Mit der Casa Cantoniera gibt es endlich ein Rifugio auf dem Assiettakamm

„Hier oben sollte man übernachten können. Warum kommt niemand auf die Idee, die toll gelegene Casa Cantoniera zum Rifugio auszubauen? Nicht nur eine grandiose Aussicht, sondern sogar einen Bootssteg gibt es hier auf über 2.500 Meter Höhe. Wanderer, was willst Du mehr?“
Wie sich jetzt herausstellt, waren wir nicht die Einzigen, die sich diese Frage stellten:
Lago dell'Assietta Am 15. Juli 2012 wird die ‚Casa Assietta’ am kleinen, eher tümpelgleichen Lago dell’Assietta feierlich eingeweiht und das 122 Jahre alte Gebäude (in renoviertem Zustand) seiner neuen Bestimmung als bewirtschaftetes Rifugio übergeben.
Das im Jahr 1890 vom Militär errichtete Haus, das später den Straßenbauern als Lagerraum diente, steht auf dem breiten Kamm zwischen Susa- und Chisonetal und bietet 18 Schlafplätze. Was besonders Wanderer auf der Grande Traversata delle Alpi (GTA) und dem blauen Weg der Via Alpina erfreuen wird, die nun die lange Etappe von Salbertrand nach Usseaux hier oben unterbrechen können.

Die Freie Partisanenrepublik Val Chisone
Damit ergibt sich endlich auch die Möglichkeit, den Assiettakamm etwas genauer zu erkunden. Denn dort, wo bereits im Jahre 1747 während des Österreichischen Erbfolgekrieges zahlenmäßig stark unterlegene Piemonteser angreifende Franzosen zurückschlugen, hatten knapp zwei Jahrhunderte später auch die Partisanen der ‚Divisione Autonoma Val Chisone’ Stellung bezogen, um die Außengrenzen ihrer ‚Repubblica Libera’ zu sichern.
Manche wissen, dass es im Sommer und Herbst 1944 im Piemont sogenannte Freie Republiken gegeben hat. Von deutschen Besatzern und Mussolinis RSI-Armee vollständig befreite Gebiete, in denen die Partisanen für kurze Zeit die Macht übernommen hatten. Befreite Zonen, in denen ein Teil der Partisanen ihre Waffen kurzfristig beiseitelegten, sich administrativen Aufgaben zuwandten und mit Hilfe des Nationalen Befreiungskommitees (CLN) eine Selbstverwaltung aufbauten. Die bei uns bekanntesten dieser Freien Republiken im Piemont sind die von Ossola und Alba. Letztere hatte bereits im Jahr 1952 Beppe Fenoglio
mit seiner Erzählung ‚I ventitré giorni della città di Alba’ (Die 23 Tage von Alba) bekannt gemacht.
Die ‚Repubblica Libera Val Chisone’ hingegen ist im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannt. Dabei hatte sie länger Bestand als jene von Ossola und Alba. Am 4. Juni 1944, direkt nach der Befreiung Roms durch die Alliierten, hatte der CLN einen Appell an die Partisanen gerichtet und zu einer Großoffensive aufgerufen. Kurz darauf konnten die Partisanen, vorwiegend versprengte Soldaten und Offiziere der aus Frankreich zurückgekehrten 4. Armee unter Führung von Maggiorino Marcellin, Erfolg melden: Der gesamte obere Bereich des Chisonetals zwischen Perosa Argentina und Sestriere wurde zur befreiten Zone erklärt.
Als die Nazis das Gebiet vom Susatal her im Rahmen der Operationen ‚Sperber’ und ‚Nachtigall’ zurückerobern wollten, Blick vom Monte Triplex auf Passo und Monte Chaberton Blick vom Monte Triplex auf Passo und Monte Chaberton

kam es am Monte Triplex und Monte Genevris zu Gefechten. Wer von der ‚Casa Assietta’ ein Stück weit auf der Strada dell’Assietta in Richtung Sestriere geht, findet an der Verzweigung zum Monte Genevris zwei schlichte Holzkreuze: Eines für Mario Costa, das andere für Pietro Ploto, zwei junge Männer, die bei den Gefechten am Monte Genevris am 2. August 1944 starben. Folgt man der schmalen Piste hinauf zum Faro degli Alpini, einem Aussichtspunkt par excellence, erreicht man in wenigen Minuten ein Kreuz mit einer kleinen Gedenktafel. Darauf eingelassen das Gedicht ‚Le fior dij Patriòta’ vom piemontesischen Heimatdichter Nino Costa, Marios Vater.

In unserem Buch ‚Partisanenpfade im Piemont’ beschreiben wir die gesamte Strecke entlang der hochattraktiven Strada dell’Assietta mit all ihren Höhenpunkten. Und auch im Val Troncea, in das sich die Partisanen Anfang August 1944 vor den Angreifern zurückzogen, bevor sie das Gebiet der ‚Repubblica Libera Val Chisone’ in Richtung Frankreich verlassen mussten, haben wir zwei hochattraktive Touren angesiedelt.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

 

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Übernachten, Chisonetal, Cottische Alpen, Susatal, Tronceatal

3 Antworten zu “Mit der Casa Cantoniera gibt es endlich ein Rifugio auf dem Assiettakamm

  1. Ich habe gerade nachgeschaut – mittlerweile hat das Rifugio auch eine Homepage: http://www.rifugioassietta.eu:
    Bedingt durch die Schneelage hat die Casa Assietta dieses Jahr erst am 13. Juli aufgemacht.
    Sabine

  2. Patrick

    Ich war am Montag, den 8. Juli 2013, bei der Casa Cantoniera und sie war leider ohne irgendeinen Hinweis geschlossen.

  3. Einen Internet-Auftritt hat das neue Rifugio noch nicht – aber seit gestern abend einen Telefonanschluss:
    +39 0122 456117

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