Jo’s Hüttenliste

Wenn wir in unsere bewusst knapp gehaltene Linkliste – das Schielen auf ‚Klickraten’ überlassen wir gerne Anderen – einen neuen Eintrag aufnehmen, ist uns das eine Kurzmitteilung wert.

Jo’s Hüttenliste ist eine Sammlung von Hütten aus der ganzen Welt. In der Datenbank befinden sich heute 42.397 Einträge. Das entspricht 23.678 Hütten von mindestens 3.291 unterschiedlichen Eignern (private Hütten nicht mitgerechnet) in 32.567 verschiedenen Gebieten überall auf der Welt.
Uns begeistert, dass sich in der von Joachim Saffert akribisch gepflegten Datenbank auch alle (!) Hütten, Posti Tappa und Gîtes d’Étape unseres Westalpen-Einzugsgebietes befinden. Was keine andere deutschsprachige Anwendung leistet.
Als  wir dort in der Datenbank die Information abgelegt haben, dass Ende Dezember 2011 das Rifugio Guglielmina im Valsesia abgebrannt ist, fiel uns wieder ein: Jo’s Hüttenliste hätte schon lange in unsere zierliche Linkliste gehört!

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

add to facebook mailto: add to mister wong add to google add to linkedin add to del.icio.us

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Übernachten

Der Nationalpark Gran Paradiso bekommt mit Ceresole Reale seine zweite ‘Alpine Pearl’

Am 1.1.2012 werden drei Orte neu in das touristische Netzwerk von ‚Alpine Pearls’ (*) aufgenommen – und alle drei liegen im Piemont: Ceresole Reale, Pragelato und Limone Piemonte.
Während sich Pragelato im Val Chisone (als Austragungsort der nordischen Disziplinen während der Olympischen Winterspiele 2006) und Limone Piemonte (einer der größten Wintersportorte im Piemont) selbst im deutschsprachigen Raum einer gewissen Bekanntheit erfreuen, sucht man nach Hinweisen auf Ceresole Reale bei uns meist vergeblich. Was durchaus auch daran liegen

Gran Paradiso
Gran Paradiso (4.061 m) – von der Nivolet-Hochebene aus gesehen

mag, dass der 1922 geschaffene Nationalpark Gran Paradiso meist ausschließlich im Aostatal verortet wird. Dabei gehört er zur Hälfte zum Piemont, seitdem 1945 die Grenzen neu gezogen wurden: Bei der Schaffung der Autonomen Region Aostatal wurde die frühere piemontesische Provinz u.a. um die südlichen Gran-Paradiso-Täler von Orco und Soana verkleinert.

A Piedi tra le nuvole – Zu Fuss durch die Wolken
Uns freut nicht nur, dass der touristisch etwas unterentwickelte piemontesische Teil des Nationalparks mit der Aufnahme von Ceresole Reale in die Reihe der ‚alpinen Perlen’ etwas aufgewertet wird. Sondern auch, dass damit der umweltverträgliche Kurs – ‚sanfte’, auch ‚nachhaltig’ genannte Mobilität ist schließlich eines der Marketing-Kernthemen der Perlen – Ceresoles gewürdigt wird. Ganz ohne Ski-Zirkus auskommend hat der kleine Ort mit seinem etwas verblichenen Charme – 1862 durfte er sich als Gegenleistung für Jagdlizenzen an König Vittorio Emanuele II.  den Zusatz ‚Reale’ an den Ortsnamen hängen – nämlich bereits im Jahr 2003 mit seinem Programm ‚A Piedi tra le Nuvole’, der sonntäglichen Sperrung der Straße über den Colle del Nivolet, Zeichen gesetzt.

