Archiv der Kategorie: Cognetal

Ferrovia del Drinc im Val di Cogne vor dem Aus?

Vor zwei Jahren haben wir darüber berichtet, dass im Aostatal der Tag der ins Vergessen geratenen Eisenbahnstrecken – ‚La Giornata nazionale delle Ferrovie dimenticate‘ – ganz unter dem Zeichen des Kampfes um die Ferrova del Drinc stand.
Das war auch dieses Jahr so. Allerdings erscheint das Vorhaben, die 12 Kilometer lange historische Eisenbahnverbindung zwischen dem Aostatal und dem Val di Cogne für den Personenverkehr zu nutzen, endgültig vor dem Aus zu stehen: Das Bahnhofsgelände in Cogne soll nach neuesten Plänen der Region zukünftig als Carabinieri-Kaserne genutzt werden.

Die Ferrovia del Drinc
Über hundert Jahre lang wurde im Valle di Cogne Eisenerz abgebaut. Erste Fundstellen waren bereits im 15. Jahrhundert identifiziert worden. Das Material aber aus dem abgelegenen Tal nach Aosta zu befördern, stellte ein großes Problem dar: Die erst 1918 angelegte Straße war im Winter meist durch Lawinenabgänge unpassierbar. Realisiert wurde deshalb eine kürzere – und ganzjährig nutzbare – Transportroute mitten durch das Bergmassiv, das das Valle di Cogne vom nördlich gelegenen Haupttal trennt.

Die oberhalb von Cogne in den auf über 2.400 Metern Höhe liegenden Minen von Colonna und Liconi abgebauten Erze wurden mit einem Materiallift ins Tal befördert und von dort mit der im Oktober 1922 eröffneten ‘Ferrovia del Drinc’ – fast durchgängig in Gallerien unter dem gleichnamigen Berg – in das Aostatal befördert. In Acque Fredde, etwas unterhalb der heutigen Skistation von Pila, stand ein weiterer Materiallift, mit dem das Erz hinunter nach Aosta schwebte.

1979 wurde die Mine aufgegeben und die Ferrovia del Drinc stillgelegt. Unmittelbar danach entstand die Idee, dieses für das Aostatal einmalige Kultur- und Industriedenkmal zu erhalten. Ein neuer Nutzungsplan wurde entwickelt: Die 12 Kilometer lange Eisenbahnverbindung zwischen Acque Fredde im Aostatal und Plan Praz bei Cogne sollte zukünftig für den Personenverkehr touristisch genutzt und durch die Anbindung an die Kabinenbahn Aosta – Pila eine schnelle Verbindung zwischen den Touristenorten Pila und Cogne sommers wie winters geschaffen werden. Ein tolle Idee, die 1984 auch in Angriff genommen wurde. Bis kurz vor der Einweihung – und nach der Investion von 30 Millionen Euro – das gesamte Vorhaben beendet wurde.

Da war der Gleiskörper längst erneuert, die Bahnhöfe fertiggestellt, Fahrkartenautomaten aufgehängt und Waggons mit Skiträgern angeschafft. Im Jahr 2010 warb an der Talstation der Kabinenbahn Aosta – Pila noch ein großes Plakat für den ‘trenino dei minatori’ nach Cogne.

Das Projekt war gestoppt und später ganz eingestellt worden, nachdem Studien diverse Mängel (u.a. im Belüftungssystem) zutage gebracht haben.

Für den Erhalt der Ferrovia del Drinc setzt sich vehement und von Legambiente unterstützt ein Bürgerkomitee ein, das auch den lesenswerten Blog „Curoe di  ferro Valle d’Aosta“ betreibt, auf den wir immer wieder gern verweisen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Die Partisanenrepublik im Val di Cogne

Eine von über 20 freien Partisanenrepubliken in Italien
Viele wissen, dass es im Sommer und Herbst 1944 in Italien Freie Republiken gegeben hat. Von deutschen Besatzern und Mussolinis RSI-Armee vollständig befreite Gebiete, in denen die Partisanen für kurze Zeit die Macht übernommen hatten.

