Archiv der Kategorie: Susatal

Auf den Rocciamelone – höchster Wallfahrtsberg der Alpen

Dieser auch für Wanderer problemlos zugängliche Dreitausender bietet an klaren Tagen ein kaum zu überbietendes 360-Grad-Panorama über den gesamten Westalpenbogen sowie ins nur 7 km Luftlinie entfernte, aber 3000 m tiefer liegende Susatal.

Rocciamelone, 3.538 m - Foto: © Wolfram Mikuteit

Auf dem Gipfelplateau, das mehrere Hundert Pilger aufnehmen kann, steht oberhalb des Bivacco die Statue der Madonna della Neve. Geweiht wurde sie am 28. August 1899.

Große Hinweisschilder weisen an der Nordseite des Parkplatzes (2.069 m) auf der Hochebene von La Riposa zu den Zielen „Cà d’Asti“ und „Rocciamelone“. Hier beginnt der bis hinauf zum Gipfel führende Weg „558“. Er verläuft zunächst über Wiesen in nordöstlicher Richtung. Nach ungefähr 20 Minuten weist an einem Brunnen ein unscheinbares Holzschild rechts zum Rifugio La Riposa, das in wenigen Minuten erreichbar wäre.
Wir gehen an diesem Brunnen geradeaus weiter und folgen der rot-weißen Markierung aufwärts. Der mäßig steile und breite Weg windet sich in Kehren den Bergrücken hinauf und erfordert nur wenig Konzentration, was viele Gelegeheiten verschafft, das Panorama ausgiebig zu würdigen. Neben dem immer näher rückenden Gipfel des Rocciamelone  im Norden und der Gipfelkette von Monte Orsiera, Punta Cristalliera und Monte Rocciavrè mit dem Colle delle Finestre im Süden fasziniert vor allem der Blick aus der Vogelperspektive 2.000 m hinab ins Susatal.

Vorbei an der Quelle Fontana Taverna, auf 2.476 m an einer ausladenden Kehre gelegen, ist im weiteren Aufstieg im Süden erstmals der Monviso erkennbar, der höchste Berg der Cottischen Alpen.

Auf ca. 2.800 m zweigt rechts ein ebenfalls rot-weiß markierter schmaler Pfad ab, über den hangparallel der östlich gelegene Colle della Croce di Ferro ( 2.558 m) erreicht werden kann. Weiter auf dem Hauptweg gelangen wir kurz danach an das Rifugio Cà d’Asti, das auf 2.854 m auf einem ockergelben Felsvorsprung steht.

Auf dem kleinen, recht zugigen Plateau wurde im Jahr 1419 die erste, damals noch hölzerne Schutzhütte auf italienischem Boden errichtet. Die damaligen Bergwanderer waren Wallfahrer. Den Anfang machte machte Bonifacio Rotario d’Asti, der, vermutlich um ein Gelöbnis einzulösen, am 1. September 1358 den Gipfel des Rocciamelone bestieg und dort ein Madonnen-Triptychon aufstellte. Noch immer zieht es jedes Jahr am 5. August Pilger auf den Gipfel, die hier noch einmal Rast machen können. Heute betreibt die Diözese Susa auf dem Felsvorsprung das in den 1980er-Jahren erbaute Rifugio Cà d’Asti. Gleich daneben steht die 1798 errichtete Capella di Rotario. Neben der Aussicht sind es vor allem die alpingeschichtlichen Superlative, die so viele nach oben locken: Der Rocciamelone gilt als der erste richtige Alpengipfel, der aus nichtwirtschaftlichen Gründen bestiegen wurde; und wo heute das Rifugio Cà d’Asti steht, wurde einst das erste Bivacco Italiens errichtet.

Direkt hinter dem Rifugio setzt sich der Pfad zum Gipfel fort, stets gut erkennbar, direkt und alternativlos. Vorbei an den letzten Grasbüscheln, die sich im lockeren Gestein noch halten konnten, geht es mäßig steil auf einem ausgetretenen Pfad durch Schutt und leichtes Blockgestein weiter zum Gratabsatz La Crocetta auf 3.306 m. Auf dem Platz neben dem massiven, weithin sichtbaren Sockel für das namensbegende Kreuz bietet sich noch die Möglichkeit zu einer Rast, bevor der Weg im weiteren Verlauf steiniger, steiler und auch ausgesetzter wird.
Knapp 150 m unterhalb des Gipfels ist erstmals der Lago di Malciaussia im nördlich gelegenen Viùtal  zu erkennen. Kurz dahinter beginnt die Seilsicherung, die erst endet, wenn an der Büste von Vittorio Emanuele II., dem ersten König des vereinten Italien, der Gipfel des Rocciamelone mit 3.538 m erreicht ist.

