeiert wird, sind wir schlauer:
Bisher sind im gesamten Schutzgebiet 8.012 Spezies identifiziert worden, davon 6.149 im Mercantour Nationalpark und 3.907 im Parco Naturale delle Alpi Marittime (Stand: 27.10.2010).

Dass wir heute so konkrete Zahlen veröffentlichen können, ermöglicht ein Projekt namens „ATBI+M“.
Bei All Taxa Biodiversity Inventories + Monitoring handelt es sich um ein Projekt zur Biodiversität, eine Art „Volkszählung“ von Tier- und Pflanzenarten in einem bestimmten Gebiet.
Die Idee zu einem ATBI+M stammt von dem US-Ökologen Dan Janzen und wurde erstmals 1998 im Nationalpark Great Smoky Mountains in den USA umgesetzt.
Saxifraga florulenta – Foto: Christophe Franco/wikipedia/cc-by-sa

Als erstes europäisches ATBI+M-Pilotprogramm erarbeiten nun mehrere hundert Spezialisten aus mehr als 15 Ländern, unter der Leitung des Museum für Naturkunde Berlin und unterstützt von lokalen Naturwissenschaftlern, seit dem Jahr 2007 für den Nationalpark Mercantour und den Parco Alpi Marittime dieses ambitionierte Inventar von Flora und Fauna.
Bisher – das Projekt ist längst noch nicht abgeschlossen – wurden dabei 59 Spezies erstmals in diesem Gebiet entdeckt, 33 finden sich sonst nirgends in Italien oder Frankreich, wie etwa die Goldwespe Philoctetes helveticus, und mindestens zwei Spezies kannte die Wissenschaft bisher noch gar nicht. Spektakuläre Funde also, die es aber natürlich nicht mit der Bekanntheit des Juchtenkäfers aufnehmen können.

Aber je mehr Spezies inventarisiert werden, die sehr selten und unbedingend schützenswert sind – desto größer werden auch die Chancen der beiden Parkgebiete für die gemeinsame Aufnahme in das Welterbe der UNESCO, ein Ziel, an dem bereits seit langem gearbeitet wird.

In der online verfügbaren Datenbank lässt sich nicht nur der Fortschritt dieses Projektes ablesen, sondern auch exakt (Koordinaten) ablesen, was wo genau wächst, kreucht und fleucht. Die Philoctetes helveticus wurde beispielsweise im Süden des Col de Cayolle, bei La Prà am Col de la Bonette und bei Millefonts (St. Dalmas-Valdeblore) identifiziert.
Faszinierend!

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Mercantour, Seealpen, Tiere der Berge

3 Antworten zu “Was wächst, kreucht und fleucht im Mercantour Nationalpark?

  1. martin

    Ich hatte angenommen, dass nicht nachgeholfen wurde, aber für mich war es nicht so deutlich dem Text zu entnehmen. Danke für die rasche Antwort.

  2. Neiiiin, natürlich nicht!!
    Ich dachte eigentlich, das ginge aus dem Text hervor.
    Steinböcke machen es sich gerade in diesen Kasernenruinen gerne gemütlich, legen sich dort zum Nickerchen ab o.ä.. Und lassen sich auch durch uns in ihren Gewohnheiten nicht stören. Um solche Aufnahmen zu machen, braucht man in dieser Region wirklich kein Photoshop!

    Gruß
    Sabine

  3. martin

    Und? Habt ihr das Steinbock-Bild Photogeshoppt? Oder sagt man gephotoshoppt? ;-)

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