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Unser Piemont Wanderführer – 2. aktualisierte Auflage 2017

Spät kommt sie, aber sie kommt: die Mitteilung, dass unser im Michael Müller Verlag verlegter Piemont Wanderführer in aktualisierter Neuauflage erschienen ist.

Piemont WanderführerDurch den Gran Paradiso-Nationalpark, durch okzitanische Täler, die Dolomiten von Cuneo, Seealpen und Marguareis-Massiv führen die 38 ausgewählten Touren durch den piemontesischen Westalpenbogen.

Die Beschreibungen der Touren – unten geben wir vorab eine grobe Übersicht – führen entlang nummerierter Wegpunkte, die in Text, Karte und Höhenprofil aufeinander abgestimmt sind, präzise zum Ziel. Der Tour-Info-Kasten bietet alle nötigen und viele zusätzlichen Infos zur Strecke, aus denen exakt ablesbar ist, was einen unterwegs erwartet. Inklusive aller Einkehrmöglichkeiten mit Adressapparat und Öffnungszeiten.

Den Touren vorangestellt ist eine ausführliche Einleitung, die neben der Wanderlogistik (Bus- und Bahnlinien mit Fahrplänen für die An- und Abfahrt, beste Standorte, Tipps zur Tourplanung etc.) ausführliche Kapitel zu Gesteinen, Fauna und Flora der Region bietet und darüberhinaus detaillierte Klimainformationen mit Tabellen für Temperaturen, Niederschlägen und Tageslängen.

Dass zum handlichen Wanderführer auch die GPS-Tracks für alle Touren von der Homepage des Verlages herunterladbar sind, versteht sich heute von selbst.

Und klar abgesetzt vom Wandertext bietet der Wanderführer nach dem „Alles-im-Kasten“-Prinzip der MM-Reiseführer auch sehr viele interessante Hintergrundgeschichten. LeserInnen unseres Blogs werden wissen, dass wir darauf nicht hätten verzichten wollen …

Zum Inhalt:

Gran-Paradiso-Region und Lanzo-Täler

Vier unserer Touren führen durch den Nationalpark Gran Paradiso, das größte Naturschutzgebiet des Piemonts. Er wurde bereits 1922 geschaffen, ist damit der älteste Nationalpark Italiens – und der zweitälteste alpenweit. Aus dem ehemaligen Jagdrevier Vittorio Emanuele II. ist der Nationalpark hervorgegangen, der heute zu den Regionen Aostatal und Piemont gehört. Die verbliebenen, teilweise noch sehr gut erhaltenen Jagdsteige bieten dem Wanderer von heute ausgezeichnete Gelegenheiten, auf breiten, technisch nicht anspruchsvollen Wegen auch in große Höhen vorzudringen. Nivolet-HochebeneAuch das Herz des Gran-Paradiso-Nationalparks, die als „Cuore del Parco“ bezeichnete Nivolet-Hochebene unterhalb des namensgebenden Viertausender, teilen sich die Regionen Piemont und Aostatal – aus dem ruhigen piemontesischen Orcotal ist sie aber am besten erreichbar. Drei unserer Touren nehmen hier ihren Ausgang, womit eine grandiose Aussicht auf den Gran Paradiso (4.061 m) und die ihn umgebenden vergletscherten Gipfel gewährleistet ist. In die bezaubernde Seenlandschaft einer der schönsten Hochebenen der Alpen, auf die Piani di Rosset, auf den auch für Wanderer trotz seiner 3.438 m mühelos erreichbaren Mont Taou Blanc und über königliche Jagdsteige führen die hier vorgestellten Wanderungen. Eine vierte Tour unterhalb der mächtigen Gipfel der Tre Levanne gibt die Möglichkeit, die andere Hangseite des Orcotals kennenzulernen. In die im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannten sog. Lanzo-Täler führen zwei weitere Touren. Dorthin, wo das Turiner Großbürgertum auf den Geschmack der Sommerfrische kam, wovon noch ihre zum Teil gut erhaltenen Jugendstilvillen zeugen, und sich die Gründerväter des italienischen Alpenvereins CAI ihre ersten Sporen verdienten. Tief eingeschnitten, von hohen Gipfeln umgeben und ebenso stark von Abwanderung betroffen wie das nördlich gelegene Orcotal sind auch das Ala- und das Viùtal. Rifugio Gastaldi An ihren Talschlüssen liegen aber jeweils weite Hochplateaus, die zum Wandern wie geschaffen sind. Im Alatal erreicht man von der Pian della Mussa auf einem alten Saumweg das Rifugio Gastaldi, und im südlich gelegenen Viùtal ist der Lago di Malciaussia Ausgangspunkt für eine Tour zum Colle della Croce di Ferro.

 

Susatal

Natürlich führt eine Tour zu dem berühmtesten Kloster des Tals, Sacra di San Michele - Foto: © Wolfram Mikuteit der gewaltigen die Sacra di San Michele. Ein anderes, das im Jahr 726 gegründete Kloster von Novalesa, liegt unterhalb des Colle di Moncenisio. Und dorthin wandert man auf einer Panoramarunde, die um den – bereits zu Frankreich gehörenden – Lago di Monceniso führt, der von einem ganzen Kranz markanter Höhenforts aus dem ausgehenden 19. Jh. umrahmt ist. Und auch der höchste Wallfahrtsort der gesamten Alpen liegt im Susatal: Die auf 3.538 m Höhe stehende Kapelle Santa Maria auf dem Rocciamelone, einem auch für Wanderer problemlos zugänglichen Dreieinhalbtausender. Durch den Grand Bosco di Salbertrand geht es auf Wegen, die die Waldenser für die Heimkehr in ihre Täler nutzen, zur Testa dell’Assietta. Valle Stretta Und dann noch ein Klassiker, der beim Thema Wandern im Piemont stets vergessen wird, weil das Valle Stretta zwar diesseits des Alpenhauptkammes liegt, aber seit 1947 zu Frankreich gehört: Durch diese 1a-Destination für Wanderer führt um das markante Kalkriff des Grand Serru herum eine Tour zur Wallfahrtskapelle auf dem Mont Thabor.

