Colle Sommeiller, Denzel und die „anfahrbaren 3000er“ in den Westalpen

Die Krönung „motorisierter Höhenwanderungen“ in den Alpen stellt die Befahrung eines Zieles jenseits der 3000-Meter-Marke dar.
Kein Werk der „alpinen Literatur“ scheint besser dazu geeignet, diese Begehrlichkeiten zu wecken und die scheinbare Erfüllung dieser Sehnsüchte für den automobilen Höhenwanderer in greifbare Nähe zu rücken, als der „Denzel Alpenstraßenführer“.

Dort konnten wir bis vor einigen Jahren (20. Auflage 1999) in den einleitenden Bemerkungen zur Region Piemont noch lesen, dass es sich bei der hinauf zum Hochplateau (3.050 m) am Colle Sommeiller führenden Piste um die höchste befahrbare Alpenstraße handelt.

Colle Sommeiller
Colle Sommeiller und Reste des Rifugio Albergo Ambin

Sinn und Zweck dieses Straßenbaus war die Erschließung eines Sommerskigebiets unterhalb der gleichnamigen Punta. Das nur 30 km von Bardonecchia (oberes Susatal) entfernt lag und über die gut trassierte Schotterpiste auch mit untermotorisierten zweiradgetriebenen Kleinwagen problemlos zu erreichen war. Bis das in alten Karten als „Rifugio Albergo Ambin“ verzeichnete Gebäude in den 60er-Jahren durch eine Lawine zerstört und das Skigebiet daraufhin aufgelassen wurde.

Motivationstreiber, sich mit seinem Fahrzeug in derartige Höhen aufzumachen, war seinerzeit der gepflegte Sommerskispass. So hat uns ein Turiner Ehepaar auf einem Spaziergang zwischen abgebrochenen Liftmasten, herumliegenden Stahlseilen und diese in Bewegung haltenden  Dieselaggregaten voll Glanz in den Augen erzählt, wie sie dort vor 40 Jahren nicht nur ihre Parallelschwünge setzten, sondern sich auch kennengelernt haben.

Heute stellt sich die Situation anders dar. Befeuert durch o.a. Buch und den Willen, einmal an der 3000er-Marke gekratzt haben zu müssen, entwickelte sich der Colle Sommeiller zu einem legal anfahrbaren und ungemein attraktiven Hochziel für Offroader, vermeintlich knapp über 3.000m hoch gelegen.

Ein Blick in entsprechende Wanderkarten aber reicht, um dem Mythos der „führenden Drei“ den Wind aus den Segeln zu nehmen:
Der Colle Sommeiller, um genau zu sein: der östliche, wird in den Karten des IGM (Istituto Geografico Militare) und bei FRATERNALI editore mit einer Höhe von 3.000 m ausgewiesen und ist von keiner Seite aus anfahrbar – sondern kann nur durch Umgehung des vor ihm liegenden kleinen Sees zu Fuß erreicht werden!

FRATERNALI editore
FRATERNALI editore 01 – Alta Valle Susa, 1:25k

Die Höhenangaben für das ehemalige Rifugio Albergo Ambin (sofern noch in den Karten verzeichnet – die Überreste wurden im Jahr 2004 abgetragen und im Tal einer wie auch immer gearteten, hoffentlich umweltgerechten Entsorgung anheimgeführt) und dem rechts davon als Parkplatz fungierenden Hochplateau schwanken zwischen 2.991 m und 2.996 m. Die Höhe direkt am Seeufer wird in einer französischen Karte (IGN – Institut Geographique National) mit 2.987 m angegeben.

Hm, ist also nichts mit den 3.000 m, wenn der Wagen nur neben der Ruine geparkt wird. Also wurde kurzerhand in den Trümmerresten nach einigen langen Eisenstangen gesucht, diese auf einem unscheinbaren Schutthügel (in den Karten verzeichnet und mit 3.008 m bzw. 3.011 m angegeben) – in umittelbarer Nähe von See und Ex-Hütte gelegen – platziert und mit Wimpeln versehen. Das Ganze nannte sich fortan „Fahnenhügel“. Wer sich diese paar Meter noch antat, konnte endlich die korrekte Höhe in sein GPS abspeichern und sich als  3.000er-Bezwinger fühlen.
Dumm, dass diese Möglichkeit nur für wenige Jahre Bestand hatte. Im Zuge der Aufräumarbeiten wurden nicht nur die Zeiten, zu denen der „Colle Sommeiller“ legal befahren werden kann, reglementiert, sondern auch den Abstechern auf den Fahnenhügel mittels massiver Balkenabsperrungen ein Ende gesetzt. Zurück nicht auf „Los“, aber runter auf den Boden der geographischen Tatsachen, und der liegt jetzt wieder – je nach Lesart – bei 2.991 oder 2.996 m.

Neue Hoffnung auf Befahrung eines Hochzieles jenseits von 3.000 m konnten die Leser einer neuen Ausgabe (23. Auflage, 2007) hegen. Dort wurde auf die Anfahrbarkeit der Bontadini-Bergstation (3.332 m) verwiesen. Es handelt sich hier um eine Versorgungspiste, die von Breuil-Cervinia zu der in unmittelbarer Nähe der Theodul-Hütte gelegenen Skistation hinaufführt. Dass die Befahrung dieser Piste noch nie legal war und im Sommer ausschließlich zu Wartungszwecken für einen autorisierten Personenkreis geöffnet wird, ist dabei großzügig von beiden Seiten übersehen worden (wenn während der Revision mal das eine oder andere nicht autorisierte Fahrzeug durchrutschte, wude darüber kein Aufheben gemacht). Bis den in dieser Hinsicht eher gelassen reagierenden Italienern ob des zunehmendes Verkehrs, incl. kommerziell geführter Touren, der Kragen platzte.


