Archiv der Kategorie: Resistenza

Fischia il vento: „Der Wind pfeift“ bei Madonna del Alto

„Die Lieder der italienischen Resistenza“, schrieb Rosanna Rosanda im Vorwort zu Gino Vermicellis Buch ‚Die unsichtbaren Dörfer‘, „sind nicht sehr fröhlich. Das bekannteste, nach der Melodie von »Katiuscia«, ist »Fischia il vento« und erzählt von der Härte des Partisanenlebens, seinem ständigen Zusammentreffen mit dem Tod“.

Den Text zur Melodie des melancholischen russischen Liebesliedes „Katjuscha“ verfasste Dr. Felice Cascione. Der aus Porto Maurizio stammende Arzt gehörte schon während seines Medizinstudiums in Bologna dem klandestinen antifaschistischen Widerstand an; 1943 trat er in die verbotene Kommunistische Partei Italiens ein. Nach gerade abgelegtem Examen war Felice Cascione einer der ersten, die direkt nach Bekanntgabe der Kapitulation Italiens am 8. September 1943 und der anschließenden deutschen Besatzung im Hinterland der ligurischen Küste eine Partisaneneinheit aufstellte.

Das von „U mégu“ (lokaler Dialekt für: der Arzt) gedichtete Lied soll zu Epifania (Heilige Drei Könige, 6. Januar) 1944 bei Fontane di Alto im südpiemontesischen Valle Pennavaira erstmals gesungen worden sein:

Fischia il vento, infuria la bufera,
scarpe rotte eppur bisogna andar,
a conquistare la rossa primavera
dove sorge il sol dell’avvenir.

Ogni contrada è patria del ribelle,
ogni donna a lui dona un sospir,
nella notte lo guidano le stelle
forte il cuore e il braccio nel colpir.

Se ci coglie la crudele morte,
dura vendetta verrà dal partigian;
ormai sicura è già la dura sorte
del fascista vile traditor.

Cessa il vento, calma è la bufera,
torna a casa il fiero partigian,
sventolando la rossa sua bandiera;
vittoriosi e alfin liberi siam.

Schon wenige Wochen nachdem das Lied mit dem Text von Felice Cascione erstmals erklang, wurde „U mégu“ am 27. Januar 1944 oberhalb von Madonna del Lago (Gemeinde Alto / Piemont) bei einem Feuergefecht mit faschistischen Truppen schwer verwundet und – nachdem er sich als Anführer der Partisanengruppe zu erkennen gegeben hatte – erschossen. Posthum wurde ihm die ‚Medaglia d’oro al valor militare‘ verliehen.

„Fischia il Vento“ wurde zur Hymne der Garibaldi-Partisanenbrigaden Norditaliens und das wahrscheinlich meistgesungene Lied des Widerstands während der 20 Monate der deutschen Besatzung Italiens.

Wer von Madonna del Lago auf den Monte Dubasso (Wikipedia: 1.545 m – IGC-Karte und Gipfelkreuz: 1.538 m) wandert, passiert dabei schon nach kurzem Aufstieg die Stelle, an der Felice Cascione erschossen wurde. Nur wenig abseits des Weges befindet sich die kleine Gedenkstätte für ihn.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Eingeordnet unter Ligurische Alpen, Pennavairatal, Resistenza

Addio al Partigiano Ugo Berga

Am Sonntag, 23. September 2018, ist Ugo Berga gestorben. Und am Dienstag, 25. September 2018, wurde er auf dem Friedhof von Turin beigesetzt.

Im Juni 2011 nahm er sich in Bussoleno einen ganzen Nachmittag lang Zeit, um uns als Zeitzeuge von den Kämpfen gegen die deutsche Besatzung im Susatal zu berichten und unsere vielen Fragen zu beantworten. Dafür nochmals: Vielen Dank!