 

Waldensertäler und Monviso-Region

In den sog. Waldensertälern, den Valli Valdesi, in denen sich Anhänger einer im 12. Jh. vom wohlhabenden Kaufmann Petrus Valdes gegründeten vorreformatorischen Laienbewegung – mal geduldet, mal brutal unterdrückt – haben halten können, führt eine Rundtour durch das Chisonetal, vorbei am Forte di Fenestrelle, der in 122 Jahren Bauzeit entstandenen spektakulärsten Festungsanlage der gesamten Region. Im weiter südlich gelegenen Germanascatal erleichtert ein Sessellift – eine Rarität in dieser Region – den Zugang zu den Tredici Laghi. Durch das Pellicetal, der Hochburg der Waldenser, verlief früher eine wichtige alpenquerende Handelsroute, der wir auf die weite Hochebene Conca del Prà zum Rifugio Willy Jervis folgen. Rifugio Pian del Re mit Monviso Varianten in alle Himmelsrichtungen gibt es on top. Hier ist man bereits recht nah am Monviso, dem mit 3.841 m höchsten Berg der Cottischen Alpen. Im Piemont wird dieser Berg als Re di Pietra, König aus Stein, heiß verehrt. Auch wir zollen diesem Berg natürlich Tribut und widmen ihm drei Touren. Eine kleine, aber feine Seenrunde beginnt bei den Quellen des Po. Eine längere Runde führt u.a. zum ältesten Tunnel der Alpen am Colle delle Traversette und weiter über einen Alpini-Steig zum Rifugio Giacoletti. Und weil der Monviso so viele unterschiedliche Seiten/ Gesichter hat, aus jeder Richtung anders aussieht, stellen wir auch den 3-tägigen Giro di Viso/ Giro del Monviso vor. Viel tiefer, am Eingang zum Potal, ist bei Balma Boves ein spannendes Stück Siedlungsgeschichte zu bestaunen.

 

Dolomiten von Cuneo

Seitdem das Mairatal im deutschsprachigen Raum längst kein Geheimtipp mehr ist, sondern sich peu à peu zu einer sehr angesagten Wanderdestination entwickelt, hört man auch den Ausdruck „Dolomiten von Cuneo“ bei uns immer öfter. Man versteht darunter die Region der jeweils oberen Talbereiche zwischen Varaita– und Sturatal. Wir legen diesen Begriff etwas weiträumiger aus und beziehen auch die unteren Talbereiche mit ein. Im Varaitatal ist der Bosco dell’Alevè mit 825 ha einer der größten Zirbelkiefernwälder der Alpen. Laghi Blu Höher hinaus führt eine Wanderung zu den Laghi Blu am Col Longet, einem Übergang zum französischen Ubaye-Tal. Das Mairatal weist schon am Eingang eine geologische Spezialität auf: Hier stehen mit den Ciciu del Villar über 400 pilzförmige Felsformationen, entstanden als Ergebnis der letzten Eiszeit. Alle weiteren Touren haben ihren Ausgangspunkt im oberen Talbereich, führen rund um das markante Kalkriff der Rocca Provenzale, auf den Sentiero Frassati und unterhalb der Gardetta-Hochebene rund um den kleinen Lago Nero. Lago Nero mit Monviso im Hintergrund - Foto: © Wolfram Mikuteit Dazu stellen wir zwei Etappen des mittlerweile legendären Maira-Tal-Weges (Percorsi Occitani) vor, die über die schier unendlich anmutende Weite der Gardetta-Hochebene mit ihren dolomitenähnlichen Gipfeln und den so charakteristischen Gipstrichtern führen. Im Granatal läßt sich der Besuch der imposanten Wallfahrtskirche Santuario di San Magno sehr gut mit einer kurzen Wanderung über den Colle dei Morti verbinden.

 

Seealpen und Ligurische Alpen

Wo der Alpenhauptkamm seine Richtung ändert, von der Nord-Süd-Richtung in die West-Ost-Richtung schwenkt, beginnen die Seealpen. Den Anschluss nach Osten bilden die Ligurischen Alpen.  Was beide Gebirgsgruppen miteinander verbindet ist ihre Nähe zum Mittelmeer, die an manchen Stellen nicht mehr als 60, manchmal auch nur 40 km Luftlinie beträgt. Weshalb man sie in Italien manchmal zusammenfassend Alpi di Mare nennt – was im deutschsprachigen Raum oft zu definitorischer Konfusion führt. Schließlich ist bereits irritierend, dass ein Teil der Ligurischen Alpen noch im Piemont liegt.

In den Seealpen führt eine Tour vom knuffigen Rifugio Becchi Rossi zum Colle di Puriac, eine andere über den Sentiero del Ecomuseo von Pontebernardo nach Sambuco. Bei der Tour zu den Laghi Lausfer, die ihren Ausgang in Sant’Anna di Vinadio, am höchstgelegenen Kloster der Alpen, nimmt, ist man bereits recht nah am Parco Regionale delle Alpi Marittime, dem für seine große Steinbockpopulation berühmten Seealpen-Naturpark. Steinböcke in den Seealpen Unsere Touren leiten zum Rifugio Dante Livio Bianco, rund um den Pian del Valasco über das Rifugio Questa, zum Lagarot di Lourousa und zum Lago del Chiotas.
Direkt auf den italienisch-französischen Grenzkamm führen zwei Touren am Colle di Tenda. Noch ein Stück weiter nach Osten gelangt man in die Ligurischen Alpen und den Parco Regionale Alta Valle Pesio e Tanaro, der inzwischen Parco Naturale del Marguareis heißt. Hier haben wir eine kurze Rundwanderung ab Pian delle Gorre zur spektakulären Cascata del Pis ausgewählt und stellen einen dreitägigen Giro del Marguareis vor.

 

Sabine Bade und Wolfram Mikuteit

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Eingeordnet unter Übernachten, bergauf bergab, Chisonetal, Cottische Alpen, Grajische Alpen, Gran Paradiso, Granatal, Lanzotäler, Ligurische Alpen, Mairatal, Monviso-Region, Okzitanien, Orcotal, Pellicetal, Pesiotal, Potal, Seealpen, Sturatal, Susatal, Tanarotal, Varaitatal

Vom Lago di Ceresole ins Val Grande der Lanzotäler

Die meistbegangene Route aus der Gran-Paradiso-Region in die Lanzotäler erfolgt über den Colle della Crocetta (2.641 m); sowohl die Grande Traversata delle Alpi als auch die Via Alpina nutzen diesen Weg, der seinen Ausgang am Lago di Ceresole hat.

Um die Hochebene Piano dei Morti, über die der Weg beim Aufstieg erfolgt, wurden diverse, gern nacherzählte Legenden gesponnen: So sollen Anfang des 19. Jahrhunderts in einer Winternacht Männer aus Bonzo, einem Dorf im Val Grande, den Colle della Crocetta überquert, nach Ceresole abgestiegen sein und sich der Kirchturmglocken der Pfarrkirche bemächtigt haben. Auf ihrem Heimweg fingen unterhalb des Passes die Glocken plötzlich laut an zu schlagen, wie durch ein Wunder, oder weil einfach in der Hast vergessen wurde, für den Abtransport die Klöppel auszuhängen. Alarmiert durch das Gebimmel setzten die noch schlaftrunkenen Bewohner Ceresoles den Glockendieben nach und erschlugen sie unterhalb des Passes. Im Val Grande erzählt man sich die Geschichte genau anders herum: Hier kamen die Diebe aus Ceresole und hatten es auf die Glocken von Groscavallo abgesehen. Erschlagen wurden sie an derselben Stelle.