Befreite Zonen, in denen ein Teil der Partisanen ihre Waffen kurzfristig beiseite legten, sich administrativen Aufgaben zuwandten und mit Hilfe des CLN (Comitato di Liberazione Nazionale) eine Selbstverwaltung aufbauten. Die bei uns bekannteste dieser Freien Republiken ist die vom 10. September bis 19. Oktober 1944 existierende Repubblica partigiana dell’Ossola, über die es mehrere deutschsprachige Veröffentlichungen gibt. Und schon 1952 hatte Beppe Fenoglio mit seiner Erzählung „I ventitré giorni della città di Alba“ (Die 23 Tage von Alba) der Repubblica di Alba (10. Oktober 1944 – 2. November 1944) ein nicht unumstrittenes literarisches Denkmal gesetzt.

Weniger bekannt ist im deutschsprachigen Raum, dass es sich bei den Freien Republiken von Ossola und Alba nicht um Einzelphänomene handelte, sondern in Italien, auch entlang des Westalpenbogens, recht viele dieser befreiten Zonen existierten. Am 4. Juni 1944, nach der Befreiung Roms durch die Alliierten, hatte der CLN einen Appell an die Partisanen gerichtet und zu einer Großoffensive angesichts der erhofften schnellen Befreiung auch Norditaliens aufgerufen.
Über 20 dieser befreiten Zonen entstanden im Sommer und Herbst 1944. Sie konnten sich unterschiedlich lange – zwischen einigen Wochen und drei Monaten – halten. Am längsten dürfte die Partisanenrepublik im valdostanischen Val di Cogne bestanden haben (2. Juli bis 2. November 1944).

Die Partisanenrepublik im Val di Cogne
Als im Sommer und Herbst 1944 fast alle Seitentäler des Aostatals von den Partisanen besetzt waren – lediglich das Haupttal, La Thuile und Courmayeur blieben unter deutscher Kontrolle – wurde der Sitz des bewaffneten Widerstands der gesamten (damals noch piemontesischen) Provinz Aostatal in die Partisanenrepublik „Repubblica di Cogne” verlegt. Dort, wo auf über 2.400 Metern Höhe in den Minen Colonna und Liconi Eisenerz abgebaut wurde, das mit der 1922 eröffneten „Ferrovia del Drinc“ – einer Materialeisenbahnlinie, die fast durchgängig in Tunneln durch das Bergmassiv verlief, das das Val di Cogne vom Aostatal trennt – hinunter zu den Anlagen der Eisen- und Stahlproduktion und angeschlossener Rüstungsbetriebe in Aosta befördert wurde, die seit Mitte Oktober 1943 unter deutscher Besatzungskontrolle standen.

Die Minenarbeiter in Cogne waren gut organisiert: Seit Mitte der 1930er-Jahre gab es dort Zellen der kommunistischen Partei (PCI). Nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen unterhielten sie auch Verbindungen zum französischen Widerstand.

Geleitet wurde die Mine von dem Geologen Franz Elter, der ausgezeichnete, aber strikt geheimgehaltene Verbindungen zum antifaschistischem Widerstand besaß. Sein Sohn Giorgio, der bereits an den Märzstreiks 1943 in Turin teilgenommen hatte, musste sich unmittelbar nach der deutschen Besetzung des Aostatals in die Schweiz absetzen. Arbeiter der Minen in Cogne, der Werke in Aosta, Männer, die sich der Einberufung in die Armee des Salò-Regimes entziehen wollten und Flüchtlinge aus Gefangenenlagern bildeten die ersten Partisaneneinheiten, die Sabotageaktionen durchführten.
Um den Betrieb der Minen von Cogne durch Kampfhandlungen nicht zum Erliegen zu bringen, verließen die Faschisten – nachdem Franz Elter reibungslose Weiterproduktion zugesichert hatte – am 1. Juli Cogne kampflos. Am Tag darauf erreichten die ersten Partisanengruppen den Ort; sie kamen über die Berge oder nutzten den Minenzug aus Aqua Fredde. Auch aus der Schweiz kamen junge Leute zurück, die dort ab Herbst 1943 Zuflucht gefunden hatten, unter ihnen auch Giorgio Elter, der sich sofort der „Banda Arturo Verraz“ anschloss (er starb am 7. September 1944 bei einem Überfall auf den Posten bei Pont-Suaz).
Mit dem Anführer der Garibaldi-Brigaden Emile Lexert schloß Franz Elter eine geheime Vereinbarung über die Angriffsziele der Partisanen: Weil er die Demontage der Anlagen und die Deportation der Arbeiter nach Deutschland befürchtete, bat er darum, die Minen von Cogne nicht anzugreifen und sicherte im Gegenzug Sabotage mittels Reduzierung der Förderleistung zu.