Ugo Berga, am 24. Januar 1922 geboren, war bereits durch Familie (u.a. zählten seine Tante Rita Montagnana und sein Onkel Mario Montagnana zu den Mitbegründern des PCI) und Umfeld geprägter Antifaschist, bevor die deutsche Wehrmacht im September 1943 sein Land überfiel. Die perfiden italienischen Rassengesetze hatten ihn zum Verlassen der Schule gezwungen, und die Bombardierungen Turins führten ihn in das untere Susatal. Dort gehörte er neben Carlo Carli, Egidio Liberti, Walter Fontan, Felice Cima und Marcello Albertazzi zu jenen Männern, die erste Widerstandsgruppen bildeten und Sabotageakte auf die für die Deutschen strategisch extrem wichtige Eisenbahnverbindung Turin – Modane und auf Brücken und Telegrafenleitungen verübten.

Er war jener “Ugo“, von dem Ada Gobetti nach ihrem ersten Treffen am 27. Oktober 1943 schrieb, dass sie ihn sofort an seinen roten Haaren erkannt habe (aus ihrem Diario partigiano: “A Mattie ho incontrato Ugo, che ho subito riconosciuto per i suoi capelli rossi“).

In der Nähe seines Vaterhauses war es auch, wo sich die Männer, die sich nun nicht mehr ‚Rebellen‘ oder ‚Patrioten‘, sondern ab jetzt ‚Partisanen‘ nannten, auf einer Lichtung bei Martinetti oberhalb von San Giorio di Susa trafen und den Eid von Garda leisteten: Sie schworen auf die mitgeführte italienische Trikolore, so lange gegen den Nazi-Faschismus zu kämpfen, bis das Land befreit wäre.

Was Ugo Berga auch tat: Als Politkommissar der 106a° Brigata Garibaldi ‚Giordano Velino‘ erlebte er die Befreiung Turins im April 1945.

Er blieb lebenslang politisch aktiv. Die Erfahrungen der Resistenza waren für ihn nicht lediglich ein Stück abgeschlossene Geschichte, sondern haben sein Leben bestimmt und dazu beigetragen, sich auch in hohem Alter immer wieder aktiv in das politische Tagesgeschehen einzumischen. So erstaunt es nicht, dass Ugo Berga auch den jahrzehntelangen Kampf der Bevölkerung gegen das – unter Umweltschutzgesichtspunkten unverantwortliche und wirtschaftlich vollkommen sinnentleerte – Eisenbahn-Hochgeschwindigkeitsprojekt zwischen zwischen Turin und Lyon unterstützte.

Fa buon viaggio Ugo. Ora e sempre Resistenza!

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Eingeordnet unter Bücher und Filme, Resistenza, Susatal

Neue aktualisierte Auflage unseres Wanderlesebuchs ‚Partisanenpfade im Piemont‘

Fast ein Vierteljahr ist mittlerweile verstrichen seit der Veröffentlichung der Neuauflage 2018 unserer ‚Partisanenpfade‘. Hier im Blog darüber zu berichten, hatten wir schlicht vergessen. Das holen wir hiermit nach.

von der Nivolet-Passstraße Blick auf die Seen Agnel und Serrù - Foto: © Wolfram Mikueit

Dass wir für die Neuauflage manche Wege nochmals abgegangen sind und sowohl Preise als auch Kontaktinformationen aktualisiert haben, versteht sich von selbst.

Ansonsten hat sich nichts verändert, sodass noch immer gilt:

Partisanenpfade im Piemont ist ein Wanderbuch, ein Reisebuch und auch ein Geschichtenbuch.

Pietramorta (1.812 m), Valle di Viù, längst verlassene Sommersiedlung am Logo di Malciaussia - Foto: © Wolfram Mikuteit

23 Touren vom Stadtspaziergang bis hinauf auf über 3.000 Meter Höhe
‚Partisanenpfade im Piemont‘ ist ein Wanderführer, der 23 Touren – vom Stadtspaziergang durch Turin bis zur Hochtour auf den über 3.000 Meter hohen Colle Autaret – umfasst. Alle GPS-kartiert, alle anhand von Waypoints exakt nachvollziehbar und jede Tour mit herunterladbarem Track für das eigene GPS-Gerät. Mit Hinweisen zum ÖPNV, Kartenmaterial und Einkehrtipps.