Colle della Crocetta – Fluchtroute der Partisanen aus dem Valle Orco
Seltener als auf diese Legenden wird darauf hingewiesen, dass über den Colle della Crocetta während der 20 Monate der deutschen Besatzung Norditaliens eine vielgenutzte Flucht- bzw. Rückzugsroute der Partisanen verlief. Als im August 1944 die faschistischen Verbände, bestehend aus Deutschen, den Schwarzen Brigaden und der Decima Mas (faschistische Spezialeinheiten und Kleinkampfverbände der italienischen Marine), während einer großangelegten Auskämmungsaktion immer weiter in das Valle Orco vordrangen und den Partisanen nach der Schlacht um Ceresole Reale überdies die Munition ausging, setzten sie sich am 12. August 1944 über den Colle della Crocetta ins Val Grande nach Pialpetta ab – ließen den Pass aber nicht unbewacht. Als eine Abteilung der Decima Mas ihnen später nachsetzte und in Richtung Pass vorrücken wollte, kam es etwas unterhalb auf der Seite des Orcotals am 14. August 1944 zu einem blutigen Gemetzel, das die Partisanen für sich entscheiden konnten.

Wer weniger an Legenden als an historischen Informationen zum Valle Orco und der Gran-Paradiso-Region interessiert ist, sollte das Cà del Meist in Ceresole Reale besuchen: Im Erdgeschoss ist die Dokumentation Galisiaquarantaquattro mit dem Schwerpunkt der Tragödie am Colle Galisia zu sehen, im Obergeschoss die Biblioteca della Montagna Gianni Oberto untergebracht.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Eingeordnet unter Gedächtnis der Alpen, Gran Paradiso, GTA, Lanzotäler, Orcotal, Resistenza, Via Alpina

Die Freiheit zum Greifen nah – Tragödie am Colle Galisia

Das tragische Schicksal der 41 Männer, die bei der Überquerung des Colle Galisia im November 1944 starben, gehört zur Geschichte der Resistenza im Valle Orco. Sie wachzuhalten, hat sich u. a. das Cà del Meist mit seiner permanenten Ausstellung auf die Fahnen geschrieben.

Lago Serrù, 2.278 m - links die Cima della Vacca, 3.186 m - und rechts der Colle Galisia, 2.987 m Den seit alters her von Schmugglern, Händlern und Auswanderern genutzten Weg über den Colle Galisia (2.987 m) nahmen die Partisanen regelmäßig. Um sich bei Auskämmungsaktionen kurzfristig in das bereits befreite französische Arctal abzusetzen, zur Verbindungsaufnahme mit den Alliierten und um Flüchtlinge in Sicherheit zu bringen.

So auch im November 1944:
Eine Gruppe englischer Kriegsgefangener, der im September 1943 die Flucht aus einem Internierungslager gelungen war und die sich seitdem bei den Partisanen im Valle Sacra aufhielt, sollte nach Frankreich gebracht werden. Geführt wurden sie von ortskundigen Partisanen der VI. Divisione Canavesana Giustizia e Libertà und einigen Autonomen.

Von Ceresole Reale stiegen die 44 Männer am 7. November auf zum Lago Agnel, übernachteten dort und gingen dann, obwohl sich das Wetter zusehends verschlechterte, weiter zum Pass. Erst nach Einbruch der Dunkelheit kamen sie dort an, viel später als geplant. Zwei Engländer blieben – sie waren zu erschöpft, um weitergehen zu können – in Begleitung von Giuseppe Mina und Carlo Diffurville zurück. Sie sollten später nachgeholt werden. Bei Eiseskälte (minus 25 Grad) suchten sie Schutz unter einer Felswand am Galisia und warteten auf Rettung. Als die nicht kam, machten sich Mina und Diffurville donn doch an den Abstieg. Und fanden bei den Gorges du Malpasset, ganz in der Nähe des alten Refuge Prarirond, die gesamte Gruppe begraben unter einer Lawine. Erst am 17. November 1944 konnte Alfred Southon mit schwersten Erfrierungen vom Galisia geborgen werden. Sein Begleiter Walter Rattue war einen Tag vorher gestorben.

Am Lago Serrù beginnt ein anspruchsvoller Weg, vorbei am unbewirtschafteten und nur mit Schlüssel zugänglichen Rifugio Pian della Ballotta,  hinauf zum Colle Galisia – der Sentiero Internazionale Colle della Losa. Schwierigkeitsgrad nach italienischem Rating EEA, was in etwa dem Schwierigkeitsgrad T6 für „schwieriges Alpinwandern“ der Wanderskala des Schweizer Alpen-Clubs entspricht. Der Aufstieg von Frankreich aus über das Refuge Prarirond gestaltet sich einfacher.

Im Cà del Meist in Ceresole Reale (etwas zurückgesetzt ggü. des Albergo Meuble Sport) ist im Erdgeschoss die Dokumentation Galisiaquarantaquattro zur Tragödie am Colle Galisia zu sehen. Im Obergeschoss ist die Biblioteca della Montagna Gianni Oberto untergebracht. Wer nach Literatur zum Tal und der gesamten Gran-Paradiso-Region sucht, wird hier ganz bestimmt fündig.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Partisanenpfade im Piemont – jetzt erschienen

Il libro è aperto – das Buch ist jetzt verfügbar – könnte man mit viel Phantasie und bei großzügiger Auslegung der italienischen Sprache sagen, hatte aber eine auch noch ganz andere Bedeutung:

Hochebene Conca del Prà Seit 1950 steht auf der idyllischen Hochebene Conca del Prà das Rifugio Willy Jervis in Erinnerung an einen der bekanntesten Protagonisten des Widerstandes im Val Pellice. Willy Jervis wurde am 5. August 1944 auf der zentralen Piazza von Villar Pellice erschossen, nachdem er den Deutschen in die Hände
gefallen war. Die ausgedehnte Hochfläche, über Villanova zu Fuß in ca. 3 h zu erreichen, ist heute zu Recht ein beliebtes Ausflugsziel, eignete sich aber auch hervorragend für die ab Juni 1944 vorgenommenen alliierten Versorgungsabwürfe. Wenn Radio London mit den Codewörtern Il libro è aperto einen Abwurf avisierte, eilten die Menschen aus Bobbio Pellice zur Conca hinauf, um Waffen, Munition und Lebensmittel einzusammeln.