Endstation Breuil-Cervinia. „Casa del Sole“, erbaut zw. 1947 und 1955, Architekt: Carlo Mollino

Inzwischen aber sollten auch die einfach strukturierten Zeitgenossen, die in der schulischen Verkehrserziehung eher durch Absentismus statt durch aktive Mitarbeit die Aufmerksamkeit des Lehrkörpers auf sich zogen, bei der Einfahrt nach Breuil-Cervinia realisiert haben, was die weißen runden Schilder mit dem äußerem roten Kreis bedeuten. Und die Ausrede: „Habe ich nicht gesehen“ seitens der Carabinieri auf wenig Gegenliebe stoßen wird.

Zurück zum Sommeiller. In der 24. Auflage aus dem Jahr 2010 fehlt jetzt der Hinweis auf das angeblich 3.050 m hoch gelegene Plateau. Hier wird nur noch der Colle Sommeiller und seine Höhe mit 3.009 m angegeben (richtig wären 3.000 m) sowie auf die ehemalige Hütte auf 2.991 m verwiesen. Verkaufsförderndes, die Wahrheit verschleierndes Motto: „Alles, was du deinen Kunden sagst, muss wahr sein (hier: Pass 3.000 m bzw. höher), aber erzähl‘ ihnen um Himmels Willen nicht alles, was wahr ist (hier: nicht anfahrbar)“.

„Der Denzel“ verkauft sich auf diese Art sehr gut, keine Frage. Es werden sicher noch viele Auflagen folgen.
Denn für den leidenschaftlichen Alpenfahrer üben gerade geschotterte Wege, die sich mitunter für Wagen ohne Vierradantrieb als nicht passierbar erweisen, eine besondere Anziehungskraft aus. Insider-Wissen offenbart der Denzel dennoch nicht: All diese Wege, ob nun legal befahrbar oder mit einem Fahrverbot belegt, sind in den entsprechenden Wanderkarten im Maßstab 1:25.000 eingezeichnet, ob es sich nun um eine Versorgungspiste, die Verbindung zwischen abgelegenen Bergdörfern oder um eine Militärpiste zu einem der vielen im 19. Jahrhundert erbauten Forts handelt.
Gerade die ehemaligen Miltärstraßen des Westalpenbogens zwischen Aostatal und Menton genießen dabei bei Alpenfahrern einen besonders hohen Stellenwert. Für ihr Alter sind sie oft gut erhalten und führen in aussichtsreiche Höhen wie etwa die sogenannte „Ligurische Grenzkammhöhenstraße“ und die Assietta-Kammstraße. Nun wurde aber der Militärstraßenbau Mitte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts nachweislich vollkommen eingestellt. Danach ließ man manche der Pisten verfallen, andere wurden im Laufe der Zeit mit Fahrverboten belegt oder ins Verkehrsnetz integriert und modernisiert, sprich: asphaltiert. Womit ihre Befahrung des Geruchs von Freiheit und Abenteuer beraubt wurde.


Schon seit viele Jahren gesperrt. Auffahrt zum Gipfelfort Gran Serin, 2629 m

Die anfahrbahren und nicht asphaltierten Hochziele werden also von Jahr zu Jahr weniger und nicht mehr. So behilft man sich stattdessen mit Kurzfrist-Highlights: Wenn eine italiensiche Gemeinde beim Bau neuer Versorgungspisten zu einer entlegenen Skistation etwa schlicht vergisst, rechtzeitig die entsprechenden Verbotsschilder aufzustellen.
Was macht die Faszinationen dieses nicht preiswerten Werkes also aus? Von Neuauflage zu Neuauflage nachzulesen, was in der Vergangenheit noch alles machbar war? Herauszufinden, was im nächten Sommerurlaub noch befahrbar und vielleicht im Jahr darauf bereits tabu sein wird?

Wolfram Mikuteit

 

 

 

Advertisements

4 Kommentare

Eingeordnet unter abseits des Weges, bergauf bergab

4 Antworten zu “Colle Sommeiller, Denzel und die „anfahrbaren 3000er“ in den Westalpen

  1. Stefan

    Ohne die alten Militärstraßen und die Möglichkeit, diese auch befahren zu dürfen, wäre ich nie auf diese Grenzregion aufmerksam geworden. Wanderwege gibt es genug in den Alpen, solche Straßen aber nur noch selten. Deshalb sollten sie auch für den motorisierten Verkehr erhalten bleiben.

  2. Pingback: Punta Sommeiller 3333m

  3. dieser Artikel und Teil 2 – „Warum Höhe alles ist, was zählt“ finden sich auch auf Buschtaxi, incl. einer regen Diskussion.

    Gruß Wolfram

  4. Wehlan, Wolfgang

    das ist nicht ganz fair gegenüber dem Denzel. An vielen Stellen dieser „Bibel“ wird hingewiesen, dass gerade die wenigen Spinner unter den Motorradfahrern dafür sorgen, dass interessante Strecken gesperrt wurden. Auch sind oft Hinweise dabei, wie man inzwischen gesperrte Teile dann zu Fuß (Wegdauer und -länge) zu Fuß erkunden kann. Auch dass Fahrverbote ernstgenommen und Rücksicht (Lärm, Geschwindigkeit) genommen werden soll, ist steter Tenor des Denzel.Es verkauft sich halt journalistisch besser, wenn man von Motorradrowdies berichten kann. Als alter Mann mit normalem Tourenmotorrad geniesse ich die Leere der Westalpen und die Gastfreundschaft ohne Sterne-Küche jedes Jahr.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s