Auf die zwischen 2.400 bis 2.600 m Höhe gelegene wunderschöne, auch ‚Cuore del Parco’ genannte, Nivolet-Hochebene führt von Ceresole Reale die in den

Nivolet-Passstraße
Passstraße hoch auf den Colle del Nivolet (2.636 m) – hier vorbei am Lago Agnel (2.297 m)

1950er-Jahren erbaute und durchgehend asphaltierte Straße über den Colle del Nivolet. Sodass es nicht verwundern darf, dass das Herz des Nationalparks besonders an sommerlichen Wochenenden stark pocht, also viele motorisierte Ausflügler anlockt.
Während die Einen (zumindest hinter vorgehaltener Hand) bedauern, dass der ursprüngliche Plan aufgegeben wurde, die Straße bis hinüber ins Aostatal zu verlängern, machen sich Andere seit vielen Jahren für den Schutz des sehr artenreichen und sensiblen Ökosystems auf der durch Wasserläufe und Feuchtgebiete geprägten Ebene stark und plädieren für eine Vollsperrung. Davon ist man zwar noch weit entfernt – Fahrverbote in hochalpinen Regionen lassen sich (nicht nur) in Italien schwer durchsetzen – aber zumindest an Sonn- und Feiertagen zwischen Mitte Juli und Ende August ist die Straße über den

Lagi Serrù und Agnel
Lago Serrù – und im Vordergrund Lago Agnel. Im Hintergrund die Grande Aiguille Rousse (3.428 m)

Colle del Nivolet ab Lago Serrù (2.275 m) gesperrt. Das im Jahr 2003 gestartete Programm heißt zwar ‚A piedi tra le nuvole’, zwingt aber niemanden, auch wirklich zu Fuß zu gehen. Stattdessen werden an diesen Tagen Pendelbusse eingesetzt. Die verkehren in schneller Abfolge, die Fahrkarten sind preiswert (2,50 €) und den ganzen Tag gültig, was auch Mehrfachfahrten erlaubt. Noch

Rifugio Savoia
Rifugio Savoia (2.533 m) auf der Nivolet-Hochebene

bequemer ist es, den Wagen gleich in Ceresole Reale stehen zu lassen und in einem Rutsch bis zum Rifugio Savoia auf dem Pian del Nivolet durchzufahren.

Mit dem Antrag auf Aufnahme in das ‚Alpine Pearls’-Netzwerk scheint Ceresole Reale diesen Kurs weiter verfolgen zu wollen. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich damit ja sogar à la longue die Möglichkeit zu einer Vollsperrung der Straße?

königlicher Jagdsteig
attraktiv genug? Hinten links die Cima del Carro (3.326 m)

Genügend attraktive Wanderwege hinauf zu den von eiszeitlichen Gletschern geschaffenen tiefblauen Seen wie dem Lago Rosset und den Laghi Trebecchi mit der grandiosen Aussicht auf den Gran Paradiso (4.061 m) und die ihn umgebenden vergletscherten Gipfel gibt es schließlich außerdem.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

(*) ‚Alpine Pearls’ ist eine im Jahr 2006 gegründete Kooperation von aktuell 24 (ab 1.1.2012: 27) Tourismusgemeinden aus dem gesamten Alpenraum. Die Zielsetzung dieses Tourismus-Vereins ist die Förderung von ‚sanfter’, heute gern ‚nachhaltig’ genannter Mobilität. Man hat sich auf die Fahnen geschrieben, den Gästen die Möglichkeit der autofreien An- und Abreise und die einfache Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel vor Ort und zudem weitere klimaschonende Urlaubsangebote zu bieten.
Entstanden ist dieses touristische Netzwerk als Ergebnis aus zwei aufeinanderbauenden EU-Projekten.

add to facebook mailto: add to mister wong add to google add to linkedin add to del.icio.us

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Grajische Alpen, Gran Paradiso, Orcotal

Gorges du Loup – Wandern im Hinterland der Côte d’Azur

„Welch eine Landschaft aber die von Gorges du Loup! Felsen, Abgründe, Wasserfälle …“ schwärmten schon Erika und Klaus Mann während ihres großen Ausflugs von Nizza. Und priesen das „Rötlich-Gelblich-Grau“ der Felswände überschwenglich in ihrem 1931 erschienenen Buch von der Riviera.
Zum Thema ‚Was nicht im Baedeker steht‘ – so der Untertiel des Buches – gibt es noch Einiges hinzuzufügen.

Sie waren damals mit dem Wagen unterwegs und fuhren gleich weiter nach Gourdon. Von einem Ausflug durch die Gorges du Loup ist nichts überliefert. Wobei den Beiden allerdings zugute gehalten werden muss, dass damals der tolle Weg entlang des Aqueduc du Foulon auch noch nicht existierte, über den man heutzutage hoch über dem Loup – durch 22 in den ockerfarbbenen Kalkstein gehauene Tunnel hindurch! – die Schlucht passieren kann.

