Archiv der Kategorie: abseits des Weges

100 Jahre Train des Pignes

Am 3. Juli 1911 fuhr – nach 20 Jahren Bauzeit – der Pinienzapfenzug, der sogenannte ‚Train des Pignes‘, erstmals von Nizza nach Digne-les-Bains. Zur Erschließung des damals noch jungen, erst seit 1860 zu Frankreich gehörenden Départements Alpes-Maritimes wurden neben dieser Hauptlinie noch weitere Eisenbahnlinien geschaffen: In das Vallée de la Vésubie, das Vallée de la Tinée und das Vallée du Haut Var. Bis heute aufrecht erhalten wurde lediglich der Betrieb des Pinienzapfenzuges ins Nachbardépartement. Er bedient die 151 km lange Strecke mehrmals täglich und durchquert dabei mehr als 50 Tunnel, Viadukte und Brücken.

Das Jubiläum wird mit verschiedenen Aktivitäten entlang der ganzen Linie gefeiert.

Generelle Informationen, auch Fahrpläne und Fahrpreisinfos zum ‚Train des Pignes’ gibt es auf der Seite des Betreibers Chemin de Fer de Provence.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

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Italienisch lernen im Piemont

Es war die Frage eines einzelnen Herren, die uns auf die Idee zu diesem Artikel brachte:
„Kennt Ihr eine nette Sprachschule im Piemont? Habt Ihr einen Tipp für mich?“
Nichts gegen das Angebot der örtlichen Volkshochschule, aber seine in die Jahre gekommenen Italienischkenntnisse wolle er doch lieber vor Ort auffrischen.

Als wir vor einigen Jahren vor derselben Frage standen, war die Suche noch ungleich schwerer als heute: Italienisch lernte man damals – hier hatte die „Toskana-Fraktion“ ihre Spuren hinterlassen – in Florenz,  Siena oder Perugia.
Wir aber wollten ins Piemont, wobei uns eine Sprachschule in einem der Westalpentäler am allerliebsten gewesen wäre. Aber die Schule von Maria und Andrea Schneider im Mairatal existierte schon länger nicht mehr, und auch die vorher im Lyceo Valdese in Torre Pellice sporadisch angebotenen Italienischkurse waren gerade ausgesetzt worden.
Wenn wir uns schon die Beschäftigung mit dröger italienischer Grammatik nicht durch den Aufenthalt in einem der Täler versüßen konnten, wollten wir aber wenigstens nach Turin. In der unterrichtsfreien Zeit stundenlang in der Libreria La Montagna stöbern, dem alpinen Museum auf dem Monte dei Cappuccini den x-ten Besuch abstatten, mal wieder durch den Slow-Food-Fresstempel Eataly schlendern und vieles andere mehr.

L’Italiano Porticando
Wir wissen weder, wieviele Sprachschulen es in Turin insgesamt gibt – noch können wir Aussagen darüber machen, welche davon wohl die Beste ist. Denn nachdem wir einmal bei L’Italiano Porticando gelandet waren, sahen wir keine Notwendigkeit, uns anderweitig umzusehen.
„Professionell, aber geprägt von sehr herzlicher Atmosphäre“ gibt unser ganz subjektives Urteil am besten wieder. Über das gesamte, recht vielfältige Kursangebot der Schule kann sich jeder auf der deutschsprachigen Homepage selbst einen Eindruck verschaffen.
Hier nur so viel: Darüber, dass wirklich – und selbstverständlich auch in den Pausen – ausschließlich Italienisch gesprochen wird, wachen Rosaria, Caterina und  Laura, die die Schule im Familienkollektiv leiten, mit Argusaugen und –ohren. Dennoch ist es bei manchen Fragen, die sich bei einem Aufenthalt in Italien recht schnell aufdrängen (etwa: „Wie ist es möglich, dass sich Berlusconi noch immer so  großer Beliebtheit erfreut?“) hilfreich, dass Rosaria und Caterina in Deutschland zur Schule gegangen sind und dort auch studiert haben. Kennerinnen beider Kulturen muss nicht dezidiert erklärt werden, woraus diese Frage resultiert.

Ansonsten:
Wer noch dem tradierten Vorurteil aufsitzt, Turin sei eine graue, langweilige Industriemetropole, wird spätestens während eines architektonischen Stadtspaziergangs mit Laura, die für das kulturelle Rahmenprogramm der Schule verantwortlich ist, eines sehr viel Besseren belehrt!

