Zum Verhältnis von Wanderern und Motorradfahrern im Piemont und anderswo

Vor einiger Zeit hat Markus Golletz auf seiner Seite motorradreisefuehrer.de eine sehr positive Rezension zu unserem Piemont-Wanderführer veröffentlicht.

Strada dell'Assietta

Anstatt dieses Lob einfach nur dankend abzuheften, haben wir uns Gedanken gemacht über die einzige kritische Anmerkung, die der Artikel enthielt:
„An manchen Stellen beklagen sich die Autoren über die Befahrbarkeit von alten Militärstraßen, was mit uns Bikern zum Konflikt führt. Eine Annäherung von beiden Seiten ist vielleicht der richtige Schritt. Deswegen auch diese Rezension auf einer sonst reinen Motorradseite.“

Wir haben Markus Golletz in einem offenen Brief geantwortet, den er im März dieses Jahres veröffentlicht hat. Sein Teaser:
„Das haben wir uns schon lange gewünscht: Eine Wortmeldung aus dem ‚anderen Lager‘: Wie können Wanderer und Enduristen Co-existieren, wie kann die Natur geschützt und erhalten bleiben? Sabine Bade und Wolfram Mikuteit (Westalpenblog) haben eine Idee“.

Da uns natürlich vorrangig die Meinung anderer Wanderer interessiert, veröffentlichen wir unseren Leserbrief auch hier auf unserem Blog.

Lieber Markus,
Zunächst – wenn auch mit ‚leichter’ Verspätung – ganz herzlichen Dank für die positive Rezension unseres Piemont-Wanderführers!
Und für die Möglichkeit, uns hier zum Thema der piemontesischen Militärstraßen zu äußern.
Es geht darum, ein paar Vorurteile auszuräumen und mit dem weitverbreiteten Ansatz aufzuräumen, hier stünden sich zwei unterschiedliche Lager unversöhnlich gegenüber. Wanderer sind weder die besseren Menschen, noch stehen sie per se dem Naturschutzgedanken näher als Motorrad- oder Geländewagenfahrer. Schwarze Schafe und Umweltrüpel gibt es überall. Wir sehen deshalb eine viel größere Schnittmenge in der Interessenslage von motorisierten und unmotorisierten Höhenwanderern als gemeinhin angenommen wird. Darüber hinaus bestehen natürlich auch unterschiedliche, vollkommen konträre Ansprüche – die jedoch mit einfachen Regeln umzusetzen wären.

Blick vom Monte Triplex auf den Mont Chaberton, 3.131 m
Zunächst aber kurz zu Deiner Anmerkung, wir würden uns ganz generell über die Befahrbarkeit von alten Militärstraßen beklagen und damit den Konflikt mit Bikern heraufbeschwören. Das sehen wir – wen wundert’s? – anders:
Wir schreiben Wanderbücher, und geben dem Leser nicht nur einen vagen Überblick über die Route, sondern bemühen uns, über die Beschaffenheit der Wegstrecke möglichst umfassend zu informieren.
Wenn man über 1.000 Höhenmeter aus dem Tal aufgestiegen ist und unterwegs nichts anderes gehört hat als Vögelgezwitscher und Murmeltierschreie, ist es schon ein Erlebnis der ganz besonderen Art, plötzlich ohne Vorwarnung auf 2.500 Meter Höhe an einer vielbefahrenen Kreuzung zu stehen. Und wenn man Pech hat, dabei auch gleich in die dicke Staubwolke vorbeirasender Quadfahrer gehüllt wird.
Darauf hinzuweisen ist unseres Erachtens Aufgabe eines guten Wanderführers. Damit Wanderer darauf vorbereitet sind und sich ggf. eine andere Tour aussuchen.
Weitwanderer aber haben diese Wahlmöglichkeit hinsichtlich der Strecke oft nicht. Wer auf der Grande Traversata delle Alpi (GTA) oder Via Alpina vom Susa- in das Chisonetal überwechseln will, gerät zwangsläufig an diese Kreuzung auf 2.500 Meter Höhe auf der Strada dell’Assietta und muss sich dann auch noch ein ganzes Stück weit die Schotterpiste mit Autos/Motorrädern/Quads teilen.
Das klappt in aller Regel auch gut – weil die überwiegende Mehrheit der Fahrer auf Fußgänger sehr viel Rücksicht nimmt. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel, und es gibt sicher Angenehmeres, als von einer langen Wagenkolonne überholt zu werden und statt Bergluft eben Auspuffgase einzuatmen.
Richtig böse wird es aber, wenn zerfräste Hänge oder der eigene Augenschein aufzeigen, dass manch Crosser die Hochlagen der Westalpen mit der heimischen Kiesgrube verwechselt und sie als Übungsgelände für sein fahrerisches Können nutzt. Wohlgemerkt: Wir schreiben hier über eine Straße, die durch das Naturschutzgebiet des Parco Naturale del Gran Bosco di Salbertrand führt.