Auf dem Gipfelplateau, das mehrere Hundert Pilger aufnehmen kann, steht das 1923 von der Organisation Giovane Montagna errichtete Bivacco Santa Maria mit der Kapelle. In deren Innerem befindet sich heute nur noch eine Kopie des Madonnen-Triptychons. Das Original wurde bereits im Jahre 1673 ins Tal gebracht. Dafür steht – etwas höher – die Statue der Madonna della Neve. Die bronzene drei Meter hohe Madonna wurde nach einer spektakulären Sammelaktion unter 130.000 Kindern in ganz Italien, den „Bimbi d’Italia“, vom Turiner Bildhauer Giovanni Antonio Stuardi geschaffen, nach Susa transportiert und anschließend von 24 italienischen Gebirgsjägern in Einzelteilen auf den Gipfel getragen. Die Weihe fand am 28. August 1899 statt.

Die bereits beim gesamten Aufstieg fantastische Aussicht wird hier nun um die nach Norden bereichert. Die im Jahr 2008 aufgestellte Orientierungstafel hilft immens bei der Bestimmung der einzelnen Gipfel: Das 360-Grad-Panorama reicht an klaren Tagen nach Norden über den Glacier de Rochmelon bis zu Mont-Blanc-Massiv und Gran Paradiso. Im Westen ragt hinter dem Mont-Cenis-Stausee das Vanoise-Massiv mit Grand Casse, Grande Motte und dem vergletscherten Dôme de Chasseforêt auf. Nach Süden schauf man weit hinein in das 3.000 m tiefer liegenden Susatal, wobei die Aussicht vom Mont Chaberton im oberen Talabschnitt bis zur Sacra di San Michele am Talausgang und an klaren Tagen bis nach Turin reicht.

Länge / Dauer: gesamt 10,6 km, Aufstieg 4:30 Std, Abstieg 3:30 Std.
Markierung: sehr gute rot-weiße Markierung und Wanderwegweiser, problemlose Orientierung.
Anfahrt: Mit dem PKW von Turin auf der SS 25 bis Susa oder auf der A 55 bis Ausfahrt „Susa Est/Moncenisio“, weiter auf dem Corso Stati Uniti bis zum Schild „Rifugio Cà d’Asti“, dort rechts und der Beschilderung folgen. Die schmale Straße führt zunächst durch mehrere kleine Weiler und schraubt sich danach recht exponiert nach oben. Ab Susa 18 km, der letzte Kilometer ist geschottert, großer Parkplatz.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Grajische Alpen, Susatal

NO TAV – Europäische Unterstützung für das Bahnprojekt „Lyon-Turin“ bröckelt

Im neuesten CIPRA-Newsletter Nr. 10/2014 berichtet die Internationale Alpenschutzkommission über eine kürzlich veröffentlichte Studie zur alpinen Verkehrspolitik im Auftrag des Europäischen Parlaments. Die Ergebnisse zur TAV-Strecke durch das Susatal erstaunen uns nicht:

Viele Fragezeichen bei „Lyon-Turin“
„Das Fazit der Studie zur geplanten neuen Bahnstrecke zwischen Lyon und Turin ist ernüchternd. Zum einen wurden wichtige Meilensteine in der Planung eines solchen Grossprojekts übersprungen: Kosten und der Nutzen von alternativen Varianten wurden nie vergleichend untersucht, die gesetzlich vorgeschriebene Umweltverträglichkeitsprüfung wurde nicht durchgeführt laut der Richtlinie. Die erste öffentlich zugängliche Kosten-Nutzen-Analyse wurde erst 2012, also 20 Jahre nach Beginn der Planungen, von den Promotoren erstellt. Bis heute fehlt eine wirtschaftliche Analyse für den Zeitraum, in der die Strecke tatsächlich in Betrieb ist. Transparenz und Beteiligung der Öffentlichkeit sind mangelhaft. Zum anderen stellt die Studie die Notwendigkeit der neuen Bahnstrecke in Frage: Denn die Berechnungen sind falsch, gemäss derer immer mehr Güter auf dieser Strecke transportiert werden müssen. Ausserdem reichen die Kapazitäten der bestehenden Linie noch für die nächsten 20 Jahre aus. Die Europäische Kommission will das Projekt nun nicht mehr als Gesamtes finanzieren, sondern nur die Gelder für die jeweiligen Teilabschnitte freigeben. Michael Cramer, Vorsitzender des Verkehrsausschusses des Europäischen Parlaments, sieht in dieser Reaktion eine erste Distanzierung vom Projekt.“