Blick über das Susatal, im Hintergrund der Monviso - Foto: © Wolfram Mikuteit

Unsere Touren zwischen Gran Paradiso im Norden und Monviso im Süden folgen ausgewiesenen Wanderwegen durch National- oder Naturparkgebiete, führen über königliche Jagdsteige, alte Saumwege und stille Gebirgspfade. Und oberste Priorität hatte bei der Auswahl der Wege neben der historischen Bedeutung stets die Attraktivität des Weges und die der Landschaft.

Ein Reisebuch, das an Orte führt, in denen gut gegessen und genächtigt werden kann
‚Partisanenpfade im Piemont‘ ist ein Reisebuch, das einführt in die Welt der Alpentäler, die sich fächerartig westlich der Barockstadt Turin bis zum Alpenhauptkamm ziehen. An Plätze führt, in denen die Geschichte der Resistenza wachgehalten wird, und an Orte, in denen gut gegessen und genächtigt werden kann.

Sangonetal, kurz vor der Alpe Sellery inferiore - Foto: © Wolfram Mikuteit

Ein Geschichtenbuch über Orte und Wege des Widerstands
Die 20 Monate der italienischen Resistenza, in denen sich Menschen unterschiedlichster politischer Couleur ab September 1943 zusammenschlossen, um gegen deutsche Besatzung und italienischen Faschismus und für einen radikalen Wandel in ihrem Land zu kämpfen, haben Italien nachhaltig geprägt. Ganz besonders die stark entvölkerte Gebirgsregion des Piemonts nah an der Grenze zu Frankreich. Wir nehmen die Leserinnen und Leser mit auf eine historische Zeitreise und machen die Geschichte der piemontesischen Widerstandsbewegung erlebbar – zu Fuß, automobilisiert oder zu Hause auf dem Sofa.

vom Assiettakamm Aussicht nach Westen auf die Grande Ruine (3.765 m) - Foto: © Wolfram Mikuteit

Wir haben aber kein Geschichtsbuch geschrieben, sondern anhand ganz unterschiedlicher Artikel versucht, diese Geschichte erlebbar zu machen. Wir erzählen von Mussolinis Aufstieg – weil die Widerstandsbewegung nur verständlich wird vor dem Hintergrund, dass beim Kriegseintritt Italiens an der Seite Hitler-Deutschlands 1940 ein damals 18-jähriger italienischer Wehrpflichtiger nicht einen einzigen Tag in einem demokratischen Staat gelebt hatte. Wir erzählen auch von dem 1933 in Turin gegründeten Verlag ‚Giulio Einaudi Editore’, mit dem Leone Ginzburg, Cesare Pavese, Giulio Einaudi, Carlo Levi, Vittorio Foa und viele andere versuchten, die faschistische Zensur zu unterlaufen und Bücher zu verlegen, die zu kritischem Denken anregen sollten – und dafür auch langjährige Haftstrafen und Verbannung in Kauf nahmen.

Blick hinunter auf die Conca del Pra - beim Abstieg vom Colle Selliere - Foto: © Wolfram Mikuteit

Wir erzählen auch von dem Phänomen, das die italienische Historikerin Anna Bravo als eine der “größten Verkleidungsaktionen der italienischen Geschichte” bezeichnet hat: Dass sich circa die Hälfte der Soldaten des italienischen Heeres, die sich am Tag der Waffenstillstandserklärung im deutschen Machtbereich befunden hat, durch Flucht der Gefangennahme und dem Transport in die deutschen Zwangsarbeitslager entziehen konnte.