Die Partisanenrepublik im Val di Cogne bestand vier Monate lang vom 2. Juli bis zum 2. November 1944. Die Partisanen übernahmen in dieser Zeit die Leitung der Minen und die Administration im Tal, der Anwalt Renato Chabod – der Bruder von Federico Chabod – leitete die Gerichtsbarkeit, freie Wahlen wurden abgehalten. Für die Untergrundzeitung „Il Patriota della Valle d’Aosta“ arbeitete zeitweise der ebenfalls aus der Schweiz zurückgekehrte Giulio Einaudi, und „Radio Valle d’Aosta libera“ sendete täglich. Mitte September wurde auch der Sitz des von General Emilio Magliano geleiteten Kommandos der gesamten Zone II (Provinz Aostatal) des CLN im Piemont nach Cogne verlegt. Funkverbindungen zum Plateau Rosa in die Schweiz und nach Turin wurden mit Mitteln der Organisation „Glass e Cross“ hergestellt.

Aber der alliierte Vormarsch war an der Goten-Linie zum Stillstand gekommen, und im Rahmen der großen deutschen Herbstoffensive wurde das Val di Cogne am 2. November 1944 von faschistischen und deutschen Verbänden zurückerobert. Die Partisanen und gefährdete Zivilisten setzten sich auf verschiedenen Wegen entweder in die Schweiz oder in das bereits befreite Frankreich ab. Dafür diente zwischen dem 2. und dem 6. November 1944 auch das obere Valsavarenche als Fluchtweg: Eine Gruppe von annähernd 350 Personen – Partisanen und Zivilisten – floh aus dem Val di Cogne und dem Valsavarenche über Pont, die Nivolet-Hochebene und den Colle Galisia (2.998 m) nach Val d’Isère.

Am 26. April 1945 mussten die Deutschen Aosta verlassen, am 4. Mai 1945 erreichten die Alliierten die Stadt. Nach deren Abzug Ende 1945 wurde am 10. Januar 1946 der frühere Widerstandskämpfer Federico Chabod erster Präsident der Region. 1948 wurde ein Sonderstatut verabschiedet, das den Valdostanern autonome Rechte gewährte – was von Beginn an eine zentrale Forderung des antifaschistischen Widerstands im Aostatal gewesen war – und Italienisch und Französisch als offizielle Amtssprachen gleichstellte.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Eingeordnet unter Aostatal, Cognetal, Resistenza

Mit dem Zug ins Valle di Cogne? Schön wäre es!

Am 3. März 2013 wurde in Italien zum 6. Mal der Tag der ins Vergessen geratenen Eisenbahnstrecken begangen – ‚La Giornata nazionale delle Ferrovie dimenticate‘.

Ein nicht nur für Nostalgiker interessantes Thema: Immer mehr lokale Bahnstrecken werden stillgelegt, andere – wie die alpenquerende Tendalinie – ausgedünnt. Während auf Kosten der Pendler also rigoros gespart wird, stehen für ökonomisch völlig unsinnige, aber prestigeträchtige Großprojekte wie im Susatal zweistellige Milliardenbeträge zur Verfügung.

Im Aostatal wurde der Gedenktag am 3. März 2013 genutzt, um für den Erhalt der Ferrovia del Drinc zu kämpfen.