L’Italiano Porticando s.r.l.
Via Mercanti, 2
I-10122 TORINO
http://www.italianoporticando.com

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

P.S.
Wem Turin als Standort verständlicherweise im Sommer zu heiß ist, sucht sich ein Quartier in den Valli di Lanzo oder dem Susatal und fährt morgens mit dem Zug hinein nach Turin.

 

 

 

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Colle Sommeiller, Denzel und die „anfahrbaren 3000er“ in den Westalpen

Die Krönung „motorisierter Höhenwanderungen“ in den Alpen stellt die Befahrung eines Zieles jenseits der 3000-Meter-Marke dar.
Kein Werk der „alpinen Literatur“ scheint besser dazu geeignet, diese Begehrlichkeiten zu wecken und die scheinbare Erfüllung dieser Sehnsüchte für den automobilen Höhenwanderer in greifbare Nähe zu rücken, als der „Denzel Alpenstraßenführer“.

Dort konnten wir bis vor einigen Jahren (20. Auflage 1999) in den einleitenden Bemerkungen zur Region Piemont noch lesen, dass es sich bei der hinauf zum Hochplateau (3.050 m) am Colle Sommeiller führenden Piste um die höchste befahrbare Alpenstraße handelt.

Colle Sommeiller
Colle Sommeiller und Reste des Rifugio Albergo Ambin

Sinn und Zweck dieses Straßenbaus war die Erschließung eines Sommerskigebiets unterhalb der gleichnamigen Punta. Das nur 30 km von Bardonecchia (oberes Susatal) entfernt lag und über die gut trassierte Schotterpiste auch mit untermotorisierten zweiradgetriebenen Kleinwagen problemlos zu erreichen war. Bis das in alten Karten als „Rifugio Albergo Ambin“ verzeichnete Gebäude in den 60er-Jahren durch eine Lawine zerstört und das Skigebiet daraufhin aufgelassen wurde.

Motivationstreiber, sich mit seinem Fahrzeug in derartige Höhen aufzumachen, war seinerzeit der gepflegte Sommerskispass. So hat uns ein Turiner Ehepaar auf einem Spaziergang zwischen abgebrochenen Liftmasten, herumliegenden Stahlseilen und diese in Bewegung haltenden  Dieselaggregaten voll Glanz in den Augen erzählt, wie sie dort vor 40 Jahren nicht nur ihre Parallelschwünge setzten, sondern sich auch kennengelernt haben.

Heute stellt sich die Situation anders dar. Befeuert durch o.a. Buch und den Willen, einmal an der 3000er-Marke gekratzt haben zu müssen, entwickelte sich der Colle Sommeiller zu einem legal anfahrbaren und ungemein attraktiven Hochziel für Offroader, vermeintlich knapp über 3.000m hoch gelegen.

Ein Blick in entsprechende Wanderkarten aber reicht, um dem Mythos der „führenden Drei“ den Wind aus den Segeln zu nehmen:
Der Colle Sommeiller, um genau zu sein: der östliche, wird in den Karten des IGM (Istituto Geografico Militare) und bei FRATERNALI editore mit einer Höhe von 3.000 m ausgewiesen und ist von keiner Seite aus anfahrbar – sondern kann nur durch Umgehung des vor ihm liegenden kleinen Sees zu Fuß erreicht werden!

FRATERNALI editore
FRATERNALI editore 01 – Alta Valle Susa, 1:25k

Die Höhenangaben für das ehemalige Rifugio Albergo Ambin (sofern noch in den Karten verzeichnet – die Überreste wurden im Jahr 2004 abgetragen und im Tal einer wie auch immer gearteten, hoffentlich umweltgerechten Entsorgung anheimgeführt) und dem rechts davon als Parkplatz fungierenden Hochplateau schwanken zwischen 2.991 m und 2.996 m. Die Höhe direkt am Seeufer wird in einer französischen Karte (IGN – Institut Geographique National) mit 2.987 m angegeben.