Forte Chaberton, höchstgelegen Festungsanlage der Alpen (3.136 m) - Foto: © Wolfram Mikuteit

Und weil ‚Partisanenpfade im Piemont’ ein Wanderlesebuch ist, haben wir in Ergänzung zu den Tourbeschreibungen auch ganz viele kurze Hintergrundgeschichten geschrieben. In diesen ‚Themensplittern’ kann – wer mag – nachlesen, warum jedes kleine Dorf in Italien seine ‚Via Roma’ hat, was genau unter der italienischen ‚Judenkartei’ zu verstehen ist, wie Piero Gobettis Witwe Ada ihre Winterüberschreitung des Passo dell’Orso in ihrem Tagebuch beschrieb. Hier findet sich auch das Gedicht ‚Kamerad Kesselring’, geschrieben in Erinnerung an den Kriegsverbrecher, der kaltschnäuzig genug für die Bemerkung war, die Italiener täten gut daran, ihm für sein Verhalten in der Zeit, in der er den Oberbefehl auf dem italienischen Kriegsschauplatz innehatte, ein Denkmal zu errichten.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

P.S.

Die Rezensionen zur Erstauflage von ZEIT bis Zürcher Wochenzeitung sind hier nachzulesen.
Das Inhaltsverzeichnis kann hier angesehen oder heruntergeladen werden.

 

 

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Eingeordnet unter bergauf bergab, Resistenza

Im Val Troncea

Über das Val Chisone in den Cottischen Alpen haben wir hier bereits mehrmals berichtet; dessen Quelltal Val Troncea und den gleichnamigen Naturpark zwar in unserem Wander-Lesebuch Partisanenpfade im Piemont gleich zwei Touren gewidmet – es aber hier auf dem Westalpenblog noch nie erwähnt. Was sich ändern muss, wie wir gerade wieder feststellen konnten!

 

Eine Rundwanderung …

Etwas oberhalb von Pragelato zweigt von der SS 23 in Richtung Sestriere die Straße in das Val Troncea ab. Ihr folgt man – vorbei am Luxushotel Pragelato Village – bis zu ihrem Ende am großen Parkplatz an der Ponte das Itreit, wo ein Denkmal an die 81 am 19. April 1904 unterhalb des Colle del Beth von einer Lawine verschütteten Minenarbeiter erinnert. Hier beginnt der Rundweg, der entlang des Chisone das Val Troncea durchzieht. Vorbei am Infohäuschen des 1980 eingerichteten Parco Naturale della Val Troncea gelangt man auf einer Erdpiste bereits nach wenigen Minuten zum Standort der alten Mühle von Laval, wo sich heute das sehr nette Rifugio Mulino di Laval befindet. Hinter Baracot’d la Poump mit Picknicktischen und vielen Hinweistafeln zu Fauna und Flora des Naturparks zweigt von der Piste der Weg ab, der über Seytes nach Troncea führt. Beide Weiler wurden im Herbst 1944 von deutschen Truppen auf der Suche nach Partisanen zerstört. Hinter dem Rifugio Troncea befindet sich eine kleine Gedenkstätte für die Divisone Autonoma Val Chisone ‚Adolfo Serafino‘, die den Deutschen Widerstand leistete.

Der Weg setzt sich in Richtung Alpe Mey nach Südosten hin am Hang entlang fort. Vorbei an der Abzweigung zu einer weiteren Gedenkstätte für die verunglückten Minenarbeiter (Lapide Minatori) erreicht man zunächst die Alpe Lou Soupaleddi, dann die Alpe Roccias mit Blick zurück durch das gesamte Val Troncea und steigt dann über sanfte Wiesenhänge ab hinunter zum Chisone. In nun wieder nördlicher Richtung wird die Alpe Mey erreicht, von wo aus eine Erdpiste am linken orografischen Ufer des Baches – vorbei an an der Ruine des um 1900 errichteten Wasserkraftwerks, der Fonderia, und dem Rifugio Mulino di Laval – zurück an den Ausgangspunkt der Ponte das Itreit führt (Zeit: 5 h 15, Strecke: 17,5 km, Aufstieg: 735 m, Abstieg: 735 m).