Die Rettung der Ferrovia del Drinc

Über hundert Jahre lang wurde im Valle di Cogne Eisenerz abgebaut. Erste Fundstellen waren bereits im 15. Jahrhundert identifiziert worden. Das Material aber aus dem abgelegenen Tal nach Aosta zu befördern, stellte ein großes Problem dar: Die erst 1918 angelegte Straße war im Winter meist durch Lawinenabgänge unpassierbar. Realisiert wurde deshalb eine kürzere – und ganzjährig nutzbare – Transportroute mitten durch das Bergmassiv, das das Valle di Cogne vom nördlich gelegenen Haupttal trennt.

die Mine La Colonna im Valle di Cogne

Die oberhalb von Cogne in den auf über 2.400 Metern Höhe liegenden Minen von Colonna und Liconi abgebauten Erze wurden mit einem Materiallift ins Tal befördert und von dort mit der im Oktober 1922 eröffneten ‘Ferrovia del Drinc’ – fast durchgängig in Gallerien unter dem gleichnamigen Berg – in das Aostatal befördert. In Acque Fredde, etwas unterhalb der heutigen Skistation von Pila, stand ein weiterer Materiallift, mit dem das Erz hinunter nach Aosta schwebte.

Den Weg des Erzes, auch einen interessanten Einblick in das Leben der Männer in der mit Kirche, Krankenstation, Kino und Bocciaplatz ausgestatteten Siedlung von Colonna, zeigt ein kurzer Film der RAI in französischer Sprache.

1979 wurde die Mine aufgegeben und die Ferrovia del Drinc stillgelegt. Unmittelbar danach entstand die Idee, dieses für das Aostatal einmalige Kultur- und Industriedenkmal zu erhalten. Ein neuer Nutzungsplan wurde entwickelt: Die 12 Kilometer lange Eisenbahnverbindung zwischen Acque Fredde im Aostatal und Plan Praz bei Cogne sollte zukünftig für den Personenverkehr touristisch genutzt und durch die Anbindung an die Kabinenbahn Aosta – Pila eine schnelle Verbindung zwischen den Touristenorten Pila und Cogne sommers wie winters geschaffen werden. Ein tolle Idee, die 1984 auch in Angriff genommen wurde. Bis kurz vor der Einweihung – und nach der Investion von 30 Millionen Euro – das gesamte Vorhaben beendet wurde.

Da war der Gleiskörper längst erneuert, die Bahnhöfe fertiggestellt, Fahrkartenautomaten aufgehängt und Waggons mit Skiträgern angeschafft. Im Jahr 2010 warb an der Talstation der Kabinenbahn Aosta – Pila noch ein großes Plakat für den ‘trenino dei minatori’ nach Cogne.

Das Projekt war gestoppt und später ganz eingestellt worden, nachdem Studien diverse Mängel (u.a. im Belüftungssystem) zutage gebracht haben. Über die zukünftige Nutzung der Anlagen wird nachwievor gestritten.

Cuore di Ferro Valle d'Aosta

Für den Erhalt der Ferrovia del Drinc setzt sich vehement und von Legambiente unterstützt ein Bürgerkomitee ein, das auch einen lesenswerten Blog betreibt.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Die Höhenwege des Aostatals – die Alta Via 2

Ouvertüre
Ein Wanderführer muss aktuell sein. Und je weniger Hintergrundinfos er uns liefert, desto beharrlicher pochen wir auf diesen Umstand.

„Unmöglich“, hören wir auf dem Off, „Ihr müsstest doch wissen, dass manche Infos bereits veraltet sind, bevor ein Wander- oder Reiseführer auch nur veröffentlicht ist.“

Wenn es sich dabei um Telefonnummern, URLs oder Preise von Unterkünften handelt – Haken dran. Ist einfach unvermeidbar. Und auch ansonsten bestens unterhaltene Wanderwege können schon mal durch einen Geröll- oder Lawinenabgang in Mitleidenschaft gezogen, schlimmstenfalls unpassierbar werden.