Hm, ist also nichts mit den 3.000 m, wenn der Wagen nur neben der Ruine geparkt wird. Also wurde kurzerhand in den Trümmerresten nach einigen langen Eisenstangen gesucht, diese auf einem unscheinbaren Schutthügel (in den Karten verzeichnet und mit 3.008 m bzw. 3.011 m angegeben) – in umittelbarer Nähe von See und Ex-Hütte gelegen – platziert und mit Wimpeln versehen. Das Ganze nannte sich fortan „Fahnenhügel“. Wer sich diese paar Meter noch antat, konnte endlich die korrekte Höhe in sein GPS abspeichern und sich als  3.000er-Bezwinger fühlen.
Dumm, dass diese Möglichkeit nur für wenige Jahre Bestand hatte. Im Zuge der Aufräumarbeiten wurden nicht nur die Zeiten, zu denen der „Colle Sommeiller“ legal befahren werden kann, reglementiert, sondern auch den Abstechern auf den Fahnenhügel mittels massiver Balkenabsperrungen ein Ende gesetzt. Zurück nicht auf „Los“, aber runter auf den Boden der geographischen Tatsachen, und der liegt jetzt wieder – je nach Lesart – bei 2.991 oder 2.996 m.

Neue Hoffnung auf Befahrung eines Hochzieles jenseits von 3.000 m konnten die Leser einer neuen Ausgabe (23. Auflage, 2007) hegen. Dort wurde auf die Anfahrbarkeit der Bontadini-Bergstation (3.332 m) verwiesen. Es handelt sich hier um eine Versorgungspiste, die von Breuil-Cervinia zu der in unmittelbarer Nähe der Theodul-Hütte gelegenen Skistation hinaufführt. Dass die Befahrung dieser Piste noch nie legal war und im Sommer ausschließlich zu Wartungszwecken für einen autorisierten Personenkreis geöffnet wird, ist dabei großzügig von beiden Seiten übersehen worden (wenn während der Revision mal das eine oder andere nicht autorisierte Fahrzeug durchrutschte, wude darüber kein Aufheben gemacht). Bis den in dieser Hinsicht eher gelassen reagierenden Italienern ob des zunehmendes Verkehrs, incl. kommerziell geführter Touren, der Kragen platzte.


Endstation Breuil-Cervinia. „Casa del Sole“, erbaut zw. 1947 und 1955, Architekt: Carlo Mollino

Inzwischen aber sollten auch die einfach strukturierten Zeitgenossen, die in der schulischen Verkehrserziehung eher durch Absentismus statt durch aktive Mitarbeit die Aufmerksamkeit des Lehrkörpers auf sich zogen, bei der Einfahrt nach Breuil-Cervinia realisiert haben, was die weißen runden Schilder mit dem äußerem roten Kreis bedeuten. Und die Ausrede: „Habe ich nicht gesehen“ seitens der Carabinieri auf wenig Gegenliebe stoßen wird.

Zurück zum Sommeiller. In der 24. Auflage aus dem Jahr 2010 fehlt jetzt der Hinweis auf das angeblich 3.050 m hoch gelegene Plateau. Hier wird nur noch der Colle Sommeiller und seine Höhe mit 3.009 m angegeben (richtig wären 3.000 m) sowie auf die ehemalige Hütte auf 2.991 m verwiesen. Verkaufsförderndes, die Wahrheit verschleierndes Motto: „Alles, was du deinen Kunden sagst, muss wahr sein (hier: Pass 3.000 m bzw. höher), aber erzähl‘ ihnen um Himmels Willen nicht alles, was wahr ist (hier: nicht anfahrbar)“.

„Der Denzel“ verkauft sich auf diese Art sehr gut, keine Frage. Es werden sicher noch viele Auflagen folgen.
Denn für den leidenschaftlichen Alpenfahrer üben gerade geschotterte Wege, die sich mitunter für Wagen ohne Vierradantrieb als nicht passierbar erweisen, eine besondere Anziehungskraft aus. Insider-Wissen offenbart der Denzel dennoch nicht: All diese Wege, ob nun legal befahrbar oder mit einem Fahrverbot belegt, sind in den entsprechenden Wanderkarten im Maßstab 1:25.000 eingezeichnet, ob es sich nun um eine Versorgungspiste, die Verbindung zwischen abgelegenen Bergdörfern oder um eine Militärpiste zu einem der vielen im 19. Jahrhundert erbauten Forts handelt.
Gerade die ehemaligen Miltärstraßen des Westalpenbogens zwischen Aostatal und Menton genießen dabei bei Alpenfahrern einen besonders hohen Stellenwert. Für ihr Alter sind sie oft gut erhalten und führen in aussichtsreiche Höhen wie etwa die sogenannte „Ligurische Grenzkammhöhenstraße“ und die Assietta-Kammstraße. Nun wurde aber der Militärstraßenbau Mitte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts nachweislich vollkommen eingestellt. Danach ließ man manche der Pisten verfallen, andere wurden im Laufe der Zeit mit Fahrverboten belegt oder ins Verkehrsnetz integriert und modernisiert, sprich: asphaltiert. Womit ihre Befahrung des Geruchs von Freiheit und Abenteuer beraubt wurde.