Ein Interview zur Veröffentlichung
Wir haben uns kurz vor Erscheinen des Buches mit Hans-Peter Koch von SeeMoZ  (SeeMoZ – Lesenswertes aus Kultur und Politik für den Bodenseeraum und das befreundete Ausland) unterhalten – über Geschichten und Geschichte im Piemont, über grandiose Wanderwege und über den Widerstandsgeist der Piemonteser, der bis heute anhält.

Warum soll unsereins noch heute auf Partisanen-pfaden durchs Piemont stapfen?

Als wandernde Piemont-Liebhaber fällt uns die Antwort leicht: Schließlich liegt diese Region nicht nur – wie der Name ‚al piè dei Monti’sagt – am Fuße der Berge, sondern mittendrin. Und verfügt darüber hinaus über ein wunderbares Wanderwege-Netz, von dessen Attraktivität sich so mancher mittlerweile zertifizierte Premiumweg nördlich der Alpen eine Scheibe abschneiden kann.

Von der Nivolet-Passstraße Blick auf die Seen Angnel und Serrù Unsere Touren zwischen Gran Paradiso im Norden und Monviso im Süden folgen ausgewiesenen Wanderwegen durch National- oder Naturparkgebiete, führen über königliche Jagdsteige, alte Saumwege und stille Gebirgspfade. Und oberste Priorität hatte bei der Auswahl der Wege neben der historischen Bedeutung stets die Attraktivität des Weges und die der Landschaft.

Die schöne Dora Riparia an der Piazza CLN (Comitato di Liberazione Nazionale) – Fertigstellung im Jahr XVII der faschistischen Zeitrechnung Zudem: Unser Buch richtet sich nicht nur an passionierte Wanderer. Mit den Stadtspaziergängen durch Turin und Torre Pellice – beide auf den Spuren der Resistenza, dem 20-monatigen Widerstand gegen den Faschismus – kommt auch auf seine Kosten, wer sich aus Bergen rein gar nichts macht. Partisanenpfade im Piemont ist ein Reisebuch, ein Wanderbuch und ein Geschichtenbuch.

Dennoch: Was und wen kümmert heutzutage noch die alten Geschichten des Widerstands in Italien? Ist das nicht längst vergessen?

Wir haben ein Buch geschrieben, das wir selbst vor über 20 Jahren bei unseren ersten Wanderungen in den piemontesischen Alpen gern dabei gehabt hätten. Dazu muss man wissen, dass im Piemont – wie auch jenseits des italienisch-französischen Grenzkamms – Stolpersteine zur Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit nicht in den Boden eingelassen und auch deutlich größer sind als bei uns. Sie sind unübersehbar und bedienen sich einer ganz unverblümten Sprache. Und nachdem wir Anfang der 1990er-Jahre auf einer wildromantischen Hochebene auf über 2.000 Metern Höhe über ein Mahnmal für Opfer dieses Widerstands ‚gestolpert’ sind, hat uns das Thema nicht mehr losgelassen.

Berglauf Memorial Partigiani Stellina Valsusa
Im Susatal wird jedes Jahr am Wochenende um den 26. August herum der Battaglia delle Grange Sevine gedacht: Am Sonntag startet in Susa am römischen Augustusbogen der traditionelle Berglauf Memorial Partigiani Stellina Valsusa, der meist recht treffend „Corsa di Bolaffi“ genannt wird. Schließlich liegt der Zieleinlauf auf der Alpe Costa Rossa direkt am Denkmal für Giulio Bolaffi, des legendären Comandante Aldo Laghi und seiner Divisione Stellina.

Wie aktuell dieses Thema einmal werden würde, haben wir allerdings bei Abgabe des Manuskriptes selbst noch nicht erahnt: Zwar hat der Internationale Gerichtshof in Den Haag im Februar diesen Jahres bestätigt, dass das Prinzip der Staatsimmunität Deutschland vor Entschädigungsforderungen wegen in Italien begangener nationalsozialistischer Kriegsverbrechen schützt. Doch das Urteil hat auch klargestellt, dass Deutschland zumindest eine moralische Verantwortung dafür übernehmen müsse und die Notwendigkeit einer ‚gemeinsamen Erinnerungskultur’ angemahnt. Da regt sich was, durchaus nicht nur in Italien, wo gerade Anfang Mai in Florenz ein Kongress zu diesem Thema stattfand. Auch in Deutschland setzen sich langsam immer mehr Institutionen mit der italienischen Resistenza auseinander.

Piemont ist wunderschön. Und hat eine beeindruckende Geschichte. Ihr habt schon angedeutet, dass in Eurem Buch auch die Geschichte des Widerstandes gegen die Faschisten beleuchtet wird…

Von ganz vielen Seiten. Angefangen bei der 40-seitigen Einführung in dieses nur wenig bekannte Thema. Schließlich wuchs die italienische Widerstandsbewegung vom September 1943 bis Ende April 1945 mit wohl 250.000 Mitgliedern zur zahlenstärksten Widerstandsbewegung Westeuropas an. Diese 20 Monate, in denen sich Menschen unterschiedlichster politischer Couleur – Liberale, Sozialisten und Kommunisten waren ebenso beteiligt wie Monarchisten – zusammen schlossen, um gegen deutsche Besatzung und italienischen Faschismus und für einen radikalen Wandel in ihrem Land zu kämpfen, haben das Piemont schließlich nachhaltig geprägt.

Redaktionsbüro von Il Pioniere - Partisanenzeitung im Untergrund
Il Pioniere – Partisanenzeitung im Untergrund. Aus Sicherheits-gründen residierte das Redaktionsbüro in einer der entlegensten Ecken des Angrognatals, in der kargen Barma de l’Ours auf über 1.200 Metern Höhe. Die erste hektographierte Ausgabe erschien am 30. Juni 1944 in einer Auflage von 800 Kopien.

Wir haben aber kein Geschichtsbuch geschrieben, sondern anhand ganz unterschiedlicher Artikel versucht, diese Geschichte erlebbar zu machen. Wir erzählen von Mussolinis Aufstieg – weil die Widerstandsbewegung nur verständlich wird vor dem Hintergrund, dass beim Kriegseintritt Italiens an der Seite Hitler-Deutschlands 1940 ein damals 18-jähriger italienischer Wehrpflichtiger nicht einen einzigen Tag in einem demokratischen Staat gelebt hatte. Wir erzählen auch von dem 1933 in Turin gegründeten Verlag ‚Giulio Einaudi Editore’, mit dem Leone Ginzburg, Cesare Pavese, Giulio Einaudi, Carlo Levi, Vittorio Foa und viele andere versuchten, die faschistische Zensur zu unterlaufen und Bücher zu verlegen, die zu kritischem Denken anregen sollten – und dafür auch langjährige Haftstrafen und Verbannung in Kauf nahmen.

Wir erzählen auch von dem Phänomen, das die italienische Historikerin Anna Bravo als eine der „größten Verkleidungsaktionen der italienischen Geschichte“ bezeichnet hat: Dass sich circa die Hälfte der Soldaten des italienischen Heeres, die sich am Tag der Waffenstillstandserklärung im deutschen Machtbereich befunden hat, durch Flucht der Gefangennahme und dem Transport in die deutschen Zwangsarbeitslager entziehen konnte.

Blick auf die Barre des Ecrins am Passo dell'Orso
Blick auf die Barre des Ecrins am Passo dell’Orso

Und weil Partisanenpfade im Piemont ein Wanderlesebuch ist, haben wir in Ergänzung zu den Tourbeschreibungen auch ganz viele kurze Hintergrundgeschichten geschrieben. In diesen ‚Themensplittern’ kann – wer mag – nachlesen, warum jedes kleine Dorf in Italien seine ‚Via Roma’ hat, was genau unter der italienischen ‚Judenkartei’ zu verstehen ist, wie Piero Gobettis Witwe Ada ihre Winterüberschreitung des Passo dell’Orso in ihrem Tagebuch beschrieb. Hier findet sich auch das Gedicht ‚Kamerad Kesselring’, geschrieben in Erinnerung an den Kriegsverbrecher, der kaltschnäuzig genug für die Bemerkung war, die Italiener täten gut daran, ihm für sein Verhalten in der Zeit, in der er den Oberbefehl auf dem italienischen Kriegsschauplatz innehatte, ein Denkmal zu errichten.

Unter Berlusconi wurde der italienische Faschismus wieder hoffähig…

2011 bei der jährlichen Gedenkfeier am Colle del Lys zu Ehren  2024 gefallenen Partisanen aus den Tälern Lanzo, Susa, Sangone und Chisone
2011 bei der jährlichen Gedenkfeier am Colle del Lys zu Ehren  2024 gefallenen Partisanen aus den Tälern Lanzo, Susa, Sangone und Chisone

Wir wollen keinen Mythos bedienen. Dass es einen ganz offenkun-digen Widerspruch zwischen Wachhalten der Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand einerseits und dem mittlerweile durch langjährigen Berlusconismus veränderten Geschichtsver-ständnis vieler Italiener andererseits gibt, ist uns bewusst. Auch, dass der Abgang von Silvio Berlusconi nichts daran ändert, dass er Mussolini und den italienischen Faschismus in Italien wieder hoffähig gemacht hat. Auch wenn das dort, wo wir unterwegs waren und immer wieder sind, nur ganz selten in Erscheinung tritt.

Widerstand im Piemont hat Tradition bis auf den heutigen Tag. Findet sich das auch in Eurem Buch wieder?

Ponte dell'Arnodera - nach der am 29.12.1943 erfolgreichen Sprengung wieder instandgesetzt
Ponte dell’Arnodera – nach der am 29.12.1943 erfolgreichen Sprengung wieder instandgesetzt

Wir haben jeden Talbereich mit einem Motto überschrieben, und das Motto für das Susatal lautet: ‚Der Kampf um die Eisenbahn’. In der Zeit der Resistenza stand dies Motto für die Schlacht um die für die Deutschen so bedeutsame Eisenbahnlinie Turin – Fréjus – Modane, über die der Nachschub in das besetzte Südostfrankreich verlief. Heute steht dieses Motto für den Widerstand gegen den ‚Treno ad alta velocità’, beziehungsweise die Bauvorhaben, die hier geplant sind, um die Hochgeschwindigkeitslinie zwischen Turin und Lyon zu realisieren.

Wir verfolgen den Widerstand im Susatal seit Mitte der 1990er-Jahre (und haben auch in SeeMoZ mehrmals darüber berichtet). Damals lasen wir vom ‚Transalpedes’-Projekt, mit dem Umweltaktivisten um Dominik Siegrist und Jürg Frischknecht auf einer Wanderung am Alpenhauptkamm entlang auf die drohende Umweltzerstörung im Alpenraum aufmerksam machen wollten. Sie trafen in verschiedensten Regionen Menschen, die versuchten, sich gegen Fehlentwicklungen zur Wehr zu setzen. Einer von ihnen war Claudio Giorno, damals wie heute aktiv im Widerstand gegen die Betonlobby.

15.000 Teilnehmer auf einer spontan angesetzten Demonstration in Susa nach Räumung der Maddalena am 27. Juni 2011
15.000 Teilnehmer auf einer spontan angesetzten Demonstration in Susa nach Räumung der Maddalena am 27. Juni 2011

Das innerhalb der Widerstandsbewegung gegen das faschistische Mussolini-Regime und die deutsche Besatzung entstandene Motto „Ora e sempre Resistenza“ haben die Projektgegner längst zu ihrem gemacht. Man könne den Protest gegen das TAV-Projekt nicht von der Geschichte der Resistenza trennen, sagt denn auch Claudio Giorno. Piero Calamandrei, Professor für Zivilprozessrecht, hat 1955 in seiner berühmt gewordenen Vorlesung darauf hingewiesen, dass der Kampf um die italienische Verfassung in den Berggebieten ausgetragen wurde. Kein Wunder also, dass gerade dort dringender Nachbesserungsbedarf an eben dieser Verfassung aufgezeigt wird: Damit der Wille der ganz überwiegenden Mehrheit einer Region nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden kann, damit auch beispielsweise das international geächtete CS-Gas nicht im Landesinneren verwendet werden darf und um unter anderem auszuschließen, dass Militär gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt wird. Darum haben wir in unser Buch auch den Artikel „Ora e sempre Resistenza: NO TAV!“ aufgenommen.

Ihr seid Reiseschriftsteller. Über welche anderen Regionen kann man Reisetipps von Euch erfahren?

Einspruch.Dass wir Sachbücher schreiben, macht uns nicht zu Schriftstellern. Auf unserer Internetpräsenz westalpen.eu sowie hier im Blog veröffentlichen wir regelmäßig Hintergrundinfor-mationen und berichten über kuriose und nicht alltägliche Geschichten aus unserem Zielgebiet, den italienisch-französischen Westalpenbogen zwischen Genfer See und Mittelmeer.

Und dort schreiben wir manchmal auch über Schriftsteller, etwa den französischen Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio. Der hat in seinem Buch ‚Fliehender Stern‘ die Geschichte einer Gruppe von Juden unterschiedlichster Nationalität erzählt, die zwischen März und September 1943 im französischen Saint-Martin-de-Vésubie Zuflucht vor den Deutschen gefunden hatte. Als die von Süden vorrückten, machte sich die Gruppe auf den beschwerlichen Weg über die Berge nach Italien. Ihre Hoffnung – mittlerweile war Mussolini abgesetzt und am 8. September der italienische Waffenstillstand erklärt – so in die Freiheit zu gelangen, trog: Die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Die Flüchtlinge wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 'Memoriale della Deprtazione' in Borgo San Dalmazzo erlassenen Rassengesetze verhaftet, in Borgo San Dalmazzo (Provinz Cuneo) in Güterwaggons gepfercht und nach Auschwitz transportiert, wo 311 Menschen dieser Fluchtgruppe ermordet wurden. Ein Ereignis, auf das heute am Bahnhof von Borgo San Dalmazzo das ‚Memoriale della Deportazione‘ hinweist.

Derartige Hinweise auf Geschehnisse abseits des reinen Wanderweges sind auch in unsere bisher erschienenen sieben Wanderführer eingeflossen.

Die Fragen stellte Hans-Peter Koch

Partisanenpfade im Piemont. Orte und Wege des Widerstands zwischen Gran Paradiso und Monviso. Ein Wanderlesebuch von Sabine Bade und Wolfram Mikuteit. Das Buch: Sabine Bade | Wolfram Mikuteit: Partisanenpfade im Piemont. Orte und Wege des Widerstands zwischen Gran Paradiso und Monviso. Ein Wanderlesebuch. Verlag Querwege, Konstanz 2012, 272 Seiten, mit detaillierter Karte zu jeder Tour, mit GPS-Tracks und Waypoints zum Download, mit vielen Farb- und historischen s/w- Aufnahmen, ISBN 978-3-941585-05-8, EUR 19,90. Das gesamte Inhaltsverzeichnis und viele andere Informationen zum Buch auf Facebook.

 

 

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Partisanenpfade im Piemont

Partisanenpfade im Piemont. Orte und Wege des Widerstands zwischen Gran Paradiso und Monviso. Ein Wanderlesebuch.

Partisanenpfade im Piemont ist ein Reisebuch, ein Wanderbuch und auch ein Geschichtenbuch.
Am Colle della Crocetta auf der Kante zwischen Orco- und Grandetal, nicht weit von der französichen Grenze – Tour 4

Die 20 Monate der italienischen Resistenza, in denen sich Menschen unterschiedlichster politischer Couleur ab September 1943 zusammenschlossen, um gegen deutsche Besatzung und italienischen Faschismus und für einen radikalen Wandel in ihrem Land zu kämpfen, haben Italien nachhaltig geprägt. Ganz besonders die stark entvölkerte Gebirgsregion des Piemonts nah an der Grenze zu Frankreich. Wir nehmen die Leserinnen und Leser mit auf eine historische Zeitreise und machen die Geschichte der piemontesischen Widerstandsbewegung erlebbar – zu Fuß, automobilisiert oder zu Hause auf dem Sofa.

Partisanenpfade im Piemont ist ein Reisebuch, das einführt in die Welt der Alpentäler, die sich fächerartig westlich der Barockstadt Turin bis zum Alpenhauptkamm ziehen. An Plätze führt, in denen die Geschichte der Resistenza wachgehalten wird, und an Orte, in denen gut gegessen und genächtigt werden kann.
Grande Albergo Rocciamelone, Usseglio – Val di Viù, Tour 6, 7 und 8

Partisanenpfade im Piemont ist ein Wanderbuch, das 23 Touren – vom Stadtspaziergang durch Turin bis zur Hochtour auf den über 3.000 Meter hohen Colle Autaret – umfasst. Alle GPS-kartiert, alle anhand von Waypoints exakt nachvollziehbar und jede Tour mit herunterladbarem Track für das eigene GPS-Gerät. Mit Hinweisen zum ÖPNV, Kartenmaterial und Einkehrtipps.

Die schöne Dora Riparia an der Piazza CLN (Comitato di Liberazione Nazionale) – Fertigstellung im Jahr XVII der faschistischen Zeitrechnung. Geplant war hier, auch noch überlebensgroße Statuen von Mussolini und König Vittorio Emanuele III. aufzuzustellen – Tour 1

Partisanenpfade im Piemont ist auch ein Geschichtenbuch:
Die ehemaligen Redaktionsräume der Untergrundzeitung ‚Il Pioniere‘, gut versteckt im hintersten Zipfel des Angrognatals gelegen – Tour 21. 17 Ausgaben wurden hier über die Walze gezogen. Ab Nov. 1944 wurde die Zeitung in Torre Pellice gedruckt. Unter den Augen der Faschisten gegenüber der Caserma Ribet – Tour 20.

  • Wer und was dem „guten Onkel Mussolini“ zum Aufstieg verhalf.
  • Wie im Verlag Einaudi mit den faschistischen Zensurmaßnahmen umgegangen wurde.
  • Wie leerstehende Villen zu Krankenstationen der Partisanen umfunktioniert wurden.
  • Wie im Felsendorf Barma de l’Ours die Untergrundzeitung Il Pioniere hergestellt wurde.
  • Was Generalfeldmarschall Kesselring unter ‚Bandenbekämpfung‘ verstand.
  • Welche seltene Freundschaft den Philosophen Benedetto Croce und Ada Gobetti verband sowie deren legendäre Winterüberquerung des Passo dell’Orso und vieles Weitere mehr.

Im Jahr 2004 restaurierte Aufschrift in Traversella, welche die deutschen Besatzer vor den Partisanen warnen sollte. Dabei wurde der Propagandaspruch Mussolinis auch gleich aufgefrischt.

Mit vielen Farbfotografien und historischen s/w-Aufnahmen. Sämtliche Touren wurden von den Autoren im Sommer 2011 abgegangen.

– Hardcover
– 272 Seiten
– mit zahlreichen Farbfotos
– sowie historischen s/w-Aufnahmen
– mit detaillierter Karte zu jeder Tour
– ISBN 978-3-941585-05-8
– EUR 19,90

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

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Eingeordnet unter Aostatal, bergauf bergab, Chisonetal, Gran Paradiso, Lanzotäler, NO TAV, Orcotal, Pellicetal, Susatal

Der Nationalpark Gran Paradiso bekommt mit Ceresole Reale seine zweite ‚Alpine Pearl‘

Am 1.1.2012 werden drei Orte neu in das touristische Netzwerk von ‚Alpine Pearls’ (*) aufgenommen – und alle drei liegen im Piemont: Ceresole Reale, Pragelato und Limone Piemonte.
Während sich Pragelato im Val Chisone (als Austragungsort der nordischen Disziplinen während der Olympischen Winterspiele 2006) und Limone Piemonte (einer der größten Wintersportorte im Piemont) selbst im deutschsprachigen Raum einer gewissen Bekanntheit erfreuen, sucht man nach Hinweisen auf Ceresole Reale bei uns meist vergeblich. Was durchaus auch daran liegen

Gran Paradiso
Gran Paradiso (4.061 m) – von der Nivolet-Hochebene aus gesehen

mag, dass der 1922 geschaffene Nationalpark Gran Paradiso meist ausschließlich im Aostatal verortet wird. Dabei gehört er zur Hälfte zum Piemont, seitdem 1945 die Grenzen neu gezogen wurden: Bei der Schaffung der Autonomen Region Aostatal wurde die frühere piemontesische Provinz u.a. um die südlichen Gran-Paradiso-Täler von Orco und Soana verkleinert.

A Piedi tra le nuvole – Zu Fuss durch die Wolken
Uns freut nicht nur, dass der touristisch etwas unterentwickelte piemontesische Teil des Nationalparks mit der Aufnahme von Ceresole Reale in die Reihe der ‚alpinen Perlen’ etwas aufgewertet wird. Sondern auch, dass damit der umweltverträgliche Kurs – ‚sanfte’, auch ‚nachhaltig’ genannte Mobilität ist schließlich eines der Marketing-Kernthemen der Perlen – Ceresoles gewürdigt wird. Ganz ohne Ski-Zirkus auskommend hat der kleine Ort mit seinem etwas verblichenen Charme – 1862 durfte er sich als Gegenleistung für Jagdlizenzen an König Vittorio Emanuele II.  den Zusatz ‚Reale’ an den Ortsnamen hängen – nämlich bereits im Jahr 2003 mit seinem Programm ‚A Piedi tra le Nuvole’, der sonntäglichen Sperrung der Straße über den Colle del Nivolet, Zeichen gesetzt.

Auf die zwischen 2.400 bis 2.600 m Höhe gelegene wunderschöne, auch ‚Cuore del Parco’ genannte, Nivolet-Hochebene führt von Ceresole Reale die in den

Nivolet-Passstraße
Passstraße hoch auf den Colle del Nivolet (2.636 m) – hier vorbei am Lago Agnel (2.297 m)

1950er-Jahren erbaute und durchgehend asphaltierte Straße über den Colle del Nivolet. Sodass es nicht verwundern darf, dass das Herz des Nationalparks besonders an sommerlichen Wochenenden stark pocht, also viele motorisierte Ausflügler anlockt.
Während die Einen (zumindest hinter vorgehaltener Hand) bedauern, dass der ursprüngliche Plan aufgegeben wurde, die Straße bis hinüber ins Aostatal zu verlängern, machen sich Andere seit vielen Jahren für den Schutz des sehr artenreichen und sensiblen Ökosystems auf der durch Wasserläufe und Feuchtgebiete geprägten Ebene stark und plädieren für eine Vollsperrung. Davon ist man zwar noch weit entfernt – Fahrverbote in hochalpinen Regionen lassen sich (nicht nur) in Italien schwer durchsetzen – aber zumindest an Sonn- und Feiertagen zwischen Mitte Juli und Ende August ist die Straße über den

Lagi Serrù und Agnel
Lago Serrù – und im Vordergrund Lago Agnel. Im Hintergrund die Grande Aiguille Rousse (3.428 m)

Colle del Nivolet ab Lago Serrù (2.275 m) gesperrt. Das im Jahr 2003 gestartete Programm heißt zwar ‚A piedi tra le nuvole’, zwingt aber niemanden, auch wirklich zu Fuß zu gehen. Stattdessen werden an diesen Tagen Pendelbusse eingesetzt. Die verkehren in schneller Abfolge, die Fahrkarten sind preiswert (2,50 €) und den ganzen Tag gültig, was auch Mehrfachfahrten erlaubt. Noch

Rifugio Savoia
Rifugio Savoia (2.533 m) auf der Nivolet-Hochebene

bequemer ist es, den Wagen gleich in Ceresole Reale stehen zu lassen und in einem Rutsch bis zum Rifugio Savoia auf dem Pian del Nivolet durchzufahren.

Mit dem Antrag auf Aufnahme in das ‚Alpine Pearls’-Netzwerk scheint Ceresole Reale diesen Kurs weiter verfolgen zu wollen. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich damit ja sogar à la longue die Möglichkeit zu einer Vollsperrung der Straße?

königlicher Jagdsteig
attraktiv genug? Hinten links die Cima del Carro (3.326 m)

Genügend attraktive Wanderwege hinauf zu den von eiszeitlichen Gletschern geschaffenen tiefblauen Seen wie dem Lago Rosset und den Laghi Trebecchi mit der grandiosen Aussicht auf den Gran Paradiso (4.061 m) und die ihn umgebenden vergletscherten Gipfel gibt es schließlich außerdem.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

(*) ‚Alpine Pearls’ ist eine im Jahr 2006 gegründete Kooperation von aktuell 24 (ab 1.1.2012: 27) Tourismusgemeinden aus dem gesamten Alpenraum. Die Zielsetzung dieses Tourismus-Vereins ist die Förderung von ‚sanfter’, heute gern ‚nachhaltig’ genannter Mobilität. Man hat sich auf die Fahnen geschrieben, den Gästen die Möglichkeit der autofreien An- und Abreise und die einfache Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel vor Ort und zudem weitere klimaschonende Urlaubsangebote zu bieten.
Entstanden ist dieses touristische Netzwerk als Ergebnis aus zwei aufeinanderbauenden EU-Projekten.

 

 

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Eingeordnet unter Grajische Alpen, Gran Paradiso, Orcotal

Ehemals königliche Jagdwege rund um den Gran Paradiso

Nicht jeder der Jagdsteige, die König Vittorio Emanuele II. von Italien ab 1861 in seinen Jagddistrikten rund um den Gran Paradiso (4.061 m) erbauen ließ, ist so kunstvoll gepflastert – Jagdsteig am Colle del Nivolet alpiner Straßenbau vom Feinsten! – wie jener, der vom Rifugio Città di Chivasso am Colle del Nivolet hinüber ins Valle Orco führt. Dennoch hat man bei Wanderungen in der Gran-Paradiso-Region meist einen der Wege unter den Füßen, die zwischen 1861 und 1878 angelegt wurden, damit der König und seine adligen Gäste ohne vom Pferd zu steigen hochgelegene Jagdsitze erreichen oder Pässe überwinden konnten.

aus: Marco Giacometti (Hrsg.), Von Königen und Wilderern
aus: Von Königen und Wilderern. Mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Marco Giacometti

Wir treffen in den Westalpen zwischen Aostatal und Ligurischen Alpen permanent auf Hinterlassenschaften des Monarchen (von 1849 bis 1861 des Königreichs Piemont-Sardinien, danach erster König des vereinten Italiens). Jedoch nicht denen des Staatsmannes (Vielleicht stimmt ja der Gossip, nachdem sein Il Re Cacciatore - Vittorio Emanuele II Ministerpräsident Camillo Benso di Cavour den König und dessen unstandesgemäße Geliebte Rosa Vercellana ohnehin nur ungern in der Hauptstadt Turin sah?), sondern denen des leidenschaftlichen Jägers Vittorio Emanuele II., des „Re Cacciatore“.

Il Re Cacciatore
Anfang des 19. Jahrhunderts waren Steinböcke fast ganz aus den Alpen verschwunden. Sie waren als Fleischlieferant und wegen ihrer Bedeutung in der Volksmedizin (Steinbockblut gegen Blasensteine, sein Kot gegen Schwindsucht, die Bezoarsteine – Kugeln aus Haaren, Harzen und Steinen im Magen – als Hilfe gegen Krebs, etc. etc.) schonungslos gejagt und fast vollständig ausgerottet worden. Nur im italienischen Gran-Paradiso-Gebiet hatte eine kleine Restpopulation die flächendeckenden Bejagungen überlebt. Man spricht von ca. 100 Tieren. Per Gesetz wurde deshalb 1821 der Steinbock im gesamten Gebiet Savoyens unter Schutz gestellt. Was zwar ein Meilenstein in der Geschichte des europäischen Naturschutzes gewesen sein mag, den Bestand wegen fehlender Überwachungsmöglichkeiten aber wohl nicht hätte sichern können. Auch wer wie wir der Jagd nichts abgewinnen kann (ein Besuch im Schloss von Sarre, woCastello Sarre
mit freundlicher Genehmigung: Zoologisches Museum der Universität Zürich

Ornamente aus 1019 Steinbock- und 787 Gamshörnern  Decken und Wände des großen Saals fast vollständig bedecken, hinterlässt einen bizarren Eindruck), kommt nicht umhin zu konstatieren, dass die Rettung der Population nur durch die Einrichtung von königlichen Jagdrevieren, die damit verbundene Hege und strenge Limitierung von Abschüssen gelingen konnte.

Ab 1856 erwarb Vittorio Emanuele II. Grundstücke im Gran-Paradiso-Gebiet, zunächst am Colle del Nivolet, dann im Valsavarenche, im Val di Cogne, im Val di Rhêmes, im Val di Champorcher und in den (heute) piemontesischen Tälern von Orco und Soana. In all diesen Gebieten wurden Jagdhäuser errichtet, und der Ausbau des alle Jagdgebiete miteinander verbindenden Wegenetzes begann 1861. Insgesamt 340 Kilometer Jagdwege bis auf eine Höhe von 3.296 m (Col Lauson, auch: Col Loson), alle zwischen 1 m und 2,5 m breit und für Pferde zu bewältigen, wurden angelegt. Deren Bau und Unterhalt – wie auch der Ankauf/ die Pacht für die Jagdgebiete aus Privatvermögen gezahlt – soll den König ein Vermögen gekostet haben.
Wer Einzelheiten darüber erfahren möchte, findet sie und viele interessante Hinterrundgeschichten im 2006 erschienenen Buch (Hrsg. Marco Giacometti) „Von Königen und Wilderern“ im Kapitel ‚Königliche Jagden im Gran Paradiso‘, das Pietro Passerin d’Entrèves, Professor für Zoologie an der Universität Turin und Rektor der Universität des Aostatales, verfasst hat.

Wandern auf ehemals königlichen Jagdsteigen
Wurden die ersten Jagden noch im – vom Eingang des Aostatals am schnellsten erreichbaren – Val di Champorcher abgehalten,  Rifugio Vittorio Emanuele, CAI verlagerte sich deren Zentrum immer mehr ins Valsavarenche. Kein Wunder also, dass die heute klassische Aufstiegsroute zur Besteigung des Gran Paradiso nicht nur über einen ehemaligen Jagdsteig führt, sondern das Rifugio unterhalb seines Gipfels auch nach Vittorio Emanuele II. benannt ist. Genau wie das alte Rifugio direkt daneben, die frühere Casa Reale di Caccia di Montcorvé.
Zu Jagdzwecken angelegte Infrastruktur nutzt im 21. Jahrhundert auch, wer von Pont aus, dem letzten mit dem Auto  anfahrbaren Ort im Rifugio SavoiaValsavarenche, hinauf zur Nivolet-Hochebene geht. Dort im Herzen des 1922 gegründeten Nationalparks – dem Enkel des Jägerkönigs war die Anfahrt von Rom aus zu weit und  er überschrieb das Jagdrevier dem Staat – wird das ehemalige Jagdhaus seit 1921 als Rifugio Savoia betrieben. Eine andere Casa di Caccia im Valsavarenche steht in Orvieille, heute von den Parkwächtern genutzt. Eine Mulattiera Reale führt von Dégioz durch den Bois de Fontaines zu dem 1862 errichteten Jagdhaus.
Auf der anderen Talseite kann man vom Valsavarenche ins Val di Cogne überwechseln. Die in den wohl bekanntesten Höhenweg des Aostatals, die Alta Via 2, eingebundene Strecke führt über Rifugio Vittorio Sella, CAI ehemalige Reitwege, den Col Lauson nutzend, geradewegs zur nächsten ehemaligen Casa di Caccia, die heute das nach dem großen Alpinfotografen Vittorio Sella benannte Rifugio beheimatet. Usw.usw. usw.
Wir belassen es an dieser Stelle bei diesen wenigen Hinweisen zu attraktiven Wandertouren im Gran-Paradiso-Gebiet, werden aber nach und nach die eine und die andere über königliche Reitwege verlaufende Route detailliert beschreiben.

Randnotiz: Auch zu Lebzeiten von Vittorio Emanuele II. waren diese Wege allen frei zugänglich. Gesperrt waren sie lediglich zur Jagdzeit. Und der König soll es gern gesehen haben, dass Alpinsten sie als Anmarschrouten für ihre Bergtouren nutzten.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

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