Lac Miiserin, 2.576 m und Notre Dame de la Neige an der Alta Via 2
Lac Miserin – 2.576 m, Notre Dame de la Neige und Alta Via 2

Aber schließlich leben wir im Internetzeitalter, das erlauben würde, recht zeitnah – und damit lange vor der nächsten Auflage – über Veränderungen am Inhalt des einmal gedruckten Produktes zu informieren. Doch schaut man sich die gelebte und veröffentlichte Praxis der Verlage an, sucht man nach Updates meist vergeblich. Selbst der Marktführer kann es sich anscheinend erlauben, lediglich eingesandte Leserzuschriften kommentarlos zu veröffentlichen. Auf dass wir immer wieder, nun ja: Überraschungen erleben müssen.

Wie sich ein über 10 Jahre alter Wanderführer noch heute gut bewähren kann…
Unsere in der „Ouvertüre“ geäußerte Kritik an den vorherrschenden Verlagskonzepten zielt aber natürlich nur auf noch heute bestehende Wanderführer-Reihen – zu denen der „Verlag der Weitwanderer“ leider schon lange nicht mehr gehört.

Ansprüche an Aktualität wären hier also abstrus. Trotzdem ist der bereits im Jahr 1999 erschienene Wanderführer „Die Höhenwege des Aostatals“ von Frank Rainer Scheck auch heute sehr lesenswert.

Denn die vielen dort gelieferten Hintergrundinformationen veralten schließlich nicht. Und welcher Verlag erlaubt sich heute schon noch den Luxus, allein 20 eng bedruckte Seiten der Geschichte der beschriebenen Wanderregion zu widmen? Und weder die Geomorphologie noch die Kapitel zu Klima, Fauna und Flora zu vernachlässigen?

Kurz: Wer im Aostatal nicht nur Höhenmeter in der Terra incognita des italienischen Nordwestens machen will, sondern etwas über die Besonderheiten und Kulturen der insgesamt 16 Seitentäler des Aostatals erfahren möchte, ist mit diesem Buch nach wie vor gut bedient.

Obwohl die Wegführung der 4 beschriebenen Alte Vie 11 Jahre nach Drucklegung selbst bereits zur in der Einleitung skizzierten „Geschichte der Höhenwege“ zählt.

Wer heute auf der Alta Via Due unterwegs ist, muss sich beispielsweise über Gletscherquerungen keine Gedanken mehr machen und kann Seil, Steigeisen und Pickel getrost zu Hause lassen. Bereits im Jahr 2004 ist die Etappe zwischen dem Valgrisenche und dem Tal von La Thuile entschärft und der Streckenverlauf verändert worden. Die etwas heikle Passage über den vergletscherten Passo di Planaval (3.016 m), die manchen von dieser traumhaft schönen Route durch die Täler des Gran Paradiso Nationalparks im Süden des Aostatals abgehalten hat, gehört somit längst der Geschichte an. Wie auch Vieles andere mehr.

… wenn praktische Detailinfos im Internet zur Verfügung stehen
Und die werden in diesem konkreten Fall nicht vom Verlag oder dem Autor geliefert – sondern von der Tourismuszentrale der Autonomen Region Aosta.

Alta Via 1 & 2 Fremdenverkehrsbüro – Aosta
Piazza Chanoux, 2
Telefon: (+39) 0165.236627
Fax: (+39) 0165.34657
E-Mail: aosta@turismo.vda.it

Auf dieser Internetseite findet sich nicht nur eine Übersicht über die Route der Alta Via 2, sondern auch die gesamte Broschüre mit Wegbeschreibungen zum Download. Die gesamte etwa 70-seitige Broschüre (Alta Via 1 + Alta Via 2) gibt es in den meisten Tourismusbüros vor Ort, auf jeden Fall aber in Aosta.