Schon seit viele Jahren gesperrt. Auffahrt zum Gipfelfort Gran Serin, 2629 m

Die anfahrbahren und nicht asphaltierten Hochziele werden also von Jahr zu Jahr weniger und nicht mehr. So behilft man sich stattdessen mit Kurzfrist-Highlights: Wenn eine italiensiche Gemeinde beim Bau neuer Versorgungspisten zu einer entlegenen Skistation etwa schlicht vergisst, rechtzeitig die entsprechenden Verbotsschilder aufzustellen.
Was macht die Faszinationen dieses nicht preiswerten Werkes also aus? Von Neuauflage zu Neuauflage nachzulesen, was in der Vergangenheit noch alles machbar war? Herauszufinden, was im nächten Sommerurlaub noch befahrbar und vielleicht im Jahr darauf bereits tabu sein wird?

Wolfram Mikuteit

 

 

 

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Regionalwahlen im Piemont – „the winner takes it all“

Es soll eine Ausnahme bleiben, hier über italienische Innenpolitik zu berichten. Denn wer begibt sich schon freiwillig in die Niederungen unappetitlich geführter italienischer Wahlkämpfe oder mag darüber lamentieren, was die Italiener bewogen haben mag, bei den als „wichtiger Stimmungstest“ ausgegebenen Regionalwahlen am  vergangenen Wochenende Berlusconis Bündnis aus den verschiedensten konservativen, christdemokratischen und neofaschistischen Parteien einen Erfolg zu bescheren?

Da aber diese Wahl zur Folge hat, dass im Piemont zukünftig mit Roberto Cota die Lega Nord den Regionspräsidenten stellt, ist uns das zumindest eine Kurznotiz wert. Weil wir gerne im Piemont sind, und dort eine andere Atmosphäre erleben, als die von sezessionistischem und fremdenfeindlichem Rechtspopulismus geprägte Grundhaltung der Ziehväter des zukünftigen Staates „Padaniens“, geben wir als Nachlese kurz die genauen Wahlergebnisse wieder. Wer meint, dass uns der Blick auf das italienische Regionalwahlsystem ein klein wenig tröstet, trifft damit ins Schwarze:

Die bisherige Amtsinhaberin Mercedes Bresso von der Partito Democratico erhielt 1.033.946 Stimmen (46,9%), ihr Herausforderer Roberto Cota von der Lega Nord 1.043.318 Stimmen (47,3%) – und die vom Schauspieler/ Satiriker/ Blogger Beppe Grillo ins Leben gerufenen Liste „Bewegung fünf Sterne“ (Movimento Cinque Stelle), die für einen bedeutend härteren Oppositionskurs steht, mit Davide Bono aus dem Stand 90.086 Stimmen (4,1%).
Dürfte man die Stimmen der Berlusconi-Gegner zusammenzählen, kämen sie im Piemont demnach auf 51 Prozent. Da aber um die Regierbarkeit zu garantieren das Regionalwahlsystem vorsieht, nur einen Teil der Sitze im Regionalrat gemäß der Stimmenstärke der Parteien zu vergeben, und der Rest der Siegerkoalition nach dem Prinzip „The winner takes it all“ zufällt, sieht die neue Sitzverteilung in Turin anders aus: 36 Sitze für Cotas Siegerkoalition (Centrodestra), 22 Sitze für Bressos Centrosinistra und 2 Sitze für die Bewegung Movimento Cinque Stelle.

Die Stimmen für Beppo Grillos Movimento Cinque Stelle dürften mehrheitlich aus dem linken Lager gekommen sein, was letztlich Mercedes Bresso den Sieg gekostet hat. Diese Protestbewegung gegen die etablierte Politik, die anfangs mit einigen „Vaffanculo-Days“ (Leck-mich-am-Arsch-Tagen) gegen politische Missstände mobilisierte, hat zudem viele Anhänger in der NO-TAV-Bewegung,  die sich gegen das Bauvorhaben für den Treno ad alta velocità, die durch das Susatal geplante Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Turin und Lyon, zur Wehr setzen.