Forte Gran Costa, 2.584 m. Die Piste hier hoch ist schon seit vielen Jahren unpassierbar und die Zufahrt mittels massiver Eisenschranke versperrt.
Oder wenn man als Fußgänger auf einer dieser tollen Militärstraßen unterwegs ist, die durch Verbotsschild oder Schranke für den öffentlichen Verkehr eindeutig gesperrt sind – und die dann dennoch befahren werden. Ausflüchte reichen in diesen Fällen von „die Schranke ließ sich ja leicht entriegeln“ bis „das Verbotsschild war italienisch, das konnten wir nicht lesen“. Oder wenn – trotz Sperrung – auch der letzte klägliche Gletscherrest am Colle Sommeiller befahren wird, nur um am legendären ‚Fahnenhügel’ die 3.000-er Marke zu knacken!
Diese aufgeführten Beispiele dürften genügen. Dir ist diese Materie ja schließlich nicht fremd. Wir wollten damit nur aufzeigen, worüber wir uns wirklich beklagen. Übrigens auch in großer Übereinstimmung mit vielen Bikern. Die müssen nämlich durch das Fehlverhalten einiger Weniger – durch die wenig umweltverträgliche ‚Umnutzung’ dieser Strecken zum Fun-Park – befürchten, dass über kurz oder lang immer mehr dieser Straßen gesperrt werden. Und das wollt weder „Ihr Biker“ – noch wir!
Denn entdeckt haben wir diese traumhafte Region vor langer Zeit auf den zwei Rädern einer KTM. Und wären ohne die unter Mussolini erbauten Militärstraßen eventuell nie auf den Reiz des Westalpenbogens als Wanderdestination aufmerksam geworden. Und weil es gerade im näheren Umfeld der Assietta so viel zu entdecken gibt, befahren wir diese Straße auch heute noch von Zeit zu Zeit. Es wäre auch schade, wenn der gesamte Assietta-Grat ausschließlich Jenen vorbehalten bliebe, die in der Lage und willens sind, einen Aufstieg von über 1.000 Höhenmetern auf sich zu nehmen und – oben angekommen – dann zudem keine Übernachtungsmöglichkeiten finden.

  Testa dell’Assietta, 2.565 m. Zu Fuß am schnellsten von Salbertrand auf der GTA und Via Alpina zu erreichen.
Wanderer können wegen der Länge der Tour meist nur zur Testa dell’Assietta – haben damit noch nicht einmal die Möglichkeit, sich die vielen Festungen unterschiedlicher ‚Baureihen’ anzuschauen. Und nehmen dann auch beispielsweise gar nicht wahr, dass sich hier im Jahr 1944 die heiß umkämpften Außengrenzen der ‚Repubblica Libera Val Chisone’ befunden haben, eine im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannte freie Partisanenrepublik.
Colle dell'Assietta - im Julin und August , Mittwoch und Samstag von 9 - 17 Uhr Ruhe Wir beklagen also nicht die generelle Befahrbarkeit der alten Militärstraßen – sondern vor allem ihren Mißbrauch.
Darüber hinaus wäre wünschenswert – und würde das Verhältnis zwischen motorisierten und unmotorisierten Nutzern dieser Straßen sofort befrieden – wenn in allen Sommermonaten bestimmte Wochentage ausschließlich Wanderern, Mountainbikern und Reitern vorbehalten wären. Die dann ohne Motorengeräusche an diesen Tagen eventuell auch die Möglichkeit hätten, das eine oder andere etwas scheuere Tier zu sehen – oder schlicht in aller Ruhe einmal ohne Zivilisationsgeräusche nur das Panorama genießen könnten.
Wenn derartige Regelungen frühzeitig und mehrsprachig kommuniziert und auch nicht Jahr für Jahr geändert werden, sehen wir nicht, warum ein konfliktfreies Verhältnis zwischen Wanderern und Bikern nicht möglich sein sollte!
Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