Wir meinen: Das wird auch langsam Zeit.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter NO TAV, Susatal

Gedenkveranstaltung am Colle del Lys

Seit Jahrzehnten findet im Piemont jedes Jahr am ersten Juli-Wochenende eine Gedenkveranstaltung am Colle del Lys statt – dort wo unweit von Turin am Übergang zwischen Susa- und Viùtal am 2. Juli 1944 26 junge Männer einem blutigen Massaker zum Opfer fielen. Auch dieses Ereignis jährt sich – wie so viele andere – dieses Jahr zum 70. Mal.

70. Jahrestag des Massakers am Colle del Lys

Nachdem bereits Ende Juni 1944 Auskämmungsaktionen in verschiedenen Orten des Susatals stattfanden, stießen im Morgengrauen des 2. Juli 1944 deutsche und italienische SS-Truppen zum Colle del Lys vor. Sie näherten sich dem Pass von zwei Seiten, sowohl vom Viù- als auch vom Susatal. Ihr Ziel war die Zerschlagung der 17. Garibaldi-Brigade „Felice Cima“. Während heftiger Gefechte wurden sechs Partisanen getötet, die meisten anderen konnten sich in Richtung der schwer zugänglichen Region um den Monte Rognoso retten. Für 26 Männer gab es dagegen kein Entkommen. Sie waren erst kurz vorher aus der Ebene zu den Partisanen gestoßen und wussten weder, wie man sich im felsigen, unwegsamen Gelände zu bewegen hatte, noch trugen sie dafür das richtige Schuhwerk. Sie sahen sich außerstande, den anderen zu folgen und waren zur Umkehr gezwungen. Die Männer – die meisten waren unbewaffnet – wurden von den SS-lern gefasst, gefoltert und anschließend erschlagen. Erst zwei Tage später war es möglich, die schwer geschändeten Leichen zu bergen und in einem Massengrab beizusetzen.

Per non dimenticare – Orte der Erinnerung am Colle del Lys

1947 wurde am Colle del Lys eine erste kleine Gedenktafel für die Toten der 17. Garibaldi-Brigade „Felice Cima“aufgestellt. Als aber am 11. September 1955 – bereits mitten im Kalten Krieg und einige Jahre nach Aufspaltung der A.N.P.I. – der knapp acht Meter hohe Rundturm eingeweiht wurde, der heute das Wahrzeichen des Passes ist, wählte man einen anderen Ansatz: Seit damals wird nicht mehr nur der Opfer einer einzelnen Partisanenorganisation gedacht, sondern parteiübergreifend aller 2.024 Menschen aus den Valli di Lanzo, Susa, Sangone und Chisone, die während der 20 Monate des Widerstands gegen deutsche und italienische Faschisten ihr Leben verloren.

In diesem eher regionalen als organisationsbezogenen Sinn versteht sich auch das im Jahr 2000 in der ehemaligen Casa Cantoniera errichtete „Ecomuseo della Resistenza Carlo Mastri“. Zwar setzt die ständige Fotoausstellung ihren unübersehbaren Schwerpunkt auf die Geschichte der 17. Garibaldi-Brigade – Wechselausstellungen und Veranstaltungen widmen sich aber dem gesamten Komplex der Resistenza.

Gedenkveranstaltung 2014

Die diesjährige Gedenkveranstaltung beginnt am Samstag, den 5. Juli 2014, mit der Wanderung zum Colle della Portia, die wir auch in unser Buch „Partisanenpfade im Piemont“ aufgenommen haben. Die weiteren Programmpunkte können dem Veranstaltungsplakat entnommen werden.