So viel zur Nachlese.
Nun darf man also gespannt sein, was Cota, der nach seinem Wahlsieg großkotzig prahlte „Dieser Sieg wird die Geschichte des Piemont verändern“, in Turin auszurichten vermag. In der Stadt, die von 1861 bis 1864 die erste Hauptstadt Italiens war, laufen längst die Vorbereitung zum 150. Jubiläum der Staatsgründung. Deren Symbole Vertretern der Lega Nord nicht mehr als den „Stinkefinger“ wert sind.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

 

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Balme im Val d’Ala – das Antico Albergo Camussot

antico-albergo-camussotEgoisten, die wir nun einmal sind, würden wir am liebsten schreiben: Fahren Sie nie nach Balme, übernachten Sie nie im  Albergo Camussot. Damit uns im Bedarfsfall niemand die nach berühmten Hotelgästen benannten „Camera della Regina“ (*) oder „Camera Eleonore Duse“ streitig macht, und wir uns auch in Zukunft nicht die Frage stellen müssen: „Porsche aus Berlin? Dicker Benz aus Wiesbaden? Geländewagen aus Zürich?“.
eleonora-duse Denn mehr als fünf stilgerecht eingerichtete und behutsam mo-dernisierte Zimmer gibt es noch nicht wieder im Albergo Camussot, das auf eine mittlerweile fast 200-jährige Tradition zurückblicken kann. Die Gründerzeitbauten in Balme lassen noch erkennen, dass der Ort einmal zu den beliebtesten Plätzen für die Sommerfrische des Turiner Großbürgertums gehört hat. Damals herrschte reger Andrang in Balme, dem hintersten ganzjährig bewohnten Ort im Val d’Ala, der nur 55 km von Turin entfernt liegt. Und es gab natürlich auch mehrere Hotels. Geblieben ist davon einzig das Albergo Camussot.
albergo-camussot-balme Von dem aus auch die gutbetuchten Urväter des italienischen Alpenvereins zu ihren Übungsstätten aufbrachen. Um zum Beispiel die Uia di Bessanese (3.604 m) oder die Uia di Mondrone (2.964 m) von der nahen Hochebene Pian della Mussa aus zu bezwingen. Aber nach Quintino Sella, Bartolomeo Gastaldi, Alessandro Martelli oder Luigi Vaccarone kräht in Balme heute kein Hahn mehr. Der kleine Ort hat sich ganz jenen Männern verschrieben, ohne die damals nichts lief am Berg: den örtlichen Führern, die die umliegenden Berge kannten wie ihre Hosentasche und dieses Wissen von Generation zu Generation weitergaben. Allen voran der legendäre Antonio Castagneri aus Balme, genannt „Toni dij Touni“ (1845-1890). Er soll auf 46 Erstbesteigungen gekommen sein und verunglückte 1890 am Mont Blanc, einen Kunden im Schlepptau.
In Balme ist ihm das Ortsmuseum gewidmet, das „Museo delle Guide Alpine Antonio Castagneri”. Das aber eigentlich gar nicht benötigt, wer im Albergo Camussot absteigt. Denn dort beherbergt bereits der Eingangsbereich ein eigenes kleines Museum zu den Führerlegenden aus der Pionierzeit des Alpinismus.

antico-albergo-camussot-balme Hier einige ganz praktische Infos zum Antico Albergo Camussot:
Das Haus liegt unübersehbar im alten Ortkern von Balme (1.500 m) an der Straße zum Pian della Mussa und ist ganzjährig geöffnet, Halbpension im Doppelzimmer kostet zwischen 45 und 55 Euro,
Tel.: 0123 82 837, 0171-998301, http://www.camussot.it,
Dass wir im Camussot auch sehr gut gegessen haben, versteht sich von selbst – vor allem die Antipasti sind ausgezeichnet.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

albergo-camussot(*) Einziger – jedoch mit ein wenig Humor zu verschmerzender – Wermutstropfen in diesem liebvoll eingerichteten Zimmer ist das  Foto von Vittorio Emanuele III an der Wand. „Mein Haupt betten unter dem Bildnis eines Mannes, der so dicke war mit Mussolini …?“ Aber dass auf unsere Political Correctness im Camussot noch keine Rücksicht genommen wird und zur Königin schließlich irgendwie auch der König gehört, passt dann doch nach einiger Überlegung wieder zu den Dingen, die das Camussot so liebenswert machen.

 

 

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