Die Höhenwege des Aosta-Tals Frank Rainer Scheck: Die Höhenwege des Aosta-Tals. Verlag der Weitwanderer. Bestellbar bei Alpina – Johann Neumann, Pf. 1211, 85609 Aschheim bei München, Tel: 089/9037655, Fax: 089/9035100, E-Mail: info@alpina-buch.de

Das Motto heißt also:
Man nehme den Wanderführer von Frank Rainer Scheck (der die Alta Via Due in West-Ost-Richtung beschreibt) für die umfangreichen Hintergrundinformationen zur Region und ziehe sich die konkreten Wegbeschreibungen aus dem Netz (hier: Ost-West-Richtung). Und fertig ist der aktuelle Wanderführer!

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

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Eingeordnet unter Aostatal, Cognetal, Grajische Alpen, Gran Paradiso, Val di Rhêmes, Valsavarenche

Cogne im Aostatal ist neues Mitglied des Netzwerks "Alpine Pearls"

… Pralognan-la-Vanoise auch

„Alpine Pearls“ ist eine im Jahr 2006 gegründete Kooperation von aktuell 20 (ab 1.1.2011: 24) Tourismusgemeinden aus dem gesamten Alpenraum. Die Zielsetzung dieses Tourismus-Vereins ist die Förderung von „sanfter“, heute gern „nachhaltig“ genannter Mobilität. Man hat sich auf die Fahnen geschrieben, den Gästen die Möglichkeit der autofreien An- und Abreise und die einfache Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel vor Ort und zudem weitere klimaschonende Urlaubsangebote zu bieten.
Entstanden ist dieses touristische Netzwerk als Ergebnis aus zwei aufeinanderbauenden EU-Projekten.

Cogne: Schon längt vorbildlich
Im Oktober dieses Jahres wurden nun vier weitere Orte (*) in die Organisation aufgenommen, unter ihnen die kleine Gemeinde Cogne im valdostanischen Teil des italienischen Nationalpark Gran Paradiso. Als zweite „Perle“ im Aostatal ist Cogne zwar nicht gänzlich autofrei wie Chamois im Valtournenche, das ausschließlich über eine Kabinenbahn erreichbar it. Auf den eigenen PKW ist in Cogne aber niemand angewiesen: Die gut getaktete ganzjährige Busverbindung mit Aosta lässt bei der An- und Abfahrt (oder für Ausflüge in andere Seitentäler) keine Wünsche offen. Und während der sehr langen italienischen Sommerferien pendeln die örtlichen Zusatzbusse in alle Himmelsrichtungen: Für den eher symbolischen Fahrpreis von nur 1 Euro gelangt man so beispielsweise ins

Rifugio Vittorio Sella

Valnontey, um von dort aus zum Rifugio Vittorio Sella hinauf wandern zu können. Um hier nur eine der vielfältigen Möglichkeiten aufzuzeigen.
Keine Frage also, dass Cogne unserer Meinung nach zurecht in den Verbund von „Alpine Pearls“ aufgenommen wurde.

Pralognan: Es gibt noch viel zu tun
Pralognan-la-Vanoise hingegen – ebenso wie Cogne eine der neuen alpinen Perlen – muss sich noch ganz schön strecken, um die Auflagen des Kriterienkataloges des Netzwerkes nicht gleich im ersten Anlauf zu reißen. Darin  heißt es nämlich, dass Mitgliedsorte auch ohne PKW durchgängig 7 Tage in der Woche zwischen 8:00 und 22:00 Uhr mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein müssen (§ 1.2 „Mobilität bei An- und Abreise“).
Die Realität in Pralognan sieht hingegen deutlich anders aus: Nur in der absoluten Hochsaison kann man den Ort vom Bahnhof Moûtiers aus täglich erreichen. In den restlichen Monaten verkehrt der Bus nur einmal pro Woche, am Markttag!
Falls sich daran schnell etwas ändern sollte, wenn also die Aufnahme in das Netzwerk dort zu einer deutlichen Trendwende im öffentlichen Nahverkehr führt, wollen wir nicht länger mäkeln. Ganz im Gegenteil: Wenn Pralognan zukünftig auch für Menschen ohne eigenen PKW erreichbar wäre, könnten wir den Ort endlich ohne Einschränkung als sinnvollen Einstiegsort für die Tour des Glaciers de la Vanoise empfehlen. Bis wir aber dafür eine Bestätigung haben, raten wir nachwievor, im mit öffentlichen Verkehrsmitteln weitaus besser erreichbaren Termignon von der Maurienne aus in diese Hüttentour einzusteigen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