Ein kleiner Hinweis noch zum Ehrengast der sonntäglichen Hauptveranstaltung Joseph Kaiser (VVN-BdA Ravensburg/Oberschwaben): Die VVN-BdA Ravensburg/Oberschwaben pflegt – wie auch die VVN-BdA Konstanz – intensive Kontakte zu ehemaligen WiderstandskämpferInnen, PartisanInnen, AntifaschistInnen und GewerkschafterInnen aus dem Piemont, die aus der Städtepartnerschaft Ravensburg-Rivoli vor über 30 Jahren hervorgegangen sind. So wie Elena Cattaneo, die Präsidentin des Comitato Resistenza Colle del Lys, im Mai mit ihrem Mann Franco Voghera zur Gedenkveranstaltung am KZ-Friedhof an der Birnau kam, ist auch dieses Jahr wieder eine Delegation der VVN-BdA Ravensburg/Oberschwaben am Colle del Lys dabei.

Plakat / Veranstaltungsprogramm als Download

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Resistenza, Susatal

Aus Chiomonte im Susatal kommt der vermutlich kostbarste und bestgeschützte Wein der Alpen

Armee und Carabinieri am Weinberg
Einen knapp 6-stelligen Betrag lässt es sich der italienische Staat seit drei Jahren täglich kosten, die Baustelle für einen der Zugangsstollen zum geplanten Basistunnel der Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Turin und Lyon bei Chiomonte bewachen zu lassen.

NO TAV - Baustelle bei Chiomonte - Foto: © Wolfram Mikuteit

Durch dieses Areal, die bestgesicherte Baustelle Italiens bereits lange bevor dort die ersten Arbeiten begannen, müssen auch die Winzer von Chiomonte, um zu ihren Weinbergen zu gelangen.

Was das bedeutet, ist in der Glosse des aktuellen alpMedia Newsletter der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA nachzulesen, die wir hier mit freundlicher Genehmigung wiedergeben:

„Oh!…
… wahrscheinlich ist es der kostbarste, ja sogar der bestgeschützte Wein in den Alpen.

Denn die Weinberge in Chiomonte – einem kleinen Bergdorf im piemontesischen Susa-Tal – kann nicht jeder betreten. Ein Personalausweis ist mindestens erforderlich, meist braucht es einen Passagierschein des Präfekten, also des Vertreters des Staats, und eine Sondergenehmigung der Quästur, also der Polizei. Diese Zugangsbeschränkung gilt nicht etwa nur für die protestierenden GegnerInnen der Hochgeschwindigkeitsbahn Lyon-Turin. Auch BäuerInnen, WinzerInnen und ErntehelferInnen brauchen eine Genehmigung, um sich in der Nähe der Baustelle des Basistunnels in ihrem Acker aufhalten zu können. Nur gut, dass der Laden der ebenfalls durch Heer und Polizei gesicherten Kellerei in das frei zugängliche Dorf verlegt wurde. So können WeinkennerInnen und Genussmenschen eine von 25’000 jährlich abgefüllten Flaschen aus einem der geschütztesten und höchstgelegenen Anbaugebiete Europas sicher erwerben.“

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter NO TAV, Susatal

NO TAV im Jahr 2014: Hohe Schadensersatzforderungen sollen den Widerstand brechen

215.000 Euro sind kein Pappenstiel!

„Durch das Susatal zu kommen und nicht auf die ‚NO TAV‘-Bewegung aufmerksam zu werden, ist schlicht unmöglich. Knapp und kategorisch bringt die Bevölkerung des Tales damit zum Ausdruck, was sie verhindern will: den Treno ad alta velocità, beziehungsweise die Bauvorhaben, die hier geplant sind, um die Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Turin und Lyon zu realisieren“, schrieben wir bereits vor 6 Jahren.

 

 

Damals berichteten wir über die Aktion Io ho comprato un posto in prima fila, mit der am 30. März 2008 in Chiomonte im oberen Susatal 1.250 Menschen zu neuen Grundbesitzern wurden: Sie hatten entlang der geplanten Bahntrasse jeweils einen Quadratmeter Land erworben – Kaufpreis: 15 Euro – und stellten sich damit bei etwaigen Enteignungsverfahren ‚in die erste Reihe‘.