 

… mit optionalem Aufstieg zum 2.851 Meter hohen Col Clapis

An der Alpe Mey (2.010 m), zu der in der Hochsaison auch ein Shuttlebus verkehrt (s.u.), beginnt ein Weg, auf dem man in ca. 2 Stunden den Col Clapis und damit die Wasserscheide zwischen dem Chisonetal und dem zum Susatal gehörenden Valle Argentera erreicht.
Als während der deutschen Besatzung die Luft dünn wurde im Val Troncea und nach den Schlachten am Monte Genevris und am Monte Triplex klar war, dass die ‚Operation Nachtigall‘ das Ende der berfreiten Zone im Val Troncea besiegeln würde, mussten sich die Partisanen absetzen und auch ihre Verwundeten aus den Krankenstationen von Laval und Alpe Roccias evakuieren. Da alle anderen Fluchtrouten versperrt waren, blieb ihnen einzig der Weg in das noch nicht von den Deutschen besetzte Valle Argentera, ganz nah an der Grenze zu Frankreich. Die Gruppe von Ettore Sarafino wählte dabei den Weg über den 2.815 Meter hohen Col Clapis.

 

Bus zur Alpe Mey

Wie in den Vorjahren setzt auch im Jahr 2016 die Verwaltung des Parco Naturale della Val Troncea in der Hochsaison einen Kleinbus ein, der hinauffährt zum Rifugio Troncea und zur Alpe Mey.

Der Pendelbus verkehrt ab 9. Juli 2016 an den Wochenenden, vom 23. Juli bis zum 21. August täglich, und bis 4. September 2016 noch an den Wochenenden jeweils zwischen 9 und 17 Uhr. Wichtig: Voranmeldung dafür ist zwingend notwendig. Nähere Infos im Besucherzentrum des Parco Naturale Val Troncea in Pragelato, Via della Pineta (Ortsteil Ruà).

 

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Eingeordnet unter Chisonetal, Cottische Alpen, Resistenza, Tronceatal

Ferragosto-Konzert 2015 bei Paraloup

Seit 1981 findet alljährlich am 15. August – zum Höhepunkt der italienischen Feriensaison – das ‚Concerto Sinfonico di Ferragosto‘ statt.
Damals wurde am Rifugio Quintino Sella unterhalb des Monviso eine Tradition begründet, die sich längst etabliert hat: jedes Jahr an einem anderen Ort spielt an diesem Tag das Orchestra Bartolomeo Bruni auf und zieht in aller Regel um die 10.000 Besucher zu einer Veranstaltung in die Berge, die auch vom italienischen Fernsehen RAI übertragen wird.

70 Jahre nach der Befreiung: Ferragosto-Konzert bei Paraloup
70 Jahre nach Ende des Krieges, 70 Jahre nach Ende der deutschen Besatzung Norditaliens findet das 35. Ferragosto-Konzert dieses Jahr an einem für die piemontesische Widerstandsbewegung geschichtsträchtigen Ort statt: Auf der kleinen Hochebene von Chiot Rosa unterhalb der von der Bewegung Giustizia & Libertà als eines ihrer Hauptquartiere genutzten ehemaligen Sommersiedlung Paraloup. So schrieb denn auch ‚La Stampa‘ zum diesjährigen Ferragosto-Konzert: „Nella «borgata dei partigiani» per celebrare i 70 anni della Resistenza“.

Paraloup gestern und heute
Direkt nach dem Kriegsaustritt Italiens und mit Beginn der deutschen Okkupation am 8. September 1943 zog sich eine kleine Gruppe von Antifaschisten aus dem Umfeld der Bewegung Giustizia e Libertà um Duccio Galimberti und Dante Livio Bianco aus Cuneo in die Berge zurück, um der drohenden Verhaftung zu entgehen und den Kampf gegen italienische Faschisten und deutsche Besatzer aufzunehmen. Einige wenige Tage hielten sie sich in Madonna del Colletto auf, einem kleinen Pass zwischen Gesso- und Sturatal. Da dieser Ort nicht genug Sicherheit bot, zog die Gruppe, die sich den Namen „Italia Libera“ gegeben hatte, weiter ins Sturatal und erreichte am 20. September 1943 die aus nur wenigen Häusern bestehende abgelegene Sommersiedlung Paraloup nah am Übergang zum Granatal. Bereits Ende Oktober 1943 war die Gruppe auf über 100 Männer angewachsen, unter ihnen Nuto Revelli, Giorgio Bocca, Detto Dalmastre, Alberto Bianco und viele andere mehr, die die 20 Monate der italienischen Resistenza entscheidend prägten. In Paraloup und den umliegenden Weilern wurde die Basis gelegt für die in der gesamten Provinz Cuneo operierenden Giustizia e Libertà-Partisanengruppen.