(*) Neben Cogne und Pralognan sind dies noch Moena im Fassatal und Valdidentro im Alta Valtellina

 

 

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Ehemals königliche Jagdwege rund um den Gran Paradiso

Nicht jeder der Jagdsteige, die König Vittorio Emanuele II. von Italien ab 1861 in seinen Jagddistrikten rund um den Gran Paradiso (4.061 m) erbauen ließ, ist so kunstvoll gepflastert – Jagdsteig am Colle del Nivolet alpiner Straßenbau vom Feinsten! – wie jener, der vom Rifugio Città di Chivasso am Colle del Nivolet hinüber ins Valle Orco führt. Dennoch hat man bei Wanderungen in der Gran-Paradiso-Region meist einen der Wege unter den Füßen, die zwischen 1861 und 1878 angelegt wurden, damit der König und seine adligen Gäste ohne vom Pferd zu steigen hochgelegene Jagdsitze erreichen oder Pässe überwinden konnten.

aus: Marco Giacometti (Hrsg.), Von Königen und Wilderern
aus: Von Königen und Wilderern. Mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Marco Giacometti

Wir treffen in den Westalpen zwischen Aostatal und Ligurischen Alpen permanent auf Hinterlassenschaften des Monarchen (von 1849 bis 1861 des Königreichs Piemont-Sardinien, danach erster König des vereinten Italiens). Jedoch nicht denen des Staatsmannes (Vielleicht stimmt ja der Gossip, nachdem sein Il Re Cacciatore - Vittorio Emanuele II Ministerpräsident Camillo Benso di Cavour den König und dessen unstandesgemäße Geliebte Rosa Vercellana ohnehin nur ungern in der Hauptstadt Turin sah?), sondern denen des leidenschaftlichen Jägers Vittorio Emanuele II., des „Re Cacciatore“.

Il Re Cacciatore
Anfang des 19. Jahrhunderts waren Steinböcke fast ganz aus den Alpen verschwunden. Sie waren als Fleischlieferant und wegen ihrer Bedeutung in der Volksmedizin (Steinbockblut gegen Blasensteine, sein Kot gegen Schwindsucht, die Bezoarsteine – Kugeln aus Haaren, Harzen und Steinen im Magen – als Hilfe gegen Krebs, etc. etc.) schonungslos gejagt und fast vollständig ausgerottet worden. Nur im italienischen Gran-Paradiso-Gebiet hatte eine kleine Restpopulation die flächendeckenden Bejagungen überlebt. Man spricht von ca. 100 Tieren. Per Gesetz wurde deshalb 1821 der Steinbock im gesamten Gebiet Savoyens unter Schutz gestellt. Was zwar ein Meilenstein in der Geschichte des europäischen Naturschutzes gewesen sein mag, den Bestand wegen fehlender Überwachungsmöglichkeiten aber wohl nicht hätte sichern können. Auch wer wie wir der Jagd nichts abgewinnen kann (ein Besuch im Schloss von Sarre, woCastello Sarre
mit freundlicher Genehmigung: Zoologisches Museum der Universität Zürich

Ornamente aus 1019 Steinbock- und 787 Gamshörnern  Decken und Wände des großen Saals fast vollständig bedecken, hinterlässt einen bizarren Eindruck), kommt nicht umhin zu konstatieren, dass die Rettung der Population nur durch die Einrichtung von königlichen Jagdrevieren, die damit verbundene Hege und strenge Limitierung von Abschüssen gelingen konnte.