Mit vielen friedlichen Großdemonstrationen, mit der Ausrichtung des “Forum gegen unnütze Großprojekte”, das unter Beteiligung auch vieler S-21-Gegner vom 26. bis 30. August 2011 in Bussoleno stattfand, mit dem Aufbau von Hüttendörfern und Mahnwachen und phantasievollen Protestaktionen wie auch weiteren Landaufkäufen wehrt sich die Bevölkerung des Susatals mit friedlichen Mitteln gegen dieses völlig sinnentleerte Projekt, das ihr Tal über Jahrzehnte hinweg in eine Großbaustelle verwandeln soll.

Ein „Laboratorium der Basisdemokratie“ nannte Marco Revelli von der Università degli Studi del Piemonte Orientale das piemontesische Susatal. Als „Terroristen“ hingegen, die das Tal in ein Bürgerkriegsgebiet verwandeln, werden sie gern von italienischen Presseagenturen bezeichnet, die anhand von Ausschreitungen einiger Weniger den Presseleuten im In- und Ausland den richtigen reißerischen  „Aufhänger“ liefern.

Der Versuch, die gesamte NO-TAV-Bewegung zu kriminalisieren, hat sich in vielen Verfahren niedergeschlagen. Ohne den Widerstand jedoch brechen zu können.

Ein neues Instrument, mit dem versucht wird, der Bewegung die Unterstützung zu entziehen, stellen zivile Schadensersatzklagen dar: Der italienisch-französischen Betreibergesellschaft LTF (Lyon Turin Ferroviaire) wurden Schadensersatzansprüche zugesprochen, die sich mit allen durch den Prozess entstandenen Kosten auf 215.043,82 Euro belaufen. Zur Zahlung verurteilt wurden Alberto Perino, einer der Sprecher der NO-TAV-Bewegung, Loredana Bellone, die Bürgermeisterin von San Didero und Giorgio Vair als Verantwortliche für die – übrigens wieder ganz friedlich verlaufene – Besetzung eines Areals am 11. und 12. Januar 2010, auf dem nahe Susa eine Probebohrung vorgenommen werden sollte.

Das von der Aktion aufgenommene Video zeigt, wie Alberto Perino den Betreibervertretern sehr höflich klarmachte, dass hier die Talbevölkerung ihr Recht auf zivilen Ungehorsam wahrnahm:

Spendenaktion und landesweite Solidarisierung

Die zur Aufbringung der Summe ins Leben gerufene Spendenaktion hat bisher 121.625,67 Euro eingebracht (Stand: 5. Februar 2014 abends).
Nur noch 10 Tage verbleiben für die Sammlung der noch fehlenden 100.000 Euro.

Spendenkonto:
DAVY PIETRO CEBRARI MARIA CHIARA
IBAN IT22L0760101000001004906838
BIC/SWIFT: BPPIITRRXXX

Und wenn sich in Italien am 22. Februar 2014 landesweit Menschen zum nationalen Tag des Widerstands gegen Hochgeschwindigkeitsprojekte treffen und ihre Solidarität mit der NO-TAV-Bewegung bekunden, können sie gemeinsam feiern, dass dieser seit über 20 Jahren bestehenden Bewegung auch mit überzogenen Schadensersatzforderungen nicht beizukommen ist.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter NO TAV, Susatal

Susatal – Forte di Exilles vorübergehend geschlossen

Das gewaltige Forte di Exilles, das auf einem Felssporn zwischen Susa und Salbertrand am Zugang zum oberen Susatal steht, ist immer einen Besuch wert. Wer sich für Alpenfestungen und deren stets ‚wechselvolle Geschichte‘ interessiert, wird sich die Anlage nicht entgehen lassen wollen, in der zudem – als ‚Sahnehäubchen’ – das Museo Nazionale della Montagna des Club Alpino Italiano (CAI) Turin ein äußerst sehenswertes Museumsareal eingerichtet hat:


Wer auch immer die Region gerade beherrschte, machte sich die strategisch günstige Lage nutzbar und baute hier Befestigungsanlagen, sodass das heutige Fort auf den Ruinen all seiner Vorgänger steht. Nach Kelten, Römern und den Herrschern der Dauphiné waren es im 16. Jahrhundert die Baumeister der französischen Könige Heinrich IV. (Jean de Beins) und Ludwig XIV. (Vauban), die Pläne lieferten für den Bau einer richtigen Sperranlage – die dann doch dem Ansturm der Savoyer nicht standhielt, was u.a. dazu führte, dass mit dem Frieden von Utrecht 1713 die Franzosen das obere Susatal verloren und nun die Baumeister der savoyischen Könige in Exilles weiterbauten. Bis die napoleonischen Truppen kamen und die Anlage kurzerhand schleiften, wofür sie immerhin zwei Jahre benötigten (1796 –1798). Mit dem Sturz Napoleons und der Wiederherstellung der ‚alten Ordnung‘ fiel die gesamte Region an Savoyen zurück, das sich nun dank der gewaltigen Reparationszahlungen, die Frankreich auferlegt wurden, große neue Festungsanlagen erlauben konnte, getreu dem Motto „in jedem Tal ein Fort“. Neben Exilles u.a. auch die Festungen Fenestrelle im Chisone- und Esseillon im Arctal.

Von einigen später vorgenommenen Änderungen abgesehen, entspricht das heutige Forte di Exilles dieser in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gebauten Anlage.


Ab heute (21. Mai 2013) ist das Forte di Exilles allerdings geschlossen – vorübergehend, wie wir hoffen:
Kaum ist der neue Fahrstuhl eröffnet worden, für den die Region Piemont in den vergangenen Jahren 5 Millionen Euro ausgegeben hat, stehen Zahlungsverpflichtungen für den laufenden Unterhalt aus. Was nun zur Schließung führte.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Cottische Alpen, Susatal

Der Schwur von Garda

Giuramento della Garda, 8. Dezember 1943

Neben den 23 dort beschriebenen Wandertouren haben wir in unserem Buch ‚Partisanenpfade im Piemont‘ auch eine Vielzahl von Erinnerungsplätzen aufgeführt, die mühelos ganz ohne körperliche Anstrengungen besucht werden können. So auch den kleinen ‚Parco della Memoria‘ bei San Giorio di Susa, wo bei der ‚Commemorazione Giuramento della Garda‘ unter dem Motto „Ieri, ora e sempre Resistenza“ auch in diesem Jahr wieder viele NO-TAV-Fahnen wehen werden.

8. Dezember 1943 - der "Schwur von Garda" - die Geburtsstunde der Resistenza im Susatal - Foto: © Wolfram Mikuteit Unmittelbar nach der Proklamation des italienischen Waffenstillstandes am 8. September 1943 hatten sich um Carlo Carli, Egidio Liberti, Walter Fontan, Felice Cima und Marcello Albertazzi im unteren Susatal erste Widerstandsgruppen, ‚le prime bande‘, gebildet. Aufgrund der von ihnen verübten Sabotageakte auf die für die Deutschen strategisch extrem wichtige Eisenbahnverbindung Turin – Modane, Brücken und Telegrafenleitungen, wurden Teile der Region bereits Ende Oktober 1943 zum ‚Bandengebiet‘ erklärt.

Die offizielle Geburtsstunde der Resistenza im Susatal wird auf den 8. Dezember 1943 datiert. An diesem Tag versammelten sich die Männer, die sich nun nicht mehr ‚Rebellen‘ oder ‚Patrioten‘, sondern ab jetzt ‚Partisanen‘ nannten, auf einer Lichtung bei Martinetti oberhalb von San Giorio di Susa. Don Francesco Foglia – wegen seiner Erfahrungen im Umgang mit Sprengstoff auch ‚Don Dinamite‘genannt – zelebrierte die Messe. Danach legten die Männer den Schwur von Garda ab: Sie schworen auf die mitgeführte italienische Trikolore, so lange gegen den Nazi-Faschismus zu kämpfen, bis das Land befreit wäre.

Im Jahr 2004 wurde an dieser Stelle eine Erinnerungsstätte eingerichtet. Dieser kleine ‚Parco della Memoria‘ ist über einen einstündigen durch Kastanienwald führenden Rundweg erreichbar. Anfahrt ab San Giorio di Susa über die Weiler Martinetti und Vietti auf der Straße nach Pognant. Kurz hinter Vietti beginnt der ‚Sentiero della Memoria‘an einer links abzweigenden Forststraße. Dem Hinweisschild zum ‚Pilone di Garda‘ folgen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Resistenza, Susatal