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6 Kommentare

Eingeordnet unter abseits des Weges, bergauf bergab

6 Antworten zu “Zum Verhältnis von Wanderern und Motorradfahrern im Piemont und anderswo

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  3. Steffen

    zu Frieberts Kommentar habe ich folgendes zu sagen:
    Ich wandere sehr gerne und ich bin ein begeisteter Trial Fan. Enduro fahre ich ebenfalls, jedoch nur auf „legalen“ Straßen, Wegen, Mulitieras und dergleichen. ich habe seit gerumer zeit ein Casa in Piemont, genauer gesagt in den gräischen Alpen Nähe Parco Grand Paradiso. Ich fahre dirket vom Haus aus weg mit dem Mountain Bike sowie dem Trial bis hoch in die Berge (3200 M). Noch niemlas traf ich ienen Italinener welcher bös geschaut hatte oder mich irgendwie angepöpelt hätte. Im Gegenteil: wenn man sich daran hält feundlich und rücksichtsvoll zu sein, kommt man mit diesen immer in ein sehr aufgeschlossenes, freundliches Gespräch. anders verhält es sich wenn man auf deutsche Wanderer stößt. Das ist mir wiederholt passiert, und die nahmen kein Blatt vor den Mund, weil sie dachten ich würde ihre Sprache nicht verstehen. Möglicherweise sollte man den deutschen Touristen einmal erklären, dass es in Italien zum einen erlaubt ist im Wald zu fahren (ja, diese Aussage habe ich von einem Polizisten), und zum anderen sich auch die deutschen Wandersleute in die Gegebenhieten des jeweilgen Landes einfügen sollten um das zu tolerieren. Wie gesagt: ich rede von Rücksichtsnahme und Toleranz. Auf gar keinen Fall möchte ich all diejenigen, welche glauben auf einem Crossplatz zu sein (Wheelie durch Ortschaften, offene Auspuffanlagen etc…) noch bestärken in italien Enduro zu fahren. Ich habe das Gegenteil erlebt (von der Region her): in Lgurien wird derziet gar nichts mehr toleriert, genau wegen solchen Dumpfbacken wie zuvor beschrieben. Es fallen ganze Horden (auch hier wieder meist deutsche Endurofahrer) in der Region Ligurische GKS (bis hoch nach Bardoneccia) ein so dass es bald unmöglich wird hier noch ungestört Enduro zu fahren. Ein Verbot für ALLE Enduristen in diesen betroffenen Regionen würde ich für gut empfinden. Da hätte man sich den Ast abgesägt auf welchem man sitzt.

    Zu Friedbert: ich finde es unmöglich wenn man die ganzen Touren im Internet postet, gleich noch mit GPS Daten. Wollt ihr wirklich dass bald weitere Horden anrücken um die von Dir gefundenen Strecken abzufahren? Das hätte die Folge dass Du selber nicht mehr wiederkommen dürftest weil deine Nachwelt das übrige dazu tun würde.

    Mach Dir bitte einmal Gedanken darüber.