Wer immer also darüber entäuscht ist, dass der in keinem Reiseführer fehlende ‚Chemin du Paradis‘, auf dem man von Pont-du-Loup hinauf ins ‚Felsennest‘ Goudron wandern kann, gerade gesperrt ist, findet in diesem Weg eine – längst nicht so schweißtreibende, dafür unseres Erachtens weit attraktivere – Alternative.

zerstörter Viadukt Pont-du-Loup
der von deutschen Truppen auf ihrem Rückzug am 24. Aug. 1944 zerstörte Viadukt Pont-du-Loup

Ausgangspunkt ist auch hier, was vom Pont-du-Loup übrig geblieben ist: Die auffälligen Pfeiler, Reste der über 300 Meter langen und 55 Meter hohen 11-bögigen Steinbogenbrücke. Über die führte früher die zwischen 1889 und 1892 erbaute Eisenbahnverbindung der Linie ‚Central Var‘ von Nizza ins Département Bouches-du-Rhône. Am 24. August 1944 sprengten sich zurückziehende deutsche Truppen den Viadukt, wie auch den Viadukt de la Siagne.

Von Pont-du-Loup folgt man – vorbei am ehemaligen Bahnhof ‚Loup‘ – den gelben Markierungen in Richtung ‚Chemin du Paradis‘, folgt diesem von Trockensteinmauern gesäumten Pfad dann aufwärts in Richtung Gourdon. Wenn nach circa 1 Stunde die Wasserleitung des Aqueduc du Foulon erreicht ist, verlässt man den Paradiesweg nach rechts und geht einfach auf dem Betonsockel der Wasserleitung weiter.

Tiefblick in die Loup-Schlucht
beim Austritt aus einem der 22 Tunnel Tiefblick in die Loup-Schlucht

Was sich so schlicht anhört, ist eine Panoramastrecke par excellence, die sich in der Folge weiß-rot markiert als GR 51 in fast genau nördlicher Richtung ganz nah am Fels entlang und durch die 22 Tunnel durch die Loup-Schlucht bis kurz vor Bramafan zieht. Mit  einem kurzem Abstieg gelangt man hinunter zur Brücke über den Loup (Wegzeit: ca. 3 Stunden).
Zurück nach Pont-du-Loup gelangt man entweder per Autostopp oder für einen Euro mit dem vorher georderten Rufbus: www.envibus.fr.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

P.S. Taschenlampe nicht vergessen!

add to facebook mailto: add to mister wong add to google add to linkedin add to del.icio.us

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Seealpen

Chaberton – die höchstgelegene Festungsanlage der Alpen

Der höchste und prägnanteste Gipfel des Susatales ist natürlich der Rocciamelone. Und zudem mit seinen 3.538 Metern auch der höchste Wallfahrtsort der Alpen.

Wenn es aber darum geht, welcher Berg in diesem Tal das kurioseste Aussehen hat – acht ‚Zähnchen‘ auf der abgeflachten Spitze – läuft dem weithin sichtbaren Mont Chaberton kein Berg der gesamten Region den Rang ab.
Auf einer Wanderung durch das Val Thuras, einem etwas abseits gelegenen sehr attraktiven Seitental der Dora Riparia, hatten wir ihn vor einigen Tagen sehr lange im Blick – Grund genug, endlich einmal über diesen Berg und sein von Menschen Hand geschaffenes Aussehen zu berichten.

Die Abdankung Napoléon III. im Jahr 1870, der oft als ‚Ziehvater‘ des italienischen Einigungsprozesses bezeichnet wird, und die nachfolgende Verschlechterung in den diplomatischen Beziehungen beider Länder zogen eine bisher nicht gekannte Aufrüstung entlang des Alpenhauptkammes nach sich. So wurden beispielsweise zwischen 1880 und 1890 die Forts am Col de Tende errichtet. Aber erst nachdem Italien 1882 dem Dreibund beigetreten war und sich so mit Deutschland und Österreich starke Verbündete gesichert hatte, reiften Pläne für den Bau einer Festungsanlage auf dem 3.130 Meter hohen Mont Chaberton.

die Baustelle im Jahr 1906
Von Fenils wurde ab 1891 eine 14 Kilometer lange Straße hinauf gebaut, die ‚Strada militare di Val Morino‘ (auch: Strada militare dello Chaberton), und danach erste Unterkünfte errichtet. Im Jahr 1898 wurde mit dem Bau der Anlage begonnen, in die zu Spitzenzeiten 400 Arbeiter einbezogen waren. Deren Versorgung erfolgte über eine aus Cesana heraufführende Materialseilbahn.