Ab 1856 erwarb Vittorio Emanuele II. Grundstücke im Gran-Paradiso-Gebiet, zunächst am Colle del Nivolet, dann im Valsavarenche, im Val di Cogne, im Val di Rhêmes, im Val di Champorcher und in den (heute) piemontesischen Tälern von Orco und Soana. In all diesen Gebieten wurden Jagdhäuser errichtet, und der Ausbau des alle Jagdgebiete miteinander verbindenden Wegenetzes begann 1861. Insgesamt 340 Kilometer Jagdwege bis auf eine Höhe von 3.296 m (Col Lauson, auch: Col Loson), alle zwischen 1 m und 2,5 m breit und für Pferde zu bewältigen, wurden angelegt. Deren Bau und Unterhalt – wie auch der Ankauf/ die Pacht für die Jagdgebiete aus Privatvermögen gezahlt – soll den König ein Vermögen gekostet haben.
Wer Einzelheiten darüber erfahren möchte, findet sie und viele interessante Hinterrundgeschichten im 2006 erschienenen Buch (Hrsg. Marco Giacometti) „Von Königen und Wilderern“ im Kapitel ‚Königliche Jagden im Gran Paradiso‘, das Pietro Passerin d’Entrèves, Professor für Zoologie an der Universität Turin und Rektor der Universität des Aostatales, verfasst hat.

Wandern auf ehemals königlichen Jagdsteigen
Wurden die ersten Jagden noch im – vom Eingang des Aostatals am schnellsten erreichbaren – Val di Champorcher abgehalten,  Rifugio Vittorio Emanuele, CAI verlagerte sich deren Zentrum immer mehr ins Valsavarenche. Kein Wunder also, dass die heute klassische Aufstiegsroute zur Besteigung des Gran Paradiso nicht nur über einen ehemaligen Jagdsteig führt, sondern das Rifugio unterhalb seines Gipfels auch nach Vittorio Emanuele II. benannt ist. Genau wie das alte Rifugio direkt daneben, die frühere Casa Reale di Caccia di Montcorvé.
Zu Jagdzwecken angelegte Infrastruktur nutzt im 21. Jahrhundert auch, wer von Pont aus, dem letzten mit dem Auto  anfahrbaren Ort im Rifugio SavoiaValsavarenche, hinauf zur Nivolet-Hochebene geht. Dort im Herzen des 1922 gegründeten Nationalparks – dem Enkel des Jägerkönigs war die Anfahrt von Rom aus zu weit und  er überschrieb das Jagdrevier dem Staat – wird das ehemalige Jagdhaus seit 1921 als Rifugio Savoia betrieben. Eine andere Casa di Caccia im Valsavarenche steht in Orvieille, heute von den Parkwächtern genutzt. Eine Mulattiera Reale führt von Dégioz durch den Bois de Fontaines zu dem 1862 errichteten Jagdhaus.
Auf der anderen Talseite kann man vom Valsavarenche ins Val di Cogne überwechseln. Die in den wohl bekanntesten Höhenweg des Aostatals, die Alta Via 2, eingebundene Strecke führt über Rifugio Vittorio Sella, CAI ehemalige Reitwege, den Col Lauson nutzend, geradewegs zur nächsten ehemaligen Casa di Caccia, die heute das nach dem großen Alpinfotografen Vittorio Sella benannte Rifugio beheimatet. Usw.usw. usw.
Wir belassen es an dieser Stelle bei diesen wenigen Hinweisen zu attraktiven Wandertouren im Gran-Paradiso-Gebiet, werden aber nach und nach die eine und die andere über königliche Reitwege verlaufende Route detailliert beschreiben.

Randnotiz: Auch zu Lebzeiten von Vittorio Emanuele II. waren diese Wege allen frei zugänglich. Gesperrt waren sie lediglich zur Jagdzeit. Und der König soll es gern gesehen haben, dass Alpinsten sie als Anmarschrouten für ihre Bergtouren nutzten.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

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Eingeordnet unter Aostatal, Cognetal, Grajische Alpen, Gran Paradiso, Orcotal, Val di Rhêmes, Valsavarenche