    Liebe Grüße
    Steffen

  4. Ich bin gerade zurück von einer Endurotour und habe große Unterschiede festgestellt.
    Während rund um die LGKS alle sehr entspannt waren, Rücksicht nahmen, Grüße immer erwidert wurden wurden wir im Piemont mehrfach von Wanderern angemotzt, mit Stöcken angegriffen und angebrüllt. Wohlgemerkt auch hier auf freigegebenen Wegen, in Schritttempo, mit nur 2 kleine Enduros. Dort ist wohl die Dichte an Menschen so hoch, dass jedes Fahrzeug als Belästigung wahrgenommen wird. Wir sind dann auf kleinere, weniger belaufene Strecken ausgewichen (z.B. Mulattiera). Mountainbiker habe ich dieses Jahr als mopedfreundlicher erlebt.
    Für mich als „nicht Wanderfähige“ ist es toll, mit dem Moped hochfahren zu können und diese Berge erleben zu können :-)
    Insgesamt habe ich den Eindruck, dass man im Piemont sehr bemüht ist, alle Interessen unter einen Hut zu bringen und fühle mich im Gegensatz zu den letzten Jahren wieder willkommener. Vielleicht konnten die Diretissima-Fahrer erfolgreich vertrieben werden?

    Auf der Suche nach geschichtlichen und politischen Infos zu den Westalpen habe ich Eure Seite gefunden und mich sehr gefreut. Jetzt muss ich mich erstmal durchlesen.

    Grüße,
    Biki

  5. Hallo Sabine, hallo Wolfram,

    vielen Dank für den ausgewogenen Artikel.

    Einige der Vorschläge sind doch aber schon seit Jahren umgesetzt. Die Assietta z.B. ist, wie oben stehendes Schild belegt, im Juli und August tageweise für Kraftfahrzeuge gesperrt und gehört damit Wanderern und Mountainbikern alleine. Meines Erachtens klappt das auch gut. Ich nehme beim Endurowandern stets Rücksicht und halte mit geringer Geschwindigkeit stets größtmöglichen Abstand von Wanderern und Mountainbikern. So viele gibt es auf den 30 km langen Hochstraßen ohnehin nicht. Auf dem Sommeiller hatte ich diesen Abstand etwas übertrieben und ein freundlicher Mountainbiker war sofort zur Stelle um mir wieder aufs Motorrad zu helfen. Von Crossern in empfindlichen Hängen von Naturschutzgebieten distanziere ich mich ausdrücklich.

    Das eigentliche Problem scheint doch zu sein, dass wir einfach zu viele sind! Wanderer, Mountainbiker, Enduros, Quads, Geländewagen, …
    Ich meide das Piemont in der Ferienzeit, weil einfach zu viel los ist. Da sind Konflikte vorprogrammiert. Ferner kommen dann noch Fahrzeuge hinzu, die für die Befahrung von Hochalpenstraßen nur bedingt geeignet sind. Im Juni und September hat man die Strecken fast für sich alleine und Mountainbiker und sogar Wanderer grüßen oberhalb von 2000 m freundlich zurück.

    Schade finde ich nur, dass es jedoch oft schwierig scheint, auch von den Wanderern Rücksicht zu erhalten. Für mich als „motorisierten Wanderer“ ist Rücksichtnahme selbstverständlich. Warum ist das anders herum so schwer? Ist das „Recht“ auf Seite der nicht motorisierten? Rücksicht ist keine Einbahnstraße und wie bereits gesagt wurde, gibt es auf beiden Seiten schwarze Schafe.

    Ich wünsche Euch allen schöne Erlebnisse in den Westalpen, deren Kammstraßen uns allen hoffentlich noch lange erhalten bleiben!

    Herzliche Grüße
    Friedbert

  6. Michael Scheithauer

    Bravo Sabine,

    Ja, wir Motorradfahrer und Wanderer können miteinander die herrliche Natur abseits der Trampelpfade erleben. Der genießende Enduro-Wanderer sollte auch die Zivilcourage aufbringen, überall wo möglich, seinen Unmut über die egoistischen Umtriebe einiger Weniger auszudrücken.

    So habe ich bei KTM deponiert, dass ich Werbeclips, die Motorradfahrer auf den sogenannten Single-Trails, also Wanderwegen, zeigen absolut verurteile! Auch in den Foren, in denen Motorradfahrer auf Wanderwegen bewundert werden, verurteile ich diese Art des Motorradfahrens!

    Wir, Enduro-Wanderer, Mountainbiker und Wanderer können die Natur nur dann genießen, wenn wir auf einander und auf die Natur Rücksicht nehmen.

    Michael

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