Der Gipfel wurde auf der Frankreich zugewandten Seite auf einer Fläche von 140 x 30 Metern abgeflacht und dahinter, sozusagen als Stufe ungefähr 15 Meter tiefer ein 110 x 10 Meter großes einstöckiges Betongebäude als Sockel für die 8 Geschütztürme errichtet. Jeder dieser Türme hatte einen Durchmesser von 7 Metern  und eine Höhe von 8 Metern. Oben drauf saß jeweils eine um 360 Grad drehbare Stahlkuppel für die Geschütze. Von der französischen Seite waren also lediglich diese zu erkennen.
Eine gigantische Anlage also, die hier vis à vis zu den in unmittelbarer Nähe liegenden französischen Anlagen Fort du Gondran, Fort de l‘Olive und Fort du Janus ab 1898 entstand.

Fertiggestellt wurde das Forte Chaberton, von den Franzosen auch „Cuirassé des Nuages“ oder „Fort des Nuages“ genannt, im Jahr 1913. Kam danach aber nie zum Einsatz. Denn als Italien unter recht fadenscheiniger Begründung 1915 den Dreibund kündigte, waren Italien und Frankreich auf einmal Verbündete – und die Geschütze wurden an die italienisch-österreichische Front transportiert.
Unter Mussolini wurde das Höhenfort 1927 wieder bewaffnet. Es wurde zur nächsten Auseinandersetzung mit dem Nachbarn gerüstet. Und nachdem Italien Frankreich am 10. Juni 1940 den Krieg erklärt hatte, um sich an der Liquidation des bereits von der deutschen Wehrmacht geschlagenen Gegners noch rasch und vermeintlich risikolos zu beteiligen, wurden vom Chaberton aus am 16. Juni 1940 – 42 Jahre nach Baubeginn – die ersten Salven abgefeuert.
Die Franzosen nahmen das Fort ab dem 21. Juni von einer südsüdwestlich von Briançon gelegenen bis zuletzt geheim gehaltenen Stellung ins Visier – und schon nach dem ersten Tag waren nur noch 2 von 8 Geschützen  einsatzbereit. So viel zum Thema ‚risikolos‘.
Geblieben sind die Ruinen, die jetzt dem Gipfel des Mont Chaberton aus der Ferne sein gezacktes Aussehen verleihen. Und die stehen seit dem Friedensvertrag von 1947 auf französischem Territorium.


View Larger Map

Bis in die 80-er Jahre des vorigen Jahrhunderts war der Gipfel über die von Fenils heraufführende Piste noch mit einem geländegängigen Wagen anfahrbar. Diesen Weg können/ dürfen heute wegen teilweiser Verschüttung und Sperrung der Strecke nur noch Mountainbiker nutzen. Für Wanderer bietet es sich an, den weitaus kürzeren (und längst nicht so staubigen) Weg von Claviere herauf zu nehmen , für den man circa 4 Stunden benötigt.

Schade, dass der 1957 entstandene Plan, auf dem Gipfel des Monte Chaberton ein Rifugio zu errichten, nicht umgesetzt wurde. Dort hätten im 2. Geschoss, zwischen Restaurant und Panoramekuppel, 5 Doppelzimmer und 8 Einzelzimmer eingerichtet werden sollen. Quel luxe! 

