Die Slow Food Story, EATALY und gutes Essen im Piemont

Gerade ist in deutschen Kinos der Film „Die Slow Food Story“ angelaufen. Wenn die Erfolgsgeschichte der Bewegung, die Carlo Petrini und seine Freunde geschrieben haben, Zuschauer verzückt und anschließend ins Piemont lockt, ist es auch Zeit, über EATALY zu berichten. Danach könnte es dem Einen oder der Anderen allerdings schwerfallen, hierzulande noch in sogenannten „italienischen Feinkostläden“ (mit den entsprechenden Apothekerpreisen) einkaufen zu gehen.

Die Arche des Geschmacks
Die Slow-Food-Bewegung, deren Beginn mit den erhitzten Protesten um die Eröffnung einer MacDonald’s-Filiale direkt an der Spanischen Treppe von Rom zusammenfiel, ist weit mehr als eine Genießerorganisation und setzt sich dafür ein, dass vom Aussterben bedrohte Gemüse- und Obstsorten, Pflanzen und Tierarten erhalten bleiben und propagiert die Erhaltung traditioneller und typischer Produktionsformen.

Dass man heute wieder ab und zu vom kleinen piemontesischen Weiler Capraùna hört oder lesen kann, verdankt der Ort, in dem mittlerweile nur noch knapp über hundert meist ältere Menschen wohnen, seinen Rüben. Bereits im 16. Jahrhundert soll der süße Geschmack der Rapa di Capraùna urkundlich erwähnt worden sein. Was jedoch nichts daran änderte, dass Rüben zunächst als Bestandteil von ‚Arme-Leute-Essen’ galt und bald darauf fast gänzlich von den Speisezetteln verschwand. Wie für den Kapaun von Morozzo und echten – nicht mit Kuhmilch gestreckten! – Schafskäse hat Slow Food für diese Rübe einen Förderkreis (Presidio) eingerichtet. Wer die Rapa di Capraùna, fein gehobelt und in Balsamico eingelegt, probiert, erinnert sich wieder, wie Rüben schmecken können.

Ein derartiger Förderkreis besteht auch für das Sambucana-Lamm. Als in den 1950er-Jahren staatliche Agrarberater den Bauern zur Kreuzung der traditionellen Schafrasse Razza Sambucana rieten, um den Fleischertrag zu erhöhen, folgten die Meisten dieser Empfehlung. Als Mitte der 1980er-Jahre der Wert dieser Rasse endlich erkannt wurde, und auch die Welternährungsorganisation FAO sie als schützeswert einstufte, gab es im gesamten Stura-Tal gerade noch zwei Betriebe mit nicht mehr als 80 reinrassigen Sambucana-Schafen. Diesen Landwirten, oder: innovationsfeindlichen Traditionalisten, verdanken wir, dass die Razza Sambucana, die besonders feine Wolle liefert und deren Lämmer besonders leckeres, fettarmes und wenig Cholesterin enthaltendes Fleisch aufweisen, erhalten blieb. Mittlerweile gibt es wieder über 5.000 Sambucana-Schafe im Stura-Tal, und jedes Jahr werden circa 10.000 Lämmer geboren. Und längst ist dieses Schaf zu einem Symbol hochwertiger landwirtschaftlicher Regionalprodukte geworden, mit denen allein Landwirtschaft in den piemontesischen Alpentälern eine Zukunft zu haben scheint.

EATALY: „La Vita è troppo breve per bere e mangiare male“
Was sich in Italien alles auf die Arche des Geschmacks gerettet hat, kann man längst nicht nur während der nur einmal jährlich stattfindenden Messe ‚Salone del Gusto‘ probieren. Denn eng verbandelt mit Slow Food sind die EATALY-Läden, in denen auch Produkte der Presidien angeboten werden.

Der erste EATALY-Laden eröffnete im Jahr 2006 – wie sollte es auch anders sein? – im Piemont: In Turin am Lingotto wurde für dieses kulinarische, wie ein Markt aufgebaute Einkaufsparadies eine alte Fabrik umgebaut, in der bis Ende der 1980er-Jahre noch Vermouth produziert wurde. Hier findet man an hochwertigen Lebensmitteln alles, was das Herz begehrt. Aber nur, wenn die Saison es auch hergibt: Wer zu Weihnachten etwa nach Erdbeeren sucht, wird hier nicht fündig.

Mittlerweile gibt es EATALY-Läden in mehreren italienischen Orten und auch in New York und Tokyo. Für uns ist wichtiger, dass es seit 3 Jahren auch im kleinen Städtchen Pinerolo eine Dependance gibt.

Das Buch zum Film
Nachgelesen werden kann die Slow-Food-Story im bereits vor 10 Jahren im Zürcher Rotpunktverlag erschienenen Buch „Slow Food. Geniessen mit Verstand“ von Carlo Petrini. Es bietet einen hervorragende Überblick über die Geschichte und Entwicklung der Bewegung und über die zentralen Anliegen und Aktivitäten.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

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