Paralup war als Sommersiedlung seit langem ungenutzt und die Häuser waren großteils verfallen. Wegen der historischen Bedeutung des Ortes hat die Fondazione Nuto Revelli vor einigen Jahren damit begonnen, den Ort wiederaufzubauen. Viele Geäude wurden bereits überaus gelungen restauriert: In einem ist ein Museum über die Geschichte des Ortes als Standort der Partisanenbewegung untergebracht, ein anderes dient Vorführungen von Zeitzeugen-Videos. Mittlerweile gibt es auch eine Bar und ein Rifugio.
Die Revelli-Stiftung hat sich aber darüberhinaus zum Ziel gesetzt, hier einen Platz zu schaffen, an dem kreative Lösungsvorschläge und Möglichkeiten ausgearbeitet werden sollen, die abgelegenen und stark von Landflucht betroffenen Orten in den Bergen Wege für eine nachhaltige und selbständige Wiederbelebung aufzeigen.

Praktische Informationen
Das Konzert beginnt am 15. August 2015 um 13 Uhr, und auf dem Programm stehen dieses Jahr überwiegend Werke von Dmitri Schostakowitsch. Wer den Trubel einer Massenveranstaltung scheut, kann sich tags zuvor um 14 Uhr die öffentliche Generalprobe anhören.
Der Veranstaltungsort Chiot Rosa wird für den privaten KFZ-Verkehr gesperrt; Busse von Cuneo nach Rittana starten um 7.00 – 7.15 – 7.30 – 7.45 – 8.00 Uhr; Shuttlebusse von dort nach Gorrè di Rittana (Navetta 1) und Tetto Sottano di Rittana (Navetta 2). Zu Fuß geht es dann weiter nach Chiot Rosa.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Eingeordnet unter Gedächtnis der Alpen, Resistenza, Sturatal

Stolpersteine in Turin

In Turin wurden am 10. und 11. Januar 2015 erstmals Stolpersteine verlegt.

Nachdem im Jahr 2010 in Rom die ersten italienischen Stolpersteine – “Pietre d’Inciampo” – verlegt wurden, entstanden (und entstehen nachwievor) in vielen italienischen Städten und Gemeinden Initiativen, die Verlegungen dieser kleinen, mit Messing überzogenen und in den Boden eingelassenen Gedenksteine organisieren, um an das Schicksal von Menschen zu erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert, ermordet, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

In Turin wird das Stolperstein-Projekt von einem breiten Spektrum an Organisationen getragen, dem das Museo della Resistenza, die Jüdische Gemeinde, das Resistenza-Institut, die ANED (Nationale Vereinigung der Deportierten), das Goethe-Institut u.v.a.m. angehören. So konnten 27 Gedenksteine für TurinerInnen verlegt werden, die aus politischen oder rassistischen Gründen deportiert wurden.

Nun liegt beispielsweise vor dem Eingang der Schule am Corso San Maurizio 8 ein Stolperstein für Teresio Fasciolo:

Stolperstein Turin - Teresio Fasciolo, Foto: © Sabine Bade

Warum der 18-jährige Schüler nach Mauthausen deportiert und dort ermordet wurde, geht aus der knappen Inschrift leider nicht hervor. Dass sich der Junge den Partisanen der 2. Garibaldi-Division angeschlossen und in den Valli di Lanzo verhaftet, also „per motivi politici“ deportiert wurde, erfährt aber, wer das Stolperstein-Faltblatt mit ganz kurzen biografischen Notizen abruft. Darin sind auch die Verlegestellen eingezeichnet.