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

add to facebook mailto: add to mister wong add to google add to linkedin add to del.icio.us

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Briançonnais, Chisonetal, Susatal

Aktuelles aus dem Susatal – Ora e sempre NO TAV

In Italien schielt Berlusconi auf die Einführung von Eurobonds und hat zur Eindämmung des riesigen italienischen Staatsdefizits gerade ein Sparpaket verabschiedet, das den Etat in den kommenden zwei Jahren um mehr als 54 Milliarden Euro entlasten soll. Was ausgesprochen plakativ als Programm von ‘Blut und Tränen’ avisiert wird, stellt aber wohl nur EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso zufrieden – er sprach von einem ‘Signal der Entschlossenheit’, wohingegen die Ratingagentur Standard & Poor‘s Italiens Bonität gnadenlos herabstufte. Schaut man sich die Einsparungen, hier vor allem auf Gemeindeebene, an, wird schnell klar, dass sich das seit Jahren betriebene Sparen an der falschen Ecke nahtlos fortsetzt: Wir haben über Finanzmittelkürzungen in italienischen Parkgebieten berichtet, und auch die Zusammenlegung und Umstruktierung der Berggebietsgemeinschaften, der Comunità Montane, böte reichlich Stoff  für eine Glosse. 

Prestigeträchtige Großprojekte wie die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Lyon und Turin, des ‚Treno ad Alta Velocità‘ (TAV) durch das Susatal, hingegen bleiben unangetastet (*). Schließlich gilt es hier, die EU-Subventionen von 671 Millionen Euro nicht zu riskieren. Kein schlechter Zeitpunkt also für ein internationales Forum gegen unnütze Großprojekte.

Forum tematico contro le grandi opere inutili
Forum Tematico Contro Le Grandi Opere Inutile Die NO-TAV-Bewegung hatte eingeladen zu diesem Forum, und vom 26. bis 30. August 2011 trafen sich dazu Vertreter verschiedener Gruppen aus dem In- und Ausland im Gymnasium von Bussoleno und an der Mahnwache von Venaus.
Wenn es einer breitgefächerten Bürgerbewegung gelingt, den Widerstand gegen ein ihr Tal  zerstörendes gigantisches Großprojekt über mehr als 20 Jahre hinweg aufrecht zu erhalten, wenn circa 90 Prozent der Talbevölkerung diesen Widerstand tragen, angeführt von den Bürgermeistern der meisten Gemeinden des Tales, dem Präsidenten der Comunità Montana Valle Susa e Val Sangone, unterstützt von Umweltschutz-organisationen wie Legambiente und vielen Wissenschaftlern – sie aber dennoch nicht in der Lage sind, das Vorhaben zu stoppen, ist es an der Zeit, den bisher schon locker vorhandenen Erfahrungsaustausch mit anderen Bewegungen im In- und Ausland zu systematisieren.

Neben vielen Gegnern des ‚Stuttgart-21‘-Projektes – es schwäbelte mächtig vor Ort – waren Gegner anderer europäischer Hochgeschwindigkeitsstrecken aus dem Friaul, dem französischen Teil des Baskenlandes, aus Katalonien sowie des Tiefbahnhofprojektes in Florenz angereist. Aus der Bretagne kam eine Delegation, die gegen den Flughafenneubau von Notre-Dame-des-Landes kämpft, und aus den Abruzzen Gegner der geplanten gigantischen Erdgaspipeline zwischen Brindisi und Minerbo, die das Zweieinhalbfache des ganzen italienischen Gasverbrauchs durch eine der erdbebengefährdetsten Regionen Europas transportieren soll.
Neben Berichten aus den Protestbewegungen hatten die Veranstalter aus dem Susatal  Wissenschaftler eingeladen, die u.a. dafür plädierten, in Kosten-Nutzen-Rechnungen die real entstehenden Kosten im gesamten Zyklus, also vom Abbau und Transport der Materialien für einen Bau bis hin zum vollständigen Rückbau der Anlagen einzubeziehen.

Parallelen zwischen den einzelnen während der Veranstaltung vorgestellten Großprojekten waren so offenkundig wie die auf Seiten der jeweiligen Betreiber gebetsmühlenartig wiederholten Pro-Argumente, die sich auf eine zentrale Aussage verknappen lassen:
„Wenn wir nicht bauen, verlieren wir den Anschluss an die Zukunft – und die Millionen aus der EU-Förderung!“
Parallelen bestehen darüber hinaus in der einseitigen Berichterstattung, die beispielsweise die Vorkommnisse im Susatal nur thematisiert, wenn reißerisch von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“, „gewaltbereiten Extremisten“ u.ä. geschrieben wird oder die TAZ nicht eben sachdienlich vom „Exportschlager Bahnprotest“ berichtetet.
Dies und die allgegenwärtige Kriminalisierung von Großprojektgegnern bieten genügend Stoff für weitere Foren: Das nächste soll im kommenden Jahr stattfinden, eventuell in Stuttgart.

Pilgern auf der Via Francigena – einmal ganz anders
Und weil es so schön zum Thema passt, hier noch eine kleine Glosse:
Jüngst haben sich die Tourismus-Verantwortlichen der Provinz Turin darauf besonnen, dass es neben dem bei uns bekannten Verlauf der Via Francigena von Canterbury nach Rom auch noch viele weitere Strecken gab, auf denen sich Pilger von Franken auf den Weg nach Rom machten: Wer von Westen kam, nutzte dabei meist die Passübergänge am Mont Cenis oder Mongenèvre, ging also durch das Susatal. Wovon heute noch viele Klöster und Hospize zeugen.
Jetzt kann man in allen Tourismusbüros einen kostenlosen Faltplan zur durch das Susatal verlaufenden Via Francigena bekommen, auf den Seiten von Turismo Torino sind die einzelnen Etappen beschrieben, und auch ein kleiner Werbefilm wurde dazu gedreht.  

Wegmarkierung - Via Francigena Geht man aber auf diesem Weg von Gaglione in westlicher Richtung auf Chiomonte zu – immer der neu angebrachten Pilgermarkierung folgend – gelangt man nach circa einer halben Stunde an ein etwas anderes ‚Pilgerziel‘, nämlich direkt zur NO-TAV-Mahnwache an der Clarea! Dort findet der Weg, seitdem das Baustellengelände zum militärischen Sperrgebiet erklärt wurde, nun sein abruptes Ende. Tourismusförderung hin oder her.
Was niemanden grämen sollte, denn dort steht ein von der NO-TAV-Bewegung eigens errichteter Bildstock. Von dem aus man – andächtig – hinunter blicken kann auf das Sperrgelände, das bewacht wird von Truppen der Brigata Alpina Taurinense. Gerade noch haben sie unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt, jetzt sichern sie eine Baustelle ….  gegen die eigene Bevölkerung.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

(*)
Durch das Susatal zu kommen und nicht auf die ‚NO TAV‘-Bewegung aufmerksam zu werden, ist schlicht unmöglich. Weshalb wir uns im Artikel ‚Hochgeschwindigkeitsstrecke von Turin nach Lyon durch das Susatal – NO TAV!‘ mit diesem Projekt auseinandergesetzt haben. Hier noch einmal ein kurzer Auszug der wichtigsten, gegen das Projekt sprechenden  Argumente:

* Alle erhobenen Daten zeigen einen unaufhaltsamen Rückgang der Güter- und Personenbewegungen auf der Linie und lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass die bereits bestehende Bahntrasse vollkommen ausreicht. Der Personenverkehr – bereits seit vielen Jahren existiert eine TGV-Verbindung zwischen Turin und Lyon! – hat sich seit 1993 halbiert. Der Gütertransport durch den Autobahntunnel von Fréjus ist 2009 auf 10 Mio. Tonnen, d.h. auf das Niveau von 1993, zurückgegangen.
* Es gibt weder technische noch Kapazitätsengpässe. Der heutige Tunnel ist über mehrere Jahre hinweg bis Ende 2010 komplett modernisiert worden.
* Die Energiebilanz des geplanten 57 km langen Basistunnels ist absolut negativ. Sowohl die an der Universität von Siena durchgeführten Untersuchungen zum Energieverbrauch durch den Bau und den Betrieb der neuen Tunnelstrecke als auch die Errechnung des Energieverbrauchs durch das Belüftungs- und Kühlsystem ergeben jede für sich einen CO2-Ausstoß pro Transportladung, der höher ausfällt als der der Ladungen im heutigen Tunnel, selbst bei dessen vollkommener Auslastung.
* Die Sicherheitsvorkehrungen des geplanten Basistunnels, da auf demselben Gleis und in engstem Zeittakt sowohl Personenzüge mit 220-240 km/h als auch Güterzüge mit 100-120 km/h verkehren sollen, sind vollkommen unzureichend.
* Werfen wir noch einen Blick auf die Kosten dieses Megaprojektes: Mario Cavargna, der Präsident von „Pro Natura Piemonte“, hat anlässlich einer Konferenz in Straßburg am 9.3.2011 dargestellt, dass sich auf Basis der im Jahr 2007 geplanten Streckenführung Kosten von 175 Mio. € pro km Bahnstrecke ergeben.

add to facebook mailto: add to mister wong add to google add to linkedin add to del.icio.us

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter NO TAV, Susatal

Parco Alpi Marittime: Übernachtungen in den Seealpen jetzt auch online buchbar

Die Franzosen auf der anderen Seite des Alpenhauptkammes haben es vorgemacht: Bereits seit mehreren Jahren kann man fast alle Hütten im Parc National du Mercantour online buchen.

Nun hat der Parco delle Alpi Marittime nachgezogen.
Seit Anfang August dieses Jahres können über die Seiten des Parks Buchungen für die ersten Häuser online vorgenommen werden. Dieser ‚Servizio di prenotazione on line‘ umfasst zunächst:

Rifugio Dante Livio Bianco,

Rifugio Valasco
Rifugio Valasco,
Rifugio Franco Remondino,
Rifugio Lorenzo Bozano,

Rifugio Morelli-Buzzi
Rifugio Morelli-Buzzi,

Rifugio Genov
Rifugio Genova,

Rifugio Ellena Soria
Rifugio Ellena Soria,
Rifugio Federici Marchesini al Pagarì,
Rifugio San Giacomo,
Rifugio Locanda del Sorriso in Trinità.

In Kürze wird diese Funktion auch für das Rifugio L’Arbergh a Palanfrè zur Verfügung stehen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

add to facebook mailto: add to mister wong add to google add to linkedin add to del.icio.us

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Übernachten, Gessotal, Seealpen

Neues Bivacco im Mairatal – das Danilo Sartore unterhalb des Colle del Sautron

Am 7. August 2011 wird das auf 2.440 Metern Höhe gelegene neue Bivacco Danilo Sartore mit einer Einweihungsfeier seiner Bestimmung übergeben.

Leuchtend rot mit einem bis auf den Boden heruntergezogenen Dach in Form eines Spitzzeltes steht diese Unterkunft in hervorragender Aussichtslage – talauswärts bis über Acceglio hinaus – direkt am Weg auf den Colle del Sautron (2.687 m).

Bivacco Danilo Sartore - Mairatal Mit freundlicher Genehmigung: cuneotrekking.com

Das Bivacco bietet bei komfortabler Belegung Platz für acht Personen. Zur Not geh’n auch vierzehn, die alle nicht im Dunkeln sitzen müssen: Eine kleine Solaranlage sorgt für die notwendige Beleuchtung.

Benannt ist es nach einem jungen Mann, der vor acht Jahren mit nur 22 Jahren bei einem Bergunfall starb. Zur Erinnerung an ihn haben seine Eltern das Bivacco errichten lassen.

Das Bivacco Danilo Sartore ist im Winter unverschlossen, im Sommer mit Schlüssel zugänglich, der in Ponte Maira im Cafè Ciarbonet hinterlegt ist. Tel.: +49 0171 99070 und +49 384 9896706.

Der Colle del Sautron damals und heute

Das „Heute“ ist ganz schlicht zu beschreiben:
Wer im nordwestlichsten Zipfel des Mairatals auf mehrtätiger Tour unterwegs ist, findet mit den Sentieri ‚Pier Giorgio Frassati‘, ‚Dino Icardi‘ und  ‚Roberto Cavallero‘ drei ganz außergewöhnliche und gut markierte Wege vor, wobei die beiden Letztgenannten abschnittsweise stark exponierte Stellen aufweisen.

Mit dem neuen Bivacco Danilo Sartore ist eine Ergänzung zum schon bestehenden Übernachtungsangebot geschaffen worden, das die Lücke zwischen Bivacco Barenghi (2.815 m) und Bivacco/Rifugio Stroppia (2.260 m) im Norden und den Bivacci Bonelli (2.323 m), Enrico Mario (2.650 m) und Le Due Valli (2.600 m) im Süden schließt.

Zum „Damals“ können wir nur Fragmente liefern.
Gelegen zwischen dem Monte Vallonasso (3.034 m) im Norden und dem Monte Viraysse bzw. Cime del Coste du Col (2.838 m) im Süden stellte der Pass die kürzeste Verbindung zwischen dem Vallée de l’Ubayette und dem Mairatal dar und soll bereits von den Römern im 1. und 2. Jh. n.u.Z. genutzt worden sein.

Valle Maira 1:25k - ESCURSIONISTA EDITORE
Mit freundlicher Genehmigung: ESCURSIONISTA EDITORE

Das größte Verkehrsaufkommen dürfte der Pass im 19. Jh. erreicht haben, als die Auswanderungswelle nach Frankreich ihren Höhepunkt erreichte. Die Ruinen des Ricovero Croce Paesana, ehemalige Notunterkunft für die piemontesischen Wanderarbeiter, und eine Gedenktafel, in italienischen Karten als ‚Lapide Emigranti‘ verzeichnet, erinnern an diesen Zeitabschnitt.
Während des Junikrieges 1940 und der ‚Schlacht um die Westalpen‘ wurde der Pass von der italienischen Infanteriedivision Forlì gehalten. Bei ihrem Ziel, die kurz hinter der Grenze liegende Festung Viraysse zu erobern, scheiterte sie kläglich.

Am 12. Mai 1944, seit September 1943 war Norditalien von der deutschen Wehrmacht besetzt, kam es auf der Passhöhe zu einem Zusammentreffen von Vertretern der italienischen Partisaneneinheit ‚Giustizia e Libertà‘ und der französischen Resistance,  um die Möglichkeiten koordinierter Aktionen auszuloten und Vorgespräche für einen formellen Pakt zwischen den Widerstandsbewegungen beider besetzter Staaten zu führen. Zwei weitere Treffen sollten folgen. Ersteres am 20. Mai in Barcelonette, die Italiener schickten mit Duccio Galimberti ihren ranghöchsten Vertreter. Die Abschlussvereinbarung wurde am 31. Mai in Saretto unterzeichnet.

Nach dem Krieg nutzten piemontesische Schmuuggler den Pass auf ihrem Weg ins französische Larche – Reis gegen Salz aus der Provence.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

add to facebook mailto: add to mister wong add to google add to linkedin add to del.icio.us

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Übernachten, Cottische Alpen, Mairatal

Auch 2011: Mit dem Pass Isabelle durch die französischen Seealpen

Aus der ‚Carte Isabelle‘ ist der ‚Pass Isabelle‘ geworden, aber ansonsten gilt: Same procedure as every year: Auf den Regionalbahnen der französischen Eisenbahngesellschaft SNCF im Département Alpes Maritimes wird auch in diesem Jahr wieder für die Zeit vom 1. Juni bis zum 30. September eine verbilligte Tageskarte angeboten. Mit dem ‚Pass Isabelle‘ kann man beliebig oft die Strecken Nizza – Tende, Fréjus – Ventimiglia und Cannes – Grasse befahren (Preis 12 Euro).

Train des Merveilles - Royatal

Mit dieser Fahrkarte läßt sich auch der ‚Train des Merveilles‘ nutzen, der jeden Morgen um 9 Uhr in Nizza startet und nach einer spektakulären Fahrt durch Peillon-, Bévéra- und Royatal

Tende - Royatal

den kleinen Ort Tende erreicht, der als Tor zum ‚Vallée des Merveilles‘ im Mercantour Nationalpark gilt. Dort ist nicht nur die mittelalterliche Altstadt, sondern auch das Musée des Merveilles sehenswert.

Musée des Merveilles - Tende - Royatal Eingang Musée des Merveilles – Tende

Oder man steigt bereits eine Station vorher in La Brigue aus, und geht von dort aus auf einem lokalen Wanderweg nach Notre-Dame des Fontaines, der kleinen sixtinischen Kapelle der Seealpen.

Notre-Dame des Fontaines - die kleine sixtinische Kapelle der Seealpen - La Brigue - Royatal

Um hier nur einige der vielen Tagesausflüge aufzuzeigen, die sich mit dem Pass Isabelle ins Hinterland der Côte d’Azur absolut autofrei durchführen lassen.

Hinweis: Für den ‚Pinienzapfenzug‘, die historische Eisenbahnlinie zwischen Nizza und Digne-les-Bains, gilt der Pass Isabelle nicht!

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

add to facebook mailto: add to mister wong add to google add to linkedin add to del.icio.us

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Royatal, Seealpen, Trenotrekking