Auf den Rocciamelone – höchster Wallfahrtsberg der Alpen

Dieser auch für Wanderer problemlos zugängliche Dreitausender bietet an klaren Tagen ein kaum zu überbietendes 360-Grad-Panorama über den gesamten Westalpenbogen sowie ins nur 7 km Luftlinie entfernte, aber 3000 m tiefer liegende Susatal.

Rocciamelone, 3.538 m - Foto: © Wolfram Mikuteit

Auf dem Gipfelplateau, das mehrere Hundert Pilger aufnehmen kann, steht oberhalb des Bivacco die Statue der Madonna della Neve. Geweiht wurde sie am 28. August 1899.

Große Hinweisschilder weisen an der Nordseite des Parkplatzes (2.069 m) auf der Hochebene von La Riposa zu den Zielen „Cà d’Asti“ und „Rocciamelone“. Hier beginnt der bis hinauf zum Gipfel führende Weg „558“. Er verläuft zunächst über Wiesen in nordöstlicher Richtung. Nach ungefähr 20 Minuten weist an einem Brunnen ein unscheinbares Holzschild rechts zum Rifugio La Riposa, das in wenigen Minuten erreichbar wäre.
Wir gehen an diesem Brunnen geradeaus weiter und folgen der rot-weißen Markierung aufwärts. Der mäßig steile und breite Weg windet sich in Kehren den Bergrücken hinauf und erfordert nur wenig Konzentration, was viele Gelegeheiten verschafft, das Panorama ausgiebig zu würdigen. Neben dem immer näher rückenden Gipfel des Rocciamelone  im Norden und der Gipfelkette von Monte Orsiera, Punta Cristalliera und Monte Rocciavrè mit dem Colle delle Finestre im Süden fasziniert vor allem der Blick aus der Vogelperspektive 2.000 m hinab ins Susatal.

Vorbei an der Quelle Fontana Taverna, auf 2.476 m an einer ausladenden Kehre gelegen, ist im weiteren Aufstieg im Süden erstmals der Monviso erkennbar, der höchste Berg der Cottischen Alpen.

Auf ca. 2.800 m zweigt rechts ein ebenfalls rot-weiß markierter schmaler Pfad ab, über den hangparallel der östlich gelegene Colle della Croce di Ferro ( 2.558 m) erreicht werden kann. Weiter auf dem Hauptweg gelangen wir kurz danach an das Rifugio Cà d’Asti, das auf 2.854 m auf einem ockergelben Felsvorsprung steht.

Auf dem kleinen, recht zugigen Plateau wurde im Jahr 1419 die erste, damals noch hölzerne Schutzhütte auf italienischem Boden errichtet. Die damaligen Bergwanderer waren Wallfahrer. Den Anfang machte machte Bonifacio Rotario d’Asti, der, vermutlich um ein Gelöbnis einzulösen, am 1. September 1358 den Gipfel des Rocciamelone bestieg und dort ein Madonnen-Triptychon aufstellte. Noch immer zieht es jedes Jahr am 5. August Pilger auf den Gipfel, die hier noch einmal Rast machen können. Heute betreibt die Diözese Susa auf dem Felsvorsprung das in den 1980er-Jahren erbaute Rifugio Cà d’Asti. Gleich daneben steht die 1798 errichtete Capella di Rotario. Neben der Aussicht sind es vor allem die alpingeschichtlichen Superlative, die so viele nach oben locken: Der Rocciamelone gilt als der erste richtige Alpengipfel, der aus nichtwirtschaftlichen Gründen bestiegen wurde; und wo heute das Rifugio Cà d’Asti steht, wurde einst das erste Bivacco Italiens errichtet.

Direkt hinter dem Rifugio setzt sich der Pfad zum Gipfel fort, stets gut erkennbar, direkt und alternativlos. Vorbei an den letzten Grasbüscheln, die sich im lockeren Gestein noch halten konnten, geht es mäßig steil auf einem ausgetretenen Pfad durch Schutt und leichtes Blockgestein weiter zum Gratabsatz La Crocetta auf 3.306 m. Auf dem Platz neben dem massiven, weithin sichtbaren Sockel für das namensbegende Kreuz bietet sich noch die Möglichkeit zu einer Rast, bevor der Weg im weiteren Verlauf steiniger, steiler und auch ausgesetzter wird.
Knapp 150 m unterhalb des Gipfels ist erstmals der Lago di Malciaussia im nördlich gelegenen Viùtal  zu erkennen. Kurz dahinter beginnt die Seilsicherung, die erst endet, wenn an der Büste von Vittorio Emanuele II., dem ersten König des vereinten Italien, der Gipfel des Rocciamelone mit 3.538 m erreicht ist.

Auf dem Gipfelplateau, das mehrere Hundert Pilger aufnehmen kann, steht das 1923 von der Organisation Giovane Montagna errichtete Bivacco Santa Maria mit der Kapelle. In deren Innerem befindet sich heute nur noch eine Kopie des Madonnen-Triptychons. Das Original wurde bereits im Jahre 1673 ins Tal gebracht. Dafür steht – etwas höher – die Statue der Madonna della Neve. Die bronzene drei Meter hohe Madonna wurde nach einer spektakulären Sammelaktion unter 130.000 Kindern in ganz Italien, den „Bimbi d’Italia“, vom Turiner Bildhauer Giovanni Antonio Stuardi geschaffen, nach Susa transportiert und anschließend von 24 italienischen Gebirgsjägern in Einzelteilen auf den Gipfel getragen. Die Weihe fand am 28. August 1899 statt.

Die bereits beim gesamten Aufstieg fantastische Aussicht wird hier nun um die nach Norden bereichert. Die im Jahr 2008 aufgestellte Orientierungstafel hilft immens bei der Bestimmung der einzelnen Gipfel: Das 360-Grad-Panorama reicht an klaren Tagen nach Norden über den Glacier de Rochmelon bis zu Mont-Blanc-Massiv und Gran Paradiso. Im Westen ragt hinter dem Mont-Cenis-Stausee das Vanoise-Massiv mit Grand Casse, Grande Motte und dem vergletscherten Dôme de Chasseforêt auf. Nach Süden schauf man weit hinein in das 3.000 m tiefer liegenden Susatal, wobei die Aussicht vom Mont Chaberton im oberen Talabschnitt bis zur Sacra di San Michele am Talausgang und an klaren Tagen bis nach Turin reicht.

Länge / Dauer: gesamt 10,6 km, Aufstieg 4:30 Std, Abstieg 3:30 Std.
Markierung: sehr gute rot-weiße Markierung und Wanderwegweiser, problemlose Orientierung.
Anfahrt: Mit dem PKW von Turin auf der SS 25 bis Susa oder auf der A 55 bis Ausfahrt „Susa Est/Moncenisio“, weiter auf dem Corso Stati Uniti bis zum Schild „Rifugio Cà d’Asti“, dort rechts und der Beschilderung folgen. Die schmale Straße führt zunächst durch mehrere kleine Weiler und schraubt sich danach recht exponiert nach oben. Ab Susa 18 km, der letzte Kilometer ist geschottert, großer Parkplatz.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Eingeordnet unter Grajische Alpen, Susatal

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