Weitere Stolpersteine in Turin:

Verlegestellen der Stolpersteine in Turin

  • in der Via Carlo Alberto 22 für Filippo Acciarini (politisch),
  • in der Via Po 25 für Michele Valabrega, seine Frau Maria Elena und Tochter Stella,
  • am Corso Regio Parco 35 für Lucio Pernaci (politisch),
  • am Corso Casale 10 für Luigi Porcellana (politisch),
  • am Corso Cairoli 32 für Lina Zargani,
  • am Corso Massimo D’Azeglio 12 für Eleonora Levi,
  • am Corso Marconi 38/40 für Gino Rossi,
  • in der Via Campana 18 für Luciano und Renato Treves (politisch),
  • in der Via Principe Tommaso 42 für Eugenio Nizza,
  • in der Via Principe Tommaso für Salvatore und Alberto Segre (politisch),
  • in der Via Gioberti 69 für Alfonso Ogliaro (politisch),
  • in der Via Fratelli Carle 6 für Alessandro, Germana, Luciana und Sergio Levi,
  • in der Via Amadeo Avogadro 19 für Marianna Sacerdote,
  • in der Via Giacinto Collegno 45 für Enzo Lolli,
  • in der Via Duchessa Jolanda für Donato Giorgio Levi,
  • in der Via Aurelio Saffi 13 für Rosetta Rimini und ihre Tochter Lidia Tedeschi,
  • am Corso Tassoni 33 für Corrado Lolli
  • und in der Via Vicenza 23 für Gelindo Augusti (politisch).

Spaziergang durch Turin auf den Spuren der Resistenza

So lässt sich nun der von uns beschriebene “Spaziergang durch Turin auf den Spuren der Resistenza” (unsere Tour 1 in Partisanenpfade im Piemont) um einen kleinen Stolperstein-Spaziergang erweitern.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

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Durch das Valle Gesso: Attraverso la Memoria 2014

Seit über 15 Jahren finden – jeweils am ersten Septemberwochenende – im italienischen Valle Gesso und im französischen Vallée de la Vésubie Gedenkwanderungen statt, die an die etwa 800 jüdischen Menschen erinnern wollen, die hier zwischen dem 9. und 13. September 1943 aus Saint-Martin-Vésubie vor den aus dem Süden vordringenden Nazis über den Alpenhauptkamm flohen.

Ihre Hoffnung, mit dem beschwerlichen Weg über die Pässe Finestra (2.474 m) und Ciriegia (2.543 m) und weiter über Entracque und Borgo San Dalmazzo in die Freiheit zu gelangen, trog: die Deutschen marschierten am 12. September auch in diese Region ein und besetzten die italienischen Stellungen. Viele der Flüchtlinge wurden von den Deutschen auf Basis der von Mussolini 1938 erlassenen ‚Rasse-Gesetze‘ festgenommen und in Borgo San Dalmazzo inhaftiert.

Am Bahnhof dieses kleinen Ortes am Eingang des Sturatales erinnert heute ein Mahnmal, das ‚Memoriale della Deportazione‘ daran, dass hier am 21. November 1943 insgesamt 329 Menschen dieser Fluchtgruppe in Güterwaggons gepfercht und in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert wurden, wo 311 von ihnen ermordet wurden.

… auf den Percorsi Ebraici

Voriges Jahr haben wir an der Gedenkwanderung von San Giacomo di Entracque zum Colle di Finestra teilgenommen und darüber berichtet. In diesem Jahr findet die unter dem Motto „Attraverso la memoria / Marche de la mémoire“ stehende Gedenkwanderung am 7. September statt und führt von Terme di Valdieri zum Colle Ciriegia. Der sehr schöne Wanderweg von Gias della Casa hinauf zum Pass ist – wie auch jener über den Colle di Finestra – vom italienisch-französisch-schweizerischen Gemeinschaftsprojekt ‚La Memoria delle Alpi / La Mémoire des Alpes / Gedächtnis der Alpen’ als Freiheitspfad‚ als ‚Percorsi Ebraici‘, ausgewiesen.

Hier das Programm zum Download.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

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