Archiv der Kategorie: Susatal

Aus Chiomonte im Susatal kommt der vermutlich kostbarste und bestgeschützte Wein der Alpen

Armee und Carabinieri am Weinberg
Einen knapp 6-stelligen Betrag lässt es sich der italienische Staat seit drei Jahren täglich kosten, die Baustelle für einen der Zugangsstollen zum geplanten Basistunnel der Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Turin und Lyon bei Chiomonte bewachen zu lassen.

NO TAV - Baustelle bei Chiomonte - Foto: © Wolfram Mikuteit

Durch dieses Areal, die bestgesicherte Baustelle Italiens bereits lange bevor dort die ersten Arbeiten begannen, müssen auch die Winzer von Chiomonte, um zu ihren Weinbergen zu gelangen.

Was das bedeutet, ist in der Glosse des aktuellen alpMedia Newsletter der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA nachzulesen, die wir hier mit freundlicher Genehmigung wiedergeben:

„Oh!…
… wahrscheinlich ist es der kostbarste, ja sogar der bestgeschützte Wein in den Alpen.

Denn die Weinberge in Chiomonte – einem kleinen Bergdorf im piemontesischen Susa-Tal – kann nicht jeder betreten. Ein Personalausweis ist mindestens erforderlich, meist braucht es einen Passagierschein des Präfekten, also des Vertreters des Staats, und eine Sondergenehmigung der Quästur, also der Polizei. Diese Zugangsbeschränkung gilt nicht etwa nur für die protestierenden GegnerInnen der Hochgeschwindigkeitsbahn Lyon-Turin. Auch BäuerInnen, WinzerInnen und ErntehelferInnen brauchen eine Genehmigung, um sich in der Nähe der Baustelle des Basistunnels in ihrem Acker aufhalten zu können. Nur gut, dass der Laden der ebenfalls durch Heer und Polizei gesicherten Kellerei in das frei zugängliche Dorf verlegt wurde. So können WeinkennerInnen und Genussmenschen eine von 25’000 jährlich abgefüllten Flaschen aus einem der geschütztesten und höchstgelegenen Anbaugebiete Europas sicher erwerben.“

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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NO TAV im Jahr 2014: Hohe Schadensersatzforderungen sollen den Widerstand brechen

215.000 Euro sind kein Pappenstiel!

„Durch das Susatal zu kommen und nicht auf die ‚NO TAV‘-Bewegung aufmerksam zu werden, ist schlicht unmöglich. Knapp und kategorisch bringt die Bevölkerung des Tales damit zum Ausdruck, was sie verhindern will: den Treno ad alta velocità, beziehungsweise die Bauvorhaben, die hier geplant sind, um die Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Turin und Lyon zu realisieren“, schrieben wir bereits vor 6 Jahren.

 

 

Damals berichteten wir über die Aktion Io ho comprato un posto in prima fila, mit der am 30. März 2008 in Chiomonte im oberen Susatal 1.250 Menschen zu neuen Grundbesitzern wurden: Sie hatten entlang der geplanten Bahntrasse jeweils einen Quadratmeter Land erworben – Kaufpreis: 15 Euro – und stellten sich damit bei etwaigen Enteignungsverfahren ‚in die erste Reihe‘.

Mit vielen friedlichen Großdemonstrationen, mit der Ausrichtung des “Forum gegen unnütze Großprojekte”, das unter Beteiligung auch vieler S-21-Gegner vom 26. bis 30. August 2011 in Bussoleno stattfand, mit dem Aufbau von Hüttendörfern und Mahnwachen und phantasievollen Protestaktionen wie auch weiteren Landaufkäufen wehrt sich die Bevölkerung des Susatals mit friedlichen Mitteln gegen dieses völlig sinnentleerte Projekt, das ihr Tal über Jahrzehnte hinweg in eine Großbaustelle verwandeln soll.

Ein „Laboratorium der Basisdemokratie“ nannte Marco Revelli von der Università degli Studi del Piemonte Orientale das piemontesische Susatal. Als „Terroristen“ hingegen, die das Tal in ein Bürgerkriegsgebiet verwandeln, werden sie gern von italienischen Presseagenturen bezeichnet, die anhand von Ausschreitungen einiger Weniger den Presseleuten im In- und Ausland den richtigen reißerischen  „Aufhänger“ liefern.

Der Versuch, die gesamte NO-TAV-Bewegung zu kriminalisieren, hat sich in vielen Verfahren niedergeschlagen. Ohne den Widerstand jedoch brechen zu können.

Ein neues Instrument, mit dem versucht wird, der Bewegung die Unterstützung zu entziehen, stellen zivile Schadensersatzklagen dar: Der italienisch-französischen Betreibergesellschaft LTF (Lyon Turin Ferroviaire) wurden Schadensersatzansprüche zugesprochen, die sich mit allen durch den Prozess entstandenen Kosten auf 215.043,82 Euro belaufen. Zur Zahlung verurteilt wurden Alberto Perino, einer der Sprecher der NO-TAV-Bewegung, Loredana Bellone, die Bürgermeisterin von San Didero und Giorgio Vair als Verantwortliche für die – übrigens wieder ganz friedlich verlaufene – Besetzung eines Areals am 11. und 12. Januar 2010, auf dem nahe Susa eine Probebohrung vorgenommen werden sollte.

Das von der Aktion aufgenommene Video zeigt, wie Alberto Perino den Betreibervertretern sehr höflich klarmachte, dass hier die Talbevölkerung ihr Recht auf zivilen Ungehorsam wahrnahm:

Spendenaktion und landesweite Solidarisierung

Die zur Aufbringung der Summe ins Leben gerufene Spendenaktion hat bisher 121.625,67 Euro eingebracht (Stand: 5. Februar 2014 abends).
Nur noch 10 Tage verbleiben für die Sammlung der noch fehlenden 100.000 Euro.

Spendenkonto:
DAVY PIETRO CEBRARI MARIA CHIARA
IBAN IT22L0760101000001004906838
BIC/SWIFT: BPPIITRRXXX

Und wenn sich in Italien am 22. Februar 2014 landesweit Menschen zum nationalen Tag des Widerstands gegen Hochgeschwindigkeitsprojekte treffen und ihre Solidarität mit der NO-TAV-Bewegung bekunden, können sie gemeinsam feiern, dass dieser seit über 20 Jahren bestehenden Bewegung auch mit überzogenen Schadensersatzforderungen nicht beizukommen ist.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

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Susatal – Forte di Exilles vorübergehend geschlossen

Das gewaltige Forte di Exilles, das auf einem Felssporn zwischen Susa und Salbertrand am Zugang zum oberen Susatal steht, ist immer einen Besuch wert. Wer sich für Alpenfestungen und deren stets ‚wechselvolle Geschichte‘ interessiert, wird sich die Anlage nicht entgehen lassen wollen, in der zudem – als ‚Sahnehäubchen’ – das Museo Nazionale della Montagna des Club Alpino Italiano (CAI) Turin ein äußerst sehenswertes Museumsareal eingerichtet hat:


Wer auch immer die Region gerade beherrschte, machte sich die strategisch günstige Lage nutzbar und baute hier Befestigungsanlagen, sodass das heutige Fort auf den Ruinen all seiner Vorgänger steht. Nach Kelten, Römern und den Herrschern der Dauphiné waren es im 16. Jahrhundert die Baumeister der französischen Könige Heinrich IV. (Jean de Beins) und Ludwig XIV. (Vauban), die Pläne lieferten für den Bau einer richtigen Sperranlage – die dann doch dem Ansturm der Savoyer nicht standhielt, was u.a. dazu führte, dass mit dem Frieden von Utrecht 1713 die Franzosen das obere Susatal verloren und nun die Baumeister der savoyischen Könige in Exilles weiterbauten. Bis die napoleonischen Truppen kamen und die Anlage kurzerhand schleiften, wofür sie immerhin zwei Jahre benötigten (1796 –1798). Mit dem Sturz Napoleons und der Wiederherstellung der ‚alten Ordnung‘ fiel die gesamte Region an Savoyen zurück, das sich nun dank der gewaltigen Reparationszahlungen, die Frankreich auferlegt wurden, große neue Festungsanlagen erlauben konnte, getreu dem Motto „in jedem Tal ein Fort“. Neben Exilles u.a. auch die Festungen Fenestrelle im Chisone- und Esseillon im Arctal.

Von einigen später vorgenommenen Änderungen abgesehen, entspricht das heutige Forte di Exilles dieser in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebauten Anlage.


Ab heute (21. Mai 2013) ist das Forte di Exilles allerdings geschlossen – vorübergehend, wie wir hoffen:
Kaum ist der neue Fahrstuhl eröffnet worden, für den die Region Piemont in den vergangenen Jahren 5 Millionen Euro ausgegeben hat, stehen Zahlungsverpflichtungen für den laufenden Unterhalt aus. Was nun zur Schließung führte.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Der Schwur von Garda

Giuramento della Garda, 8. Dezember 1943

Neben den 23 dort beschriebenen Wandertouren haben wir in unserem Buch ‚Partisanenpfade im Piemont‘ auch eine Vielzahl von Erinnerungsplätzen aufgeführt, die mühelos ganz ohne körperliche Anstrengungen besucht werden können. So auch den kleinen ‚Parco della Memoria‘ bei San Giorio di Susa, wo bei der ‚Commemorazione Giuramento della Garda‘ unter dem Motto „Ieri, ora e sempre Resistenza“ auch in diesem Jahr wieder viele NO-TAV-Fahnen wehen werden.

8. Dezember 1943 - der "Schwur von Garda" - die Geburtsstunde der Resistenza im Susatal - Foto: © Wolfram Mikuteit Unmittelbar nach der Proklamation des italienischen Waffenstillstandes am 8. September 1943 hatten sich um Carlo Carli, Egidio Liberti, Walter Fontan, Felice Cima und Marcello Albertazzi im unteren Susatal erste Widerstandsgruppen, ‚le prime bande‘, gebildet. Aufgrund der von ihnen verübten Sabotageakte auf die für die Deutschen strategisch extrem wichtige Eisenbahnverbindung Turin – Modane, Brücken und Telegrafenleitungen, wurden Teile der Region bereits Ende Oktober 1943 zum ‚Bandengebiet‘ erklärt.

Die offizielle Geburtsstunde der Resistenza im Susatal wird auf den 8. Dezember 1943 datiert. An diesem Tag versammelten sich die Männer, die sich nun nicht mehr ‚Rebellen‘ oder ‚Patrioten‘, sondern ab jetzt ‚Partisanen‘ nannten, auf einer Lichtung bei Martinetti oberhalb von San Giorio di Susa. Don Francesco Foglia – wegen seiner Erfahrungen im Umgang mit Sprengstoff auch ‚Don Dinamite‘genannt – zelebrierte die Messe. Danach legten die Männer den Schwur von Garda ab: Sie schworen auf die mitgeführte italienische Trikolore, so lange gegen den Nazi-Faschismus zu kämpfen, bis das Land befreit wäre.

Im Jahr 2004 wurde an dieser Stelle eine Erinnerungsstätte eingerichtet. Dieser kleine ‚Parco della Memoria‘ ist über einen einstündigen durch Kastanienwald führenden Rundweg erreichbar. Anfahrt ab San Giorio di Susa über die Weiler Martinetti und Vietti auf der Straße nach Pognant. Kurz hinter Vietti beginnt der ‚Sentiero della Memoria‘an einer links abzweigenden Forststraße. Dem Hinweisschild zum ‚Pilone di Garda‘ folgen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

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NO TAV: Wieder über 1.000 neue Grundbesitzer im Susatal

Ein «Laboratorium der Basisdemokratie» nannte Marco Revelli von der Università degli Studi del Piemonte Orientale kürzlich das piemontesische Susatal. Er weiß, wovon er spricht, nicht nur als Politikwissenschaftler: Er gehörte zu den Protagonisten der Turiner StudentInnenbewegung und war auch an den großen Fiat-Streiks von 1980 beteiligt.

Die Ursprünge dieses «Laboratoriums» entstanden Ende der achtziger Jahre. Damals reifte bei den Behörden der Plan, durch das von einer Autobahn, Staatsstraßen und der TGV-Eisenbahnlinie bereits stark belastete enge Susatal zusätzlich eine Hochgeschwindigkeitslinie (Treno ad Alta Velocità,TAV) zwischen Turin und Lyon zu führen. Dafür ist einer der längsten Basistunnel im Alpenraum notwendig, mit dessen Bau auf die Bevölkerung eine nicht abschätzbare Schadstoffbelastung zukäme: Der Tunnel soll auch durch asbest- und uranhaltiges Gestein getrieben werden.

Hüttendörfer und Mahnwachen

Seit über zwanzig Jahren kämpft die Bevölkerung des Susatals zusammen mit lokalen PolitikerInnen und verschiedenen Umweltorganisationen gegen dieses unsinnige Großprojekt. Um die drohende Zerstörung ihres Tales zu verhindern, haben sich die TAV-GegnerInnen – flankiert von vielen WissenschaftlerInnen – ein breites Wissen aufgebaut. Sie verweisen auf die Möglichkeit, die bereits vorhandene Bahnlinie auszubauen; sie ließen Kosten-Nutzen-Analysen anfertigen und zeigten die langfristigen Folgen für Bevölkerung, Umwelt, lokale Betriebe und Tourismus auf; sie wandten sich an ihren Staatspräsidenten; und sie sammelten Unterschriften, die dem Petitionsausschuss der Europäischen Kommission in Straßburg übergeben wurden, da die EU das TAV-Projekt mitfinanziert.

Alle Entscheidungen der TAV-GegnerInnen werden in großen BürgerInnenversammlungen gefällt und im Konsens getragen. Übrigens nicht nach dem Sankt-Florians-Prinzip: Längst haben sie sich international vernetzt, arbeiten zusammen mit Initiativen aus Deutschland, Frankreich, dem Baskenland und England und waren (wir berichteten) Ausrichter des 1. Europäischen Forums gegen unnütze Großprojekte.

Die BewohnerInnen des Tals haben seit Beginn ihres Kampfes nicht nur jeden erdenklichen Weg durch die Institutionen beschritten. Sie waren auch sehr fantasievoll in ihren Aktionen: So haben sie überall im Tal Hüttendörfer und Mahnwachen errichtet. Und bereits dreimal haben sie an mutmaßlichen Einstichstellen für Erkundungsstollen – die BetreiberInnen nehmen laufend Änderungen an der geplanten Trassenführung vor – Grundstücksparzellen erworben, um sich damit bei den zu erwartenden Enteignungsverfahren unter dem Motto „compra un posto in prima fila“ in die erste Reihe zu stellen.

Korrekt enteignen

Ende Oktober fand nun die vierte NO-TAV-Landerwerbsaktion statt. Diesmal in Susa, nur einen Steinwurf entfernt von dem Areal, auf dem der neue internationale Bahnhof von Susa entstehen soll. Während landesweit immer mehr lokale – gerade für die PendlerInnen wichtige – Bahnstrecken stillgelegt werden, soll hier für 48,5 Millionen Euro nach den Plänen des japanischen Architekten Kengo Kuma ein Prachtbau für die TAV-Strecke errichtet werden, obwohl deren Trassenführung noch immer unklar ist. Erst im nächsten Jahr soll das Projekt von der italienisch-französischen Betreibergesellschaft LTF (Lyon Turin Ferroviaire) öffentlich vorgestellt werden.

Dass das umstrittene, allein für Italien über zehn Milliarden Euro teure Bauvorhaben nicht zur Disposition stehe, machte der ansonsten so sparfreudige Regierungschef Mario Monti gleich zu Beginn seiner Amtszeit klar. Und bekräftigte dies im September erneut bei einem Gipfel mit seinem französischen Amtskollegen François Hollande.

Und so fanden sich am 28. Oktober 2012 bei strömendem Regen über tausend Menschen ein, um vor einem Notar einen Eintrag ins Grundbuch vorzunehmen. Der Charme dieses Instruments aus dem «Laboratorium der Basisdemokratie» liegt in der Bildung einer einzigen EigentümerInnengemeinschaft mit möglichst vielen Mitgliedern. Denn enteignet werden kann schnell, doch jedes Mitglied muss schriftlich und vor allem korrekt darüber informiert werden. «Und wenn dabei auch nur ein Name verkehrt geschrieben wurde, wenn auch nur eine einzige Ziffer der Steuernummer falsch ist – dann ist die gesamte Enteignung ungültig», erläutert Alberto Perino, Sprecher der NO-TAV-Bewegung.

1056 Personen haben an jenem Tag persönlich oder per Procura die notarielle Urkunde unterzeichnet, zieht Perino am Abend dann das Fazit. Und fügt hinzu: «Ein weiteres Sandkorn, das ins Getriebe des TAV geworfen worden